Einlassung von Myriam Rapp beim Prozess wegen Ankettens an Baum

Schilderungen des Ablaufs am Südflügel und im Schlossgarten, von Myriam Rapp bei ihrem Prozess am 30.1,2013 vorgetragen:

 13.1.2012 Anketten an den Südflügel

  • Grundlage aller unserer Aktionen ist der Aktionskonsens der Parkschützer, in dem die Gewaltfreiheit und der respektvolle Umgang mit Polizisten festgeschrieben ist. Ausdrücklich wird im Aktionskonsens gesagt, dass die Polizei nicht unser Gegner ist.
  • Vor jeder Aktion – also auch am Südflügel und im Schloßgarten - wird der Aktionskonsens über Lautsprecher mehrmals vorgetragen. Ich sehe den Aktionskonsens als für mich verpflichtend an und habe ihn immer bei mir. Ich würde mich ohne diese selbst gewählte Regel nicht an Aktionen beteiligen.
  • Das Gelände vor dem Südflügel betrat ich um Mitternacht herum. Nina Picasso und ich haben uns sehr früh schon mit dem Fahrradschloß nahe bei einander, aber getrennt an ein Fenstergitter des Südflügels angeschlossen – direkt unterhalb der Friedensfahne. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut. Es waren insgesamt viele Stunden bevor die Polizei kam. Viele unserer eigenen Leute haben nicht bemerkt, dass wir festgemacht waren und waren darüber verwundert, dass wir so lange in der gleichen Position dastanden. Das haben sie uns im nach hinein berichtet.
  • Wir wollten ein Zeichen setzen mit einer symbolischen Handlung, um zu zeigen, wie ernst es uns ist, den denkmalgeschützten Südflügel vor dem Abriss zu bewahren. Auch in der Hoffnung, daß doch noch irgend etwas geschehen würde, was dieser Zerstörung Einhalt gebieten würde, so wie am 30.9.
  • Morgens, es war noch dunkel, kam eine Polizistin und forderte uns freundlich auf, den Platz zu verlassen. Wir erklärten ihr, dass wir festgemacht sind. Daraufhin kam die Einsatzleitung, um sich das genauer anzuschauen. Wir wurden gefragt, ob wir uns losmachen können. Wir verneinten dies. Danach kam die technische Einheit und weitere Polizisten. Unsere anderen Mitstreiter mussten – schweren Herzens - allesamt vom Platz gehen.
  • Die Polizisten versuchten erst mit einem kleinen Bolzenschneider die Fahrradschlösser durchzutrennen. Als das nicht gelang, nahmen sie einen größeren. Als das auch nicht gelang, kam eine Flex zum Einsatz. Zuvor erklärten uns die Polizisten von der technischen Einheit im einzelnen, wie sie vorgehen wollten und schützen uns mit dicken Decken vor Funkenflug an Hals und Kopf. Wir wurden sehr freundlich behandelt.
  • Sogenannte eingebettete Journalisten begleiteten diesen Vorgang. Sie wurden extra zu uns hingeführt, um uns zu fotografieren und zu filmen.
  • Irgendwann gegen 8 Uhr wurden wir weggeführt und unsere Personalien wurden aufgenommen. Polizistinnen durchsuchten uns nach den Schlüsseln der Fahrradschlösser und anderen Gegenständen. Wir hatten die Schlösser noch um den Hals, da die technische Einheit nur die Gitterstäbe am Südflügel durchtrennt hatte, um uns freizumachen. Die Schlösser wurden später als Beweismittel einbehalten.
  • Man fuhr uns zu den Gewahrsams-Containern in Cannstatt, die eigens für die Widerständler, die sich dem Tunnelvorhaben S 21 widersetzen, aufgestellt worden waren. Die Polizisten dort waren ganz verwundert, dass da nur wir zwei Frauen erschienen. Wir wurden hier zum zweiten Mal durchsucht. Dazu mussten wir uns komplett entkleiden. Ihre Begründung war, dass wir Waffen bei uns haben könnten. Ich wurde dort einer ED-Behandlung unterzogen. Während der Untersuchungen waren wir voneinander getrennt. Gegen Mittag wurden wir wieder auf freien Fuß gesetzt. Ich habe mich zu jeder Zeit freundlich und kooperativ verhalten.

 

15.2.2012: Anketten an einen Baum

  • Wie viele andere Mitstreiter befanden wir uns schon lange vor der Parkräumung im Park. Ich besah mir noch einmal die schönen Bäume, die so unterschiedlich gewachsen waren. Unter diesen Bäumen auf der sattgrünen Wiese, die jetzt von Schnee bedeckt war, haben wir Parkschützer so vieles gemeinsam erlebt. Auch dachte ich an die Tiere, die ihren Lebensraum verlieren und an die Kinder, die hier nicht mehr spielen würden. Immer wieder hatten wir in den letzten Jahren Zeit im Park verbracht, manchmal auch dort unter freiem Himmel übernachtet.
  • Irgendwann haben sich viele von uns auf oder unter die Bäume im gesamten Mittleren Schloßgarten begeben. Manche legten sich unter die Bäume, andere saßen oder standen und unterhielten sich oder sangen. Ich versuchte zu schlafen, was mir aber nicht gelang.
  • Wann wir uns dann am Baum angekettet und mit den Fahrradschlössern aneinander festgemacht haben, kann ich nicht mehr sagen. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Da es wegen dem einsetzenden Schneeregen eiskalt war, hatten wir uns mit Erste-Hilfe-Decken, Wolldecken und Plastikplanen zugedeckt. Zusätzlich hielten wir noch Regenschirme über uns, um unsere Gesichter vor dem Schneeregen zu schützen. Von unseren Mitstreitern wurden wir gut versorgt.
  • Allerdings habe ich noch nie über so einen langen Zeitraum so unbequem gesessen, was mir noch eine ganze Woche lang Schmerzen bereitet hat.
  • Irgendwann wurden die Menschen von Polizeireihen aus dem Park gedrängt. Es war ihnen deutlich anzusehen, dass sie nur sehr widerstrebend den polizeilichen Anweisungen Folge leisteten, weil sie ahnten, dass der Park nun verloren war..
  • Diejenigen, die nicht gehen wollten, wurden mitgenommen, andere von den Bäumen geholt. Nina und ich blieben. Wir konnten den Platz wegen der Fahrradschlösser, die um unseren Hals lagen, nicht verlassen. Polizisten zogen uns die Decken weg trotz Kälte und Schneeregen, obwohl wir ihnen gesagt hatten, dass wir nicht weggehen konnten, da wir die Schlüssel nicht mehr bei uns hatten. Sie gingen weiter und ließen uns recht lange ohne Kälteschutz sitzen.
  • Später kam die technische Einheit und zwickte unsere Schlösser mit einem hydraulischen Bolzenscheider durch, was sehr schnell ging. Sie führten das aus mit Ruhe und Bedacht und entfernten die Ketten. Wir waren dabei kooperativ und ließen uns losmachen. Nina durfte ihr Schloss behalten.
  • Wir wurden abgeführt von freundlichen Polizisten, die uns in ihre Mitte nahmen und gehen ließen und zu dem Ort brachten, an dem die Personalien aufgenommen wurden. Anschließend wurden wir entlassen und bekamen einen Platzverweis für einen größeren Bereich um den Hbf herum.
  • Ein Journalist vom ZDF kam von Zeit zu Zeit und filmte uns bis zu dem Moment, an dem wir abgeführt wurden.

Den zweiten Teil der Einlassung finden Sie im BAA-Artikel "Prozess wg. Ankettens an Baum".

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