19. Dezember – Adventsmail aus Stuttgart-Nord

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kuhn,
wir, die Gruppe Nordlichter, möchten Sie heute an den Ordner erinnern, den wir Ihnen Anfang des Jahres übergeben haben. Laut Ihrem Schreiben vom 6. Dezember an uns Stadtteilinitiativen haben Sie unsere Anregungen und Wünsche mit Interesse gelesen und zur weiteren Bearbeitung an die Verwaltung weitergereicht. Das ist ja schön von Ihnen, aber dem sollten auch Taten folgen.
So hatten wir darum gebeten, die Situation des Bodenbelages an der Nordbahnhofhaltestelle der U12 nachhaltig zu verbessern. Hier müssen die Bodenplatten alle paar Monate ausgebessert werden - das nennt man auch Flickschusterei. Wie wäre es, hier einen festen Belag/Asphalt zu benutzen? Das wäre jedenfalls billiger und weniger unfallträchtig.
Des Weiteren haben wir in unserem Ordner darauf hingewiesen, dass wir seit Jahren auf einen Aufzug zur S-Bahnhaltestelle Nordbahnhof warten. Auch in unserem Stadtteil gibt es alte Leute, Menschen mit Handicap, junge Mütter oder Väter mit Kinderwagen und Reisende mit Koffer. Wir bitten Sie nochmals, mit der Bahn zu diesem Punkt zeitnah eine Lösung zu finden.
Kleine Historie zum Nordbahnhofviertel:
Das Nordbahnhofviertel, auch Pragsiedlung (Prag = Brache) genannt, ist eng mit der Eisenbahn verknüpf. Es ist 1886 entstanden durch die Württembergische Eisenbahngesellschaft. Damals wurde ein neuer, großer Güterbahnhof gebaut – am heutigen Nordbahnhof. Dafür wurden viele Arbeiter gebraucht. Das waren Bauern und Tagelöhner aus dem Umland, die untergebracht werden mussten. In den 60er -und 70er-Jahren sind viele der ursprünglichen Einwohner weggezogen. An ihrer Stelle sind viele Migranten eingezogen, die auch heute den Großteil der Bevölkerung im Nordbahnhofviertel ausmachen.
Daher ist es gerade hier wichtig, Örtlichkeiten zu haben, wo die Menschen gemeinsam sporteln können. Denn gemeinsamer Sport hilft den Bewohnern, sich mit dem Stadtteil besser zu identifizieren, ein Wir-Gefühl zu entwickeln im Sinne einer „Sozialen Stadt“.
Im gesamten Nordbahnhofviertel gibt es aber nur noch einen einzigen Bolzplatz (an der Steinbeißschule) und der ist sehr klein und eigentlich unbrauchbar. Wir brauchen dringend möglichst bald einen Ersatz für den Bolzplatz im Rosensteinpark, der im Frühjahr 2013 von der DB für S21 zerstört wurde. Die Bahn hatte uns versprochen, so schnell wie möglich in unmittelbarer Nähe des alten einen neuen Bolzplatz zu erstellen. Darauf sollte ab etwa Ende August 2013 das Spielen möglich sein. Es ist inzwischen Dezember und bislang ist nichts in dieser Hinsicht geschehen!
Im Stuttgarter Norden gibt es eine Reihe von Berufsschulen, deren Infrastruktur (Sportplatz, Sporthalle) auch den Anwohnern, gerade auch den Kindern und Jugendlichen, zur Verfügung gestellt werden könnte. Ein Sportverein würde nicht nur Kindern und Jugendlichen, sondern allen Anwohnern die Möglichkeit geben zu sporteln. In Stuttgart Zuffenhausen/Rot gab es im Rahmen der Sozialen Stadt bis zu drei Stadtteilmanager, die beispielsweise ein Bürgerhaus initiierten. Dies wäre auch für das Nordbahnhofviertel wünschenswert. Wer entscheidet, ob ein Stadtteil als Sozialen Stadt entsprechend gefördert wird?
In unserem Ordner steht auch eine dringende Bitte, die wir nun als dringende Forderung formulieren: Halten Sie die Gentrifizierung des Nordbahnhofviertels auf! Lassen sie nicht zu, dass die Bevölkerung mit geringem Einkommen oder kleinen Renten aus unserem Viertel vertrieben wird! Diese Menschen machen unseren Stadtteil aus und geben ihm sein Gesicht. Sie haben hier ihre Heimat und ihr soziales Umfeld.
 
Bei der Wohnbauförderung im Nordbahnhofviertel muss für mehr Durchmischung der Bevölkerung gesorgt werden und sie muss attraktiver für Familien beziehungsweise Alleinerziehende mit geringerem Einkommen gestaltet werden. Der 1. Abschnitt des Rosensteinquartiers soll mit 31 öffentlich geförderten Wohneinheiten bebaut werden und auf dem Staiger-Areal sind 79 geförderte Wohneinheiten vorgesehen. Dies ist schon ein erster Schritt in die richtige Richtung und dieser Weg muss unbedingt weiter gegangen werden.
Bitte setzen Sie sich zudem dafür ein, dass die Eckartstraße und die Otto-Umfrid-Straße während der Baumaßnahmen von S21 auf dem Kopfsteinpflaster einen geräuschdämpfenden Teppich bekommen. Für die Anwohner dort war es im Sommer dieses Jahres unerträglich, tagsüber und teilweise auch nachts mit einer Geräuschkulisse von bis zu 85 db leben zu müssen und den Staubfontänen, die die LKWs verursachten, ausgeliefert zu sein. In unserem Offenen Brief an Sie hatten wir uns nur auf den Schlaf raubenden Lärm bezogen. Das Thema Fein- und Grobstaub hatten wir außen vor gelassen. Es ist aber auch ein sehr großes Problem hier.
Übrigens: Seit wir den Offenen Brief an Sie geschrieben haben, wodurch auch die Öffentlichkeit einen gewissen Einblick zum Thema LKW-Lärm im Nordbahnhofviertel erhalten hat, fahren wesentlich weniger LKWs durch unser Wohngebiet. Zwar fahren immer noch ein paar Lastwagen auch nachts und gelegentlich ein paar auch am Sonntag (wie etwa am 3. Advent, als morgens um 7:30 Uhr vier LKW`s durch die Eckart- und Nordbahnhofstraße polterten) aber derzeit ist alles im „erträglichen Rahmen“.
Wir möchten Sie darüber informieren, dass  die Gruppe Nordlichter seit September nicht mehr am „sogenannte Stammtisch“ im Infoladen teilnimmt. Dieser fand bisher drei Mal statt und zweimal haben wir daran teilgenommen. (siehe erklärendes Schreiben im Anhang)  Das sollte ihnen Frau Kaiser eigentlich mitgeteilt haben.
Wir, die Gruppe Nordlichter, sind grundsätzlich gegen das Projekt S21. Sie, Herr Kuhn, kennen die ganzen Ablehnungsgründe (Leistungslüge, Kostenlüge, Gefahren für das Mineralwasser, S21 ist kein Infrastrukturprojekt, sondern ein Immobilienprojekt - um nur einige wenige zu nennen). Seit uns bewusst geworden ist, dass wir hautnah davon betroffen sind, sind wir aber auch dagegen, weil es im Besonderen uns Prägemern während der Bauzeit von geschätzten acht bis zehn Jahren große Nachteile  (LKW-Lärm, hohe Feinstaubbelastung) bringen wird. Hinzu kommt, dass dadurch keine Verbesserung in der Bahninfrastruktur zu erwarten ist. Die Zukunft gehört der Bahn. Aber dazu müssen die Gelder wirklich sinnvoll eingesetzt werden (etwa für die Rheintaltrasse oder für Investitionen im Nahverkehr, insbesondere im ländlichen Raum, ... ).
Natürlich sind wir uns im Klaren, dass Sie nicht über die entsprechende Mehrheit im Gemeinderat verfügen, jedoch erwarten wir von Ihnen, dass Sie auch mal der Bahn und dem Gemeinderat gegenüber unangenehme Punkte ansprechen.
Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie frohe Weihnachten und viel Durchsetzungskraft im neuen Jahr – auf dass Sie Ihre im Wahlkampf gegeben Versprechungen auch umsetzen können.
Mit freundlichen Grüße
i.A. für die Stadtteilgruppe Nordlichte
Heidemarie Hug
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1 Response to 19. Dezember – Adventsmail aus Stuttgart-Nord

  1. Mäuschen sagt:

    Herr Kuhn hat Wichtigeres zu tun: er muss sich ja persönlich um einen gestohlene Mops-Figur kümmern.

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