Widerstand mit Poesie

Ein kleines Grüppchen trifft sich bei den Wasserspielen im Schlossgarten. Mit der Leiterin der Gruppe sind es fünf Frauen, ein Mann gibt kurz zwei Texte ab, einer hatte sich angekündigt, kommt aber nicht rechtzeitig an.
Es werden fertige Texte mitgebracht, an Ort und Stelle wird geschrieben. Unser Thema heißt heute: „Macht“ Wir lesen unsere Texte vor, es ergeben sich interessante Diskussionen.
Fazit: Trotz kleiner Beteiligung eine Veranstaltung, die sich gelohnt hat. Schreiben ist eine Form des Widerstands.

Bürger
schaffen eine neue Welt-Ethik.
Friedlich demonstrierend
Halten wir unseren Zorn unter Kontrolle
und zwingen damit
Wirtschaftsbosse +
Ihre Handlanger – Politiker
Ihre Gier nach
Macht + Geld
Unter Kontrolle zu halten
(M.E.)

Der Weg
von Stuttgart
nach Ulm
ist kürzer
als
der Weg
vom Rathaus
zum Bürger
(M.E.)

Die Tempel der Macht
werden von
den
Machtlosen
gebaut
(M.E.)

Schuster
wir können
selber denken,
musst Du
noch
Dein Hirn
verrenken?
(M.E.)

Bürger wollen mitgestalten,
wollen ihre Welt verwalten
und nicht mehr den Kopf
hinhalten.
(M.E.)

Fürs Ehrenamt
gefragt,
für eine Bürgerbefragung
unerwünscht.
(M.E.)

Ohne uns würd alles ruhen,
ohne uns könnt ihr nichts tun.
(M.E.)

70 %
der Menschheit
ist noch
auf der
narzisstisch,
egoistischen
Bewusstseinsstufe.
Wer soll da
Politiker
finden und wählen,
die frei von Machtgier sind.
(M.E.)

Brot und Spiel
Arbeit viel
ist das wirklich unser Ziel
macht uns all das
wirklich satt
oder sind wir schon so platt?
(M.E.)

ICE
Geschwindigkeit
ist es wirklich schon so weit,
dass der Mensch dein Sklave ist
und dabei sich selbst vergisst?
(M.E.)

Nimm dir Zeit für den Ort wo du lebst
Nimm dir Zeit für deine Stadt
Nimm dir Zeit und such ihre Wunden
Nimm dir Zeit und frag was sie will
Nimm dir Zeit und pfleg ihren Stil
Nimm dir Zeit und schütz deine Stadt
vor der Willkür der Macht
(M.E.)

Zuerst haben wir an die Götter geglaubt,
dann an die Kaiser und Könige,
später an die Politik.
Heute glauben wir an uns selbst
und morgen wissen wir um die Einheit.
Bäume sind Teil dieser Einheit,
wer sie zerstört,
gefährdet sich selbst.
(M.E.)

Wirtschaftswachstum wohin wächst du,
Fortschritt wohin geht dein schneller Schritt,
kommt die Menschheit denn noch mit?
Form du große leere Hülle.
Leere schafft erst deine Fülle.
Leere ist der eine Geist,
ohne den die Form verwaist.
Hält der Geist mit Form nicht Schritt,
macht die Menschheit nicht mehr mit.
(M.E.)

Klagelied
Der Macher – der Sachtyp und der Beziehungstyp
entfernt von der Basis
der Sachkenntnis und ohne emotionale Beziehung
sie führen jetzt einen Stellungskrieg mit Täuschungsstrategie
(sind die Mittel schon Kriegsmittel)
Die Macht der Macher stützt sich auf unseren Glauben an das Gute
an einen Landesvater als den obersten Diener des Landes und der ihm Anvertrauten.
Aber gestern ist jetzt vorbei
(U.W.)

Die Macht versteht Bahnhof
in den Worten der Bürger
legt Worte aus in ihrem Sinn
schändet, zerstört ein Denkmal.
Denkmalschutz gilt nur für Bürger
mit Auflagen
mit allerlei Vorschriften
Die Macher und Mächtigen
Beanspruchen für sich aalglatt
für geplante Wahnsinnsprojekte
Gesetzesüberschreitungen
des Denkmalschutzes
Ungeahndet.
Nur der Bürger muss sich nach Gesetzen richten.
Wenn schon zweierlei Maß,
dann für Alle!
Stuttgart schäumt
Den Bahnhof säumt - noch - der Park.
Um altehrwürdige Bäume zu schützen wächst die Zahl Menschen,
die offen ihren Protest bekunden.
Stuttgart erwacht!
(I.S.)

Selbstermächtigung 1
Die Worte frei wählen
Die Liebe frei zeigen
Die Wut verworten
bis sie Netze spinnt
Feste Schritte gehen
Lebensraum greifen
Diese Stätte schützen
Bis ruhiger Atem fließt
Selbstermächtigung 2
Streiten nur, solange ich
Kraft habe
Wachen nur, solange ich um
meine Träume weiß
Demonstrieren nur, solange die gerufenen
Worte meine sind
Schweigen nur, um Kraft
zu sammeln.
(E.E.)

Hat der Macher Macht
oder
wie viel Macht hat einer
der im Weg steht
nichts tut
keine Reaktion zeigt
nicht ja sagt
aber auch nicht nein
wird er nur belächelt
weggefegt
oder allein zurückgelassen
ist das die Angst
der Ohnmächtigen
dass die Welt ohne sie
fortbesteht
und eint das
Mächtige und Machtlose?
(K.W.)

Stuttgart schäumt
Hat da wer was ins Wasser getan
Oder kommt die
Wut
Schon aus den Rohren?
(K.W. angesichts der schäumenden Wasserspiele)

J.W. v. Schwabenstreich
Rückzählvers
10 kleine Planerlein
am Abriss sich erfreu‘n,
Frau Eisenmann den Baustopp will,
da waren‘s nur noch 9.
9 kleine Planerlein
Vertrau’n auf ihre Macht,
Jens Hagen meint:“Ein Risiko“,
da waren’s nur noch 8.
8 kleine Planerlein,
die keine Bäume lieben –
Herr Nils Schmid will den Volksentscheid –
Da waren’s nur noch 7.
7 kleine Planerlein,
Herr Mappus knurrt: „Verrecks’s…“
(Vermutung für 2. Septemberhälfte)
Die Demos waren riesengroß
Und Planer nur noch 6.
Fortsetzung folgt! Die letzte Strophe wird lauten:
1 kleines Grubelein
Das war die härt’ste Nuss.
Im Park, da war ein großes Fest,
mit Tiefbahnhof war
SCHLUSS!
(A.M.)

Widerstand ohne Poesie
Angesichts der Politik
schweigt die Kunst.
Politik und Kunst
sind nicht
miteinander vereinbar.
So schweigt
die Kunst,
schweigt und schreibt
ein lautloses Nein.
Politik brüllt immer,
brüllt, schlägt, ignoriert.
Kein Wunder
ist Kunst
so still.
7.9.2010
(Zerstörung des Robin-Wood-Baumhauses durch Spezial-Höhen-„Rettungs“-Einheiten
der Polizei)
(A.M.)

4 Kommentare zu Widerstand mit Poesie

  1. Nonsens des Konsens

    Vergewaltigte Tränen
    gefallener Menschen
    ergießen sich über
    gefallene Bäume.

    Der Eile geopfert,
    den Zeiten entwachsen
    im Lande
    Le.

    So soll
    es sein,
    das Haben-Sein.
    Es soll?

    Es muss,
    denn schnell soll sein,
    was schnell
    sein muss.

    Wie langsam
    doch die Bäume wuchsen
    auf Gründen
    grüner Hügel.

    Ein Hoch
    den weißen Bahnen,
    im schwarzen Dunkel
    tief.

    Und langsam fließen
    blut’ge Tränen.
    Und schnell
    sind rote Linien.

  2. Andy sagt:

    Über dem Volke

    Stuttgart, Landtag: in der Nacht
    hört man Kettensägen dröhnen;
    gut geschmiert und scharf gemacht,
    den Protest zu übertönen.
    Stefan Mappus schwätzt enorm,
    zelebriert seine Parolen:
    dummes Zeug in hohler Form –
    soll der Teufel ihn holen!

    Über dem Volke muss die Frechheit wohl grenzenlos sein!
    Die Versprechen, Interessen, sagt man,
    sind gegeben und gegessen, und dann
    wäre was uns allen wichtig erscheint
    doch nur nichtig und klein!

    Auch der Schuster stößt ins Horn
    des Herrn Mappus und Herrn Grube.
    Gegen seines Volkes Zorn
    bläst er zum graben unsrer Grube.
    Auch bei ihm sind, wie mir scheint,
    Malz und Hopfen längst verloren.
    Sein Volk schreit indes vereint
    in seine tauben Ohren:

    Über dem Volke muss die Frechheit wohl grenzenlos sein!
    Die Versprechen, Interessen, sagt man,
    sind gegeben und gegessen, und dann
    wäre was uns allen wichtig erscheint
    doch nur nichtig und klein!

    Darum steh ich auf und geh
    zu den Andern auf die Straße.
    Schuster lacht und blökt Ach nee!\nund zeigt uns die lange Nase.
    Und so manches taube Schaf
    hört den Ruf, lässt sich bewegen
    ihm zu folgen, blöd und brav,
    mit hundert Kettensägen!

    Über dem Volke muss die Frechheit wohl grenzenlos sein!
    Die Versprechen von dem Schuster sind alt,
    bald ist alles zappenduster und kalt,
    und das, was uns allen wichtig erschien
    end- und gültig dahin!

  3. Andy sagt:

    Auf de Schwäb’sche Eisebahne – S21-Remix

    Auf de schwäb’sche Eisebahne
    gibt es viele Haltstatione:
    Stuttgart, Ulm und Biberach,
    Mekkebeure, Durlesbach. – Trulla…

    Doch die schwäb’sche Eisebahn
    kriegt en dicke Umbauplan:
    Alles weg und unter Grund –
    des klingt mächtig ungesund! – Trulla…

    Männer, die im Hirn wohl bärtig,
    schreien: \In zehn Jahr isch’s färtig;
    Grube da, jetz hupfet nei,
    Tunnel baue, eins, zwei, drei!\ – Trulla…

    Grube, von de Eisebahne,
    schwenkt’s Billet und seine Fahne,
    geht zur Staatskass‘, lupft den Hut:
    \10 Milliärdle, send so gut.\ – Trulla…

    Einen Bock hat er gekaufet,
    und dass der sich net verlaufet,
    bindet ihn der Grube fescht
    an de Zug na Budapescht!\ – Trulla…

    \Böckle spring nur, spring recht schnelle,
    werd derweil die Weiche stelle,
    weiß net wie und auch net wo,
    doch vertrau mir: basst scho so!\ – Trulla…

    Wie der Zug – mal wieder – staut,
    Grube nach dem Böckle schaut,
    doch nur noch die linke Hax
    baumelt an dr Wageachs! – Trulla…

    Zornig dut er’n Huf abreiße:
    \I könnt mr in de Arsch nei beiße,
    mit Kopf wär des net passiert!\
    Schön, dass er’s jetzt auch kapiert… – Trulla…

    So ghörts dene, die da hocket,
    die den Bockmischt hend verbocket.
    S-21 traurigs End –
    Himmel, Schtuagart, Sapperment! – Trulla…

    Jetz, da dieses Liedle gsunge,
    hats Euch recht im Hirn erklunge?
    Für den Kopf, da stoß mer an,
    auf’s Wohl der schwäbsche Eisebahn!

  4. thomas kleine sagt:

    Weihnachten 2010

    Wie kommt der Schnaps in die Praline
    und ein Bahnhof unter die Erde?

    Es war in jener Zeit, als in den Lebensmittelläden kaum noch ein Durchkommen war, weil schwere Paletten mit Lebkuchen, Spekulatius, Schokoladenikoläusen und auf Weihnachten getrimmte Ostereier den Weg zwischen den Regalen versperrten. Überall duftete es nach Nelken und Zimt. Die Kaufleute nennen diese Zeit Beginn der Weihnachtssai-son, die Meteorologen sprechen vom Spätsommer. Dem echten Nikolaus, der oben im Himmel auf seinen Einsatz wartete, verging bei diesem Anblick schon wieder die ganze Lust auf Advent und Weihnacht. Insgeheim überlegte er, wie er sich am besten drücken könne. Was würde ihm sein Chef eher abnehmen: Migräne oder Hexenschuss? Doch die Sache entwickelte sich anders.
    Es war sehr warm im September 2010 in Stuttgart. Damit keiner der zahlreichen Demonstranten gegen die Tieferlegung des Bahnhofs einen Hitzschlag erleiden müsste, stellte die Polizei Wasserwerfer zur Verfügung. Aber die aufgebrachte Menschenmenge dankte es den Ordnungshütern mit Stuttgarter Pflastersteinen, andernorts bekannt als Rosskastanien.
    Woher kam der Unmut dieser ansonsten so rechtschaf-fenen Stuttgarter Bürger? Eine Antwort könnte sicher meine Großmutter geben. Leider lebt sie schon lange nicht mehr, aber in mir lebt ein Spruch, den sie mir schon als kleines Kind eingetrichtert hat: Der König war a rechter Mo. – Damit meinte sie Wilhelm II., König von Württemberg, der dadurch berühmt wurde, dass er seine zwei Hunde täglich im Schlosspark spazieren führte und dabei die Nähe zu seinem Volk suchte und genoss.
    Der König war a rechter Mo : Kein Satz könnte besser das Verhältnis der Schwaben zur Obrigkeit beschreiben. Der König ist keine Majestät, kein Landesvater, kein Oberhaupt, sondern schlicht ein Mann wie fünfzig Prozent der Erdbevölkerung auch. Aber trotzdem ist der König für den Schwaben etwas besonders: Seinen Respekt drückt er mit dem Wörtchen recht aus. Ein rechter Mann ist einer, der sei Sach schafft, also einer, der die ihm auferlegten Pflich-ten ordnungsgemäß erfüllt.
    Was aber sind diese Pflichten bei einem König? Die württembergischen Könige unterschieden sich in einem Punkt von den modernen Politikern: Allesamt wussten sie, dass sie zum Regieren nicht geeignet waren. Deshalb überließen sie dies zum Beispiel ihren Frauen. So kommt es dass kein Stuttgarter Kind mehr den Namen der alten Könige weiß, aber alle kennen Katharina, Olga und Charlotte. Zu hoffen wäre allerdings, dass sich die Kinder nie den Namen Tanja einprägen müssen. So viel der Ehre hätte unsere Grinsekatze im Landeskabinett nämlich nicht ver-dient.
    Die Bezeichnung „rechter Mô“ ist übrigens nur die zweitbeste Auszeichnung, die meine Großmutter an Männer vergab. Die Steigerung wäre gewesen Des isch a feiner Mo, aber das Adjektiv fein verwendete meine Oma fast ausschließlich für Ärzte und Pfarrer. Vielleicht wäre Heiner Geißler auch als feiner Mo durchgegangen, aber nur weil er katholisch ist. Meine Oma hatte klare Maßstäbe, sie stammt nicht umsonst aus Stuttgart – Hofen.
    Der Schlichtungsprozess wurde vom Himmel aus genau verfolgt. Der heilige Nikolaus, der Schutzpatron der Seefahrer, der Reisenden und neuerdings auch der Bahn-fahrer, erklärte den Schutzengeln, die leicht beleidigt sind, dass mit dem Slogan oben bleiben nicht sie gemeint sind. Als der 6. Dezember kam, spürte der Nikolaus, dass er diese Stadt nicht allein lassen darf. Die anderen Heiligen wun-derten sich, wie rasch sich der alte Mann von seinem Hexenschuss erholte und pünktlich frisch und fesch am Nikolaustag bereit war, Stuttgart zu besuchen.
    Ich will mal ausprobieren, was der lange Schlichtungs-prozess in Sachen Bahnhof gebracht hat, dachte sich Niko-laus und begab sich in das Zeltdorf der Parkschützern. Diese erklärten ihm ausführlich, warum sie gegen das Projekt seien. Dem Nikolaus brummte bald der Schädel: Wenn ich es recht verstehe, dann verhält es sich so…. Er griff in sei-nen großen Sack und fischte einige Weihnachtsplätzchen heraus: Diese Bärentatze lege ich mal hier oben auf euren Campingtisch. Das soll die Wilhelma sein. Dieser Dominostein hat dieselbe originelle Form wie die neue Stadtbücherei und dieselbe Licht durchflutete, helle, freundliche Fassade. Sie liegt im Westen. Den neuen Bahnhof markierte er dann mit Ausstecherle. Wo der große Polizeieinsatz statt fand, legte er Spritzgebäck und Pfefferkuchen hin. Die berittene Polizisten wurden zu Springerle und das große Gebiet, in dem heute noch die Gleise liegen, mit dem aber schon viele Investoren spekulieren, umzäunte er treffend mit Spe-kulatiuskeksen. Und dazwischen gab es jede Menge Spitzbuben, eine besondere Stuttgarter Spezialität – nicht nur zur Weihnachtszeit.
    Wirklich erstaunlich, murmelte der weiße Mann, was die da vor haben. Ob das gelingen kann? Da muss ich doch glatt mal im Rathaus nachfragen.
    Der Oberbürgermeister wunderte sich gehörig, als der Nikolaus in seinem Büro stand. Stimmt es, fragte der Weißbärtige nach der Begrüßung, „dass Sie das Bahnhofs-projekt stoppen, wenn durch den Bau die Cannstatter Mine-ralquellen gefährdet werden? – Ich halte immer mein Wort, bestätigte der Oberbürgermeister.
    Das ist löblich, erklärte der Heilige und schenkte dem Stadtoberhaupt eine Schnapspraline. Er schaute zu, wie das gute Stück in den Mund wanderte. Als der OB sein Gesicht verzog, wusste der Nikolaus, jetzt ist das Kirschwasser aus seiner Schokoladenhülle auf die Zunge geflossen. Auf diesen Moment hatte er gewartet. Mit einer Unschuldsmiene fragte er: Könnte es nicht sein, dass das Mineralwasser genauso herausplatzt wie der Schnaps aus der Praline. – Aber nein!, protestierte der Rathauschef, Wenn man Schnaps in eine Praline kriegt, dann kriegt man auch einen Bahnhof unter die Erde. Aber wie kommt eigentlich der Schnaps in die Praline? OB und Nikolaus hatten keine Ahnung, aber ihr Wissensdurst war geweckt.
    Die einfachste Methode ist, die Flüssigkeit in eine Hülle aus Zuckerguss zu füllen, die dann in Schokolade getaucht wird. Ein Tiefbahnhof aus Zuckerguss, das passt ins Märchen von Hänsel und Gretel, aber nicht in eine urbane Metropole.
    Die zweite Methode bedeutet, den Schnaps mit einer Crememasse zu verbinden und dadurch dickflüssig zu machen. Aber dieses Modell auf den Bahnhof übertragen würde wohl nicht den geforderten Stresstest durchstehen.
    Bei der dritten Möglichkeit wird mit den verschiedenen Aggregatszuständen geschafft und mit einem ausgeklügelten System von Kühlung und Erwärmung gelingt es, den Schnaps in eine hohle Schokoladenkugel zu füllen, ohne dass diese schmilzt. Das ist doch die Idee! rief der Bürgermeister begeistert. Wir kühlen den Mittleren Schlossgarten bis in eine Tiefe von 35 m einfach unter den Gefrierpunkt, dann fließt kein Mineralwasser in die Baugrube, weil es zu Eis geworden ist. Wir erzeugen den ersten Permafrostboden in Mitteleuropa und schaffen so ein einzigartiges Biotop für die Tiere, die in der Tundra dem Klimawandel zum Opfer fallen. Wo jetzt noch Kaninchen hoppeln, werden sich bald Lemminge und Ziesel vor den Polarfüchsen verstecken. Und anstelle des lästigen Juchtenkäfers wird bei uns der sibirische Jurtenkäfer heimisch. Ich sehe schon den neuen Slogan: Stuttgart, das kalte Herz Europas.
    Der Nikolaus schaute entsetzt auf seine Pralinen. Was hab ich da angerichtet?, dachte er, Kann es sein, dass so der Begriff ‚Schnapsidee’ entstanden ist? Unauffällig ver-schwand er und ließ das Stadtoberhaupt mit seiner neuen fixen Idee allein zurück.
    Erschöpft setzte sich der Nikolaus auf die Rathaustreppe und verteilte seine übrigen Schnapspralinen an die Passanten. Insgeheim hoffte er, dass eine Schnapsidee die andere ablösen möge. Währenddessen ertönte wie jeden Abend das Glockenspiel im Turm des Rathauses mit der Melodie von Üb immer Treu und Redlichkeit.
    Thomas Kleine, Fellbach 2010,

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