‚UMSTIEG 21‘ aktuell: Zum UPDATE 2018

Rede von Dr. Norbert Bongartz, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, auf der 403. Montags­demo am 5.2.2018

Liebe unentwegte Mitleute hier auf dem Schloßplatz,

wie schön, dass wenigstens wir da sind! Es sind nun schon zwei Wochen her, dass unser Aktions­bündnis gegen das im doppelten Wortsinn „schräge“ Großprojekt S21 mit der Aktualisierung des ‚UMSTIEG‘- Konzeptes an die Öffentlichkeit getreten ist.

Dazu hatten wir am vorletzten Montag eine gut besuchte Presse- konferenz, in der wir eine aktualisierte Fortschreibung unseres Konzeptes vorgestellt hatten. Diese Fortschreibung haben wir als neues achtseitiges Heft zum Einlegen in die ‚UMSTIEGS‘-Broschüre gestaltet. Dem Heft haben wir das Etikett UPDATE 2018 gegeben. Seit zwei Wochen liegt dieses Einlegeheft zur Abholung an den Ständen des Aktionbündnisses und der Parkschützer gegen eine kleine Spende aus.

Es mag so aussehen, dass wir eine öffentliche Vorstellung unseres UPDATEs vor einem breiten interessierten Publikum verpasst hätten, so wie wir das vor eineinhalb Jahren im Großen Saal des Gewerkschafts- hauses mit der Erstfassung des ‚UMSTIEG‘-Konzeptes gemacht hatten. Tatsächlich hatten wir eine derartige öffentliche Nachfolgeveranstaltung geplant, möglichst noch am vorletzten Montag. Doch, oh Schreck: Wir haben keinen der angefragten Säle bekommen können. Sie waren entweder zu klein oder zu teuer, oder es gab keinen freien Termin für den Saal. Kurz, es war wie verhext! So haben wir schließlich resignieren müssen...

Die Hauptsache war, dass wir (also Werner Sauerborn, Klaus Gebhard, Peter Dübbers und ich) mit unserem UPDATE rechtzeitig zum 26. Januar herauskommen, vor der schon mehrfach verschobenen Aufsichtsratssitzung der DB zum Thema S21 in Berlin.

Wir waren und sind davon überzeugt, dass es einen Sinn hat, in Berlin und in Stuttgart für einen UMSTIEG aus dem DB-akel zu werben. Druck machen – das können wir vier Leutchen sicher nicht, aber wir hofften darauf, dass wir einen Sog herstellen könnten, um den zaudernden, hoffentlich nachdenklich gewordenen Menschen in den leitenden Gremien der Deutschen Bahn einen Strohhalm oder gar einen Rettungsring für ihr verfehltes Projekt zuwerfen könnten.

So nahte der vermeintliche Schicksalstag am Freitag drauf in Berlin. Unsere Hoffnung, die Bahn-Spitze werde langsam aufwachen und ernsthaft über Alternativen – einschließlich eines Ausstiegs aus S21 – nachdenken, haben sich bekanntlich nicht erfüllt. Oder – doch: Das Stichwort Ausstieg muss an dem Freitag gefallen sein, denn den Aufsichtsräten wurde vom Bahnvorstand weis gemacht, ein Ausstieg koste fast soviel wie die von der Bahn für das Projekt angesetzten Kosten.

Und dann – passierte das Wunder: Der Vorstand (oder wars nur Angela Merkels Paladin Roland Pofalla?), waren so verwegen, sich selbst einen noch ungedeckten weiteren Milliarden-Blankoscheck auszustellen, und mancher Gewerkschafts-Aufsichtsrat hat sich wohl mit der Zusicherung bestechen lassen, dass die Bahn demnächst 6000 neue Stellen schaffen werde. Die Zeitungen brachten diese Nachricht kurz nach der AR-Sitzung – hörbar trapste die Nachtigall ...

Ein baldiges Ende von S21 ist also immer noch nicht in Sicht. Es wird weiter gebaut und so weitere Steuer-Milliarden für das unsinnige Projekt verbrannt werden.

Wer meint, der Aufwand für das ‚UMSTIEG‘-Konzept sei dann wohl vergebens gewesen, der hat – bezogen auf Berlin – vorläufig recht. Aber: Hier im Land beginnt die Riege der Befürworter von S21 spürbar zu bröckeln: Mit Erstaunen dürfen wir nicht nur feststellen, dass die Zeitungen immer offener und kritischer über das Verhalten der Bahn berichten und ihre kriminelle Informations-Politik geißeln. Inzwischen sind auch nicht wenige der bisherigen Befürworter von S21 über die Bahn verärgert. Mehrere Bürgermeister auf den Fildern, der Esslinger Landrat und die Verwaltungsspitze in Ulm – darunter sind sogar manche CDU-Mitglieder – favorisieren inzwischen Teile unseres Umstiegs-Konzeptes wie den von uns propagierten S-Bahn-Ringschluss über die Filder nach Wendlingen.

Schauen Sie selbst in unser neues UPDATE-Heft hinein, und Sie werden sehen, dass sich der in unserer ersten ‚UMSTIEGS‘-Broschüre vorgeschlagene Umfang von möglichen vernünftigen Umnutzungen bereits begonnener S21-Baustellen im UPDATE-Heft verdoppelt hat.

Beispiele gefällig? Was man mit den Tunneln machen könnte, dazu hatten wir vor anderthalb Jahren noch keine zündende Idee gehabt. Nun aber wissen wir, dass sich die bereits gebohrten S21-Tunnel als Direkt-Verbindungen vom Zentrum nach Feuerbach, nach Wangen oder hinauf auf die Filder mit E-Bussen und für einen Lieferverkehr mit Elektrofahrzeugen nutzen ließen. Gleichzeitig bieten sich die neuen Tunnel als willkommene Trassen für verschiedenartige Versorgungsleitungen an ...

Oder: Bahnhofsnah bietet sich ein geeigneter Standort für ein neues Lindenmuseum an. Die von der Stadt angedachte Internationale Bauaustellung, die sich im Rosenstein-Areal bis 2028 nicht mehr realisieren läßt, wäre bei einem vorzeitigen Abbruch der Tunnelarbeiten für S21 schon noch möglich – auf dem C-Areal, dem wir den Namen „Neue Prag“ gegeben haben. Wenn der Kopfbahnhof nicht entwidmet werden kann, weil andere Bahnunternehmen seine Stilllegung gerichtlich verhindern können, steht das mit großem Tamtam beworbene Rosenstein-Konzept auf wackeligen Füßen.

Klaus Gebhard weist im UPDATE auch auf ein erhebliches Defizit in den Plänen der Bahn hin: Sobald die neue Schnellbahnstrecke nach Ulm befahrbar ist, wird es bei Wendlingen über viele Jahre ein eingleisiges Nadelöhr zwischen der Neckartalbahn und zur Neubaustrecke geben; ein Nadelöhr, welches nur mit einem zusätzlichen Anschlussgleis vermieden werden kann. Das und ein neues Gleis zwischen Wendlingen und Plochingen werden das Bahnprojekt noch weiter verteuern ...

‚UMSTIEG 21‘ plus seine Fortschreibung sind und bleiben eine konstruktive Option auf einen Plan B zu S21, den bislang weder die Bahn noch ihre Projektpartner auf dem Schirm haben. Wie lange werden diese unsere Ideen ignorieren können?

Wenn sich die Bahn mit ihrer Klage gegen das Land und die Stadt zur prozentualen Nachfinanzierung der Kostensteigerungen die Zähne ausbeißt und ihre Vabanque-Politik scheitern wird, dann muss sich Angela Merkel fragen, ob sie alle der fehlenden Milliarden der Bahn aus Bundesmitteln zur Verfügung stellen kann. In jedem Fall steckt sie in einem gewaltigen Dilemma. Dann stellt sich die Frage nach einem Aus- und Umstieg immer dringlicher.

Meine vorläufige Schlussfolgerung: Das hohe Ross, auf dem die für S21 Verantwortlichen sitzen, hat längst sehr kurze Beine bekommen ... Seien wir uns im Klaren darüber, dass wir auch mit dem Konzept ‚UMSTIEG 21‘ keinen Druck auf die Verantwortlichen ausüben können. Wohl aber einen erheblichen Sog, wenn die Bahn nicht mehr weiter weiß.

Meine zweite Schlussfolgerung: Es lohnt sich, wenn wir weiter nicht locker lassen und:

OBEN BLEIBEN!

Rede von Norbert Bongartz als pdf-Datei

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Ein Kommentar zu ‚UMSTIEG 21‘ aktuell: Zum UPDATE 2018

  1. Krischan sagt:

    Hey,
    wäre es nicht am besten, wenn das aktualisierte Umstiegskonzept auf einer Demonstration wie der Montagsdemo mit 1 oder 2 großen Leinwänden für Alle präsentiert wird? zugegeben ist es zurzeit etwas kalt dafür, aber vielleicht wird es Ende Februar gemütlicher und es ist immernoch dunkel genug für starke Beamer Abends, ansonsten könnten man sich vielleicht große LED-Wände mieten anstatt einer Halle?

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