Rede von Joe Bauer auf der 440. Montagsdemo am 5.11.2018

Guten Abend, verehrte Protestgemeinde von Stuttgart,

Sie wissen vielleicht, mein Hobby ist der Blick vor die eigene Haustür, auf den Sumpf unserer unmittelbaren Umgebung, womit ich nicht nur die braun gefärbten Ablagerungen im Landtag da vorne meine.

Da drüben, liebe Freundinnen und Freunde, steht das Neue Schloss, ein Denkmal des Feudalismus, in dem heute der Finanzminister residiert. In diesen Gemäuern empfing 2017 seine grüne Durchlaucht King Kretschmann Baden-Württembergs Adel. Ich muss nicht sagen, wofür der Adel auch heute noch steht: für reaktionäre Gesinnung und Sehnsucht nach dunkler Vergangenheit. Der Ministerpräsident ehrte die Herrschaften für die Pflege von Schlössern, Wiesen und Wäldern. Der Kabarettist Max Uthoff sagt dazu in seinem aktuellen Bühnenprogramm: „Kretschmann dankt denen, die uns das Silberbesteck gestohlen haben, weil sie es putzen.“

So weit zu unseren Blaublütlern und ihrem Gefolge. Heute halte ich keine meiner sonst üblichen Reden, die Sie eh nicht mehr hören können. Hier auf dem Schlossplatz hat neulich das historische Volksfest stattgefunden, eine Hommage an die Schaubuden und den Puderzucker des Jahrmarkts. Selbstverständlich war ich dort – und habe zufällig König Wilhelm den Zweiten getroffen. Daraus habe ich eine Glosse zur Revolution 1918 gemacht. Sie heißt der Starke August

DER STARKE AUGUST

Eitelkeit ist das größte Hemmnis eines Mannes, die Revolution voranzutreiben. Er muss andere wichtige Dinge entscheiden, etwa ob er gemahlenen Kaffee bevorzugt oder ganze Bohnen. Was wiederum bedeutet, zwischen einer handbetriebenen und einer elektrischen Kaffeemühle zu wählen. Welch‘ unverantwortlicher Zeitverlust angesichts der dringend notwendigen Revolution.

Ähnlich läuft es beim Rasieren. Ein zum Aufstand entschlossener Mann wird keinen Damenrasierer mit Mehrfachklinge, sondern Seife und Pinsel, einfache Klinge und rustikalen Edelstahlhobel benutzen – und damit im Klassenkampf gegen den sich trocken rasierenden oder hipsterbärtigen Kapitalisten wertvolle Minuten einbüßen. Und endgültig verliert er, wenn er in seiner Selbstverliebtheit auch noch einen eklig vibrierenden Nasenhaarschneider in seinem Zinken ansetzt!

Ich lasse mich über das Historische Volksfest auf dem Schlossplatz treiben. Man weiß heute nie, warum Menschen sich massenhaft treffen. Ob sie wirklich gekommen sind, um den Flohzirkus und die Frau ohne Unterleib zu sehen? Oder in der Absicht, mit dem Mobiltelefon im Anschlag in eine Masse Mensch einzutauchen. Wer schon will heute noch wissen, dass auf dem Rummelplatz das ganze Leben erfunden wurde. Der Tratsch und die Unterhaltung. Die Erotik und die Liebe. Das Nachrichtengeschäft des Verfassungsschutzes, die Propaganda der Parteien, das Entertainment der Rolling Stones. Alles kommt vom Jahrmarkt. Er ist der Rummel der Rührung und das Theater der Tumulte.

Im Flohzirkus schaue ich zu, wie August schweres Gerät hinter sich herzieht. Er heißt wirklich August, was mich schmerzt. Warum hat man diesen unschuldigen Hüpfer ausgerechnet nach August dem Starken benannt? Nach einem prunksüchtigen, kriegsgeilen Macho. Erschwerend kommt hinzu: August der Starke war Sachse! Ein dekadenter Kaffeesachse, schlimmer als jeder fettäugige Suppenschwabe (zwei Begriffe, die wir den Brüdern Grimm verdanken). Entsprechend war Augusts Kaffeegeschirr: Neben Edelmetallen und Elefantenzähnen enthielt es fünfeinhalbtausend Diamanten. Heute funktioniert der Feudalismus bei uns ja auch nicht anders.

August war ein Nutznießer des Jahrmarkts: Zum Vergnügen hielt er sich einen Narren und Taschenspieler namens Joseph Fröhlich (!). Heute nennt man einen solchen Narren und Falschspieler bei uns „Sonderbeauftragten“. Der arbeitet nicht für mehr den dummen August von Sachsen, sondern für den Vollhorst aus Bayern.

Von den Sachsen stammt der militante Spruch: „Ohne Gaffee gönn mer nich gämpfn!“ Davon angefixt, vergeude ich heute beim Grübeln über die Vor- und Nachteile ganzer und gemahlener Bohnen so viel Zeit, dass die Revolution viel zu langsam in die Gänge kommt. Sollten deshalb schon demnächst wieder die Faschisten die Macht übernehmen, hat der Kaffeesachse Schuld.

Diesen Zusammenhang hätte ich ohne den Flohzirkus und seinen Superstar August nicht erkannt. So wie ich ohne den Rummelplatz nicht wüsste, warum jeder Gurkenhobelverkäufer unseren Landesministern Strobl und Wolf rhetorisch um fünfeinhalbtausend Gurkenhobellängen voraus ist.

Selbstverständlich besuche ich auf dem Jahrmarkt auch die Frau ohne Unterleib. Die Wahrheit ist: der Menschheit wäre Leid erspart geblieben, hätte der liebe Gott oder ein anderer Taschenspieler den Mann ohne Unterleib erschaffen. Dann müsste er nicht fortwährend Panzerrohre, Atombomben und SUV-Raketen von Porsche auffahren, um Aufmerksamkeit für seinen starken August in der Hose zu erregen.

Als ich über den Jahrmarkt gehe, ruft plötzlich ein Uniformierter: „Dr Kenig von Württemberg“! Ein lärmender Spielmannszug kommt um die Ecke marschiert, junge Frauen und Männer schauen verbissen in die Welt, während sie blasen und trommeln. Und tatsächlich spaziert nun vor dem Kunstgebäude ein kleiner Mann mit grauem Vollbart, schwarzem Anzug und Hut über den Platz.

Das muss Wilhelm II. sein, auch wenn mir Zweifel an seiner Echtheit kommen: Niemand ruft wie gewohnt „Grüß Gott, Herr Kenig!“. Auch hat mein monarchistischer Spaziergängerkollege seine beiden Hunde der Marke Spitz nicht dabei. Ich weiß, wie die Köter heißen: „Rubi, Ali“, rufe ich. Aber kein Schwanz rührt sich. Die Spitze des Königs wissen: Die Revolution frisst ihre Pinscher.

Der König von Württemberg lächelt ins Volk. Hey, Willi, sage ich, dein Grinsen wird dir schon noch vergehen. Ich schaue auf die Uhr. Es ist Oktober. Fünf vor zwölf. Zeit zu handeln. So laut ich kann, singe ich gegen das Getrommel und Gebläse des Spielmannszugs an: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde . . .“ Oben auf dem Kunstgebäude tanzt der goldene Hirsch. Auf dem Kunstmuseum links von mir prangt in roten Buchstaben der Schriftzug „Ekstase“. Und der ganze Schlossplatz beginnt zu singen: „Völker, hört die Signale ...“

Willi schaut mich an, er hat Tränen den Augen. Willi weiß: Schon in wenigen Tagen, am 9. November, werden Arbeiter durch die Straßen von Stuttgart ziehen. Sie werden dem steinernen Kaiser Wilhelm auf dem Karlsplatz eine rote Mütze aufsetzen, in das Wilhelmspalais eindringen und auf dem Dach die rote Fahne hissen.

Eigentlich aber haben die schwäbischen Revolutionäre gar nicht so viel gegen ihren König, er ist ein umgänglicher, liberaler Kerl. Aber lange genug war Krieg, jetzt ist Revolution, und einer der Wortführer wird sich mit typischem Sozen-Bückling beim König entschuldigen: Er habe nichts gegen ihn. Wörtlich sagt er: „’S isch aber wega dem Sischdem.“

Hundert Jahre sind vergangen. Nicht mehr Wilhelm II. regiert das Land, sondern Winfried I. Und Kretschmann und die Grünen machen es heute wie damals der alte König: Sie wollen immer haargenau so viel verändern, dass sich auf keinen Fall etwas verändert. Unterdessen treiben die Faschisten wieder ihr Unwesen. Meine Mühle mahlt zwar trefflich fein, aber entschieden zu langsam. Mein Leben, sagt der schwache August vor dem Kunstgebäude in mir, riecht verdammt nach kaltem Kaffee.

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