Rede von Peter Grohmann, Kabarettist und AnStifter*, auf der 467. Montagsdemo am 3.6.2019

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

liebe Zurückgelassene, Zurückgebliebene, Wahl-Amputierte, an Leib und Seele Beschädigte in den Rathäusern, liebe Dauerdemonstranten aus den grünen Halbhöhenlagen, aus Heslach, Haslach, Hedelfingen.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, behauptete Angela letzte Woche bei der Graduierten-Abschlussfeier an der Harvard Universität. Standing Ovations für die deutsche Noch-Kanzlerin, die bewiesen hat, dass man Flüchtlinge abtreiben lassen kann, verhungern oder ersaufen oder ertrinken, ohne dass es die Harvard-Graduierten groß juckt. Wie sollte es auch? Hier juckt es ja auch die wenigsten.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt das Gedicht von Hermann Hesse, auf das sich die Kanzlerin bezog. Vor mehr als 100 Jahren veröffentlichte Hesse in der Neuen Zürcher Zeitung den Aufsatz „O Freunde, nicht diese Töne!“, in dem der Mann aus Calw an die europäischen Intellektuellen appellierte, nicht in nationalistische Polemik zu verfallen.

Hermann Hesse erhielt Morddrohungen, Hassbriefe, alte Freunde sagten sich von ihm los. „Gesinnungslump“ wurde er genannt, wie Rosa Luxemburg, Heinemann und Willy Brandt. Der Mann, den die deutsche Kanzlerin letzte Woche zitiert hatte, war ein entschiedener Kriegsgegner, ein Internationalist und Aussteiger. Aus seinem Gedicht „Stufen“:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend / Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend / Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, / An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, / Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise / Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, / Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Eine Unlust weht durch die Nacht, um die Baracken der Macht, streift Nahles, Kant und Hegel, streift Merkel und Hermann Hesse, weht die Kippa vom Koppe und bauscht die Kopftücher unnötig auf.

Es rettet uns kein höh'res Wesen

wären da nicht die Jüngeren, und sogar Jüngere als ich! Eine einzige Demonstration gegen den Upload-Filter der GroKo erreichte vor ein paar Monaten allein in Stuttgart mehr Leute als alle Ostermärsche der letzten 10 Jahre zusammen. Und das Erstaunliche, das Schöne daran: Die Leute könnten es jederzeit wiederholen, und sie könnten leichter Hand auch ihre Teilnehmerzahlen toppen.

Es ist ein buntes Völkchen, unser Völkchen, das die Sorge um die Meinungsfreiheit, um die Demokratie auf die Gassen der Republik getrieben hatte – und es spielt hier keine Rolle, ob diese Sorge berechtigt war. Ein Völkchen so recht eigentlich nach dem Geschmack von echten Sozialdemokraten und grünen Grünen, von Linken aller Couleur. Was sagt uns das? Liebe Streiterinnen für eine andere, eine bessere Stadt, für eine andere Welt, für eine Welt, die sich nicht selbst auffrisst, für eine Gesellschaft, die Mensch und Kreatur schützt:

 

Wissen, dass es so nicht weitergeht

Dieses Wissen ist da: Das Wissen, dass es so nicht weitergeht, das Wissen, dass sich die Uhren nicht anhalten lassen, dass es nichts nützt, die Gletscher im Wallis, am Watzmann und am Höllentalferner mit Planen abzudecken. Wir wissen längst, dass die Geschichte vom ewigen Eis ein Märchen ist, dass uns das Eis aus Jahrmillionen wie Wasser unter den Händen zerrinnt. Und wir wissen längst, dass wir den Neckar und den Amazonas schützen müssen. Es ist das alte Wissen der Menschheit. Es ist das Wissen der indigenen Völker und der alten Bauern auf der Schwäbischen Alb. Es ist das Wissen, dass die Jungen von heute und morgen in Aktionen umsetzen. Es ist auch das Wissen der Jungen von damals, von vielen von Euch hier, hinter dem wir uns nicht verstecken müssen.

  1. Juni '67

Heute vor mehr als 50 Jahren, am 2. Juni 1967, protestierten nicht nur in Berlin vor allem junge Leute gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi, willkommener Staatsgast der Bundesrepublik, eine Übelkrähe, Terrorist, Diktator und Mordgeselle, dem unsere Republik den roten Teppich auslegte. Willkommen, Mörder. Dieser Protest war ein einschneidendes Ereignis in unserer Geschichte. Er gab unserer Gesellschaft etwas von der verlorenen Ehre zurück. Aber: Am 2. Juni kesselten Polizisten die DemonstrantInnen ein, verprügelten sie, griffen Einzelne wahllos heraus, misshandelten sie. Der Polizist Karl-Heinz Kurras erschoss Benno Ohnesorg, während seine Kollegen diesen verprügelten. Wir sahen das andere Gesicht der Bundesrepublik: autoritär, die Gesetze missachtend.

Das war ein Moment der Erkenntnis: So kann's nicht weitergehen. Die Jugend- und Studentenbewegung kam aufs Dorf, in die Betriebe, in die Redaktionen, auf die Straße. Es war unsere Straße, es bleibt unsere Straße!

Himmlischer Frieden?

Ein zweites Ereignis geistert gegenwärtig durch die Medien: In der Nacht vom 3. zum 4. Juni 1989, also vor genau 30 Jahren, schlägt das Militär in Peking zu: Nach sieben Wochen friedlicher Studentenproteste für Sozialismus und Demokratie – ja, das war die Forderung der Jungen! – rollen Panzer auf den Platz des Himmlischen Friedens. Es nützte nichts, dass die Menschen die Internationale sangen, dass sie Demokratie und Sozialismus forderten. Es ist die Straße, die die Parlamente zum Handeln zwingen muss, heute mehr denn je. Denn ideologisch haben die gepamperten, alt gewordenen Großparteien längst das Ende der Fahnenstange erreicht, aber um das zu merken, müssten sie den Himmel sehen.

Die Himmel dieser Erde, die Stürme, die Wolken, die drohenden Unwetter

Wetterleuchten. Wer hört es donnern? Zuerst die anderen Jungen, die vom Freitag.

Nur kein Neid! Es ist die Straße, auf der die Kämpfe für die bessere Welt von morgen ausgefochten werden, im Sudan und in Berlin, in Peking und in Syrien. Es ist die Straße, mit ganz unterschiedlichen Ideen für diese Welt, für eine andere, gerechtere Welt, die Straße mit Menschen aller Hautfarben, aller Schichten. Ja, ich weiß, die alle kochen auch nur mit Wasser, wie wir. Aber das kommt weder aus Parteizentralen noch vom Genossen Hück und seinem fürstlichen Salär, sondern aus den eigenen Hosentaschen.

Das ist der Unterscheid, der hoffen lässt. Denn wenn die Nachrichten von Übermorgen stimmen, wenn die Wissenschaft recht haben sollte, müssen wir allen, die für die bessere Welt angetreten sind, unseren Beistand, unsere Unterstützung anbieten.

Klimanotstand? Warte nicht auf bessre Zeiten!

Eben in diesen Tagen wird diskutiert, ob wir in Stuttgart den Klimanotstand ausrufen sollen. Wer? Wir! Wir, wer denn sonst!

Wir und unsere Leute im neuen Gemeinderat, und die mit dem grünen Lorbeerkranz, wir und die stärker gewordenen Mitglieder im Rathaus. Wir, die Stadtgesellschaft:

Die Stuttgart-21-Gegnerinnen, ihr! Die Obenbleiber, die Bahnhofsfreunde. SÖS und Piraten und Stadtisten, Tierfreunde und Grüne, Linke und Liberale, Christliche und Sozialdemokraten. Rote und Schwarze und Gelbe und Grüne. Aber steht es denn wirklich so ernst steht ums Klima, wie die Wissenschaften sagen oder tut die Realität nur so? Stimmt es wirklich, dass die Gletscher schmelzen? Waren Sie dort, waren Sie dabei?

Denn wenn es wirklich so ernst steht ums Klima, wenn die Realität doch recht hat, wenn wir die Jahre weiter so verstreichen lassen wie bisher, mit Wahlplakaten und dummen Sprüchen, könnte es zappenduster werden – für die großen Koalitionen und die kleinen Leute –, könnte es eben nicht reichen fürs Überwintern.

Das klimaschädliche Großprojekt

Aber Sie wissen es ja auch, grün hin oder links her: Der Staatskonzern betoniert weiter.

Und der weiß wie wir: Stuttgart 21 ist eines der klimaschädlichsten Großprojekte der letzten Jahre. Ich mein' ja nur! Nicht dass ich glaube, die grünen Wahlgewinner würden jetzt irgendwo irgendwie etwas oder auch alles ganz anders machen oder die Handbremse rein hauen oder Kretschmann seinen Diesel wegnehmen.

Aber vielleicht doch. Vielleicht spielen Anstand und Sitte und Ethik und Einsicht und Realität und Prognosen eine Rolle. Vielleicht hilft das Angebot zu einer umfassenden, weitsichtigen großen Koalition an alle gesellschaftliche Kreise, parlamentarisch und außerparlamentarisch. Vielleicht hilft der Hinweis, dass 56 Millionen im Stadthaushalt nicht ausreichen, alle Schulen und Turnhallen nachhaltig und klimagerecht zu sanieren, dass es das Doppelte braucht jedes Jahr, die Erkenntnis auch, dass diese klimagerechte Sanierung Lohn und Brot bringt, Arbeitsplätze sichert. Vielleicht also verleihen ihnen, den an Stimmen reich Gewordenen, diese Stimmen und der Vorschuss an Vertrauen durch die BürgerInnen Flügel? Vielleicht helfen zusätzlich unsere Glück- und Segenswünsche? Denn es waren die Stimmen für ein Halt – nicht weiter so!

Kein „Weiter so!“

Was für Flügel denn, fragen Sie? Flügel zur Zusammenarbeit, Flügel der Wahrheit, um die Wahlversprechen einzulösen. Wenn die Realität wirklich recht hat, braucht es das Bündnis der Aufklärer, der Wissenschaften, der Kultur, der Gewerkschaften, der AnStifter, das Bündnis der Linken mit der Mitte, das Bündnis der Zivilgesellschaft, das gläserne Rathaus.

Vielleicht müssen wir gelegentlich auch über manchen Schatten springen. Es sind die Schatten des Verrats, der Unwahrheiten, die Schatten der Manipulation, die wir aus unseren Auseinandersetzungen um das Milliardengrab21 kennen.

Vielleicht hilft das öffentliche Angebot zur Zusammenarbeit, die Zukunft für unsere Kinder und die Kinder der Welt jenseits von Wahlversprechen in den Blick zu nehmen. Vielleicht gelingt es, all jene beim Wort zu nehmen, festzunageln, einzubinden, zu ermutigen, die diese Wahlen gewonnen haben. Sagen Sie nicht, dass sind nur fromme Wünsche – und wenn – auch sie wären erlaubt. Vielleicht ist es zu spät zum Träumen. Ganz sicher aber ist es Zeit zum Handeln: Und dazu braucht es die Koalition der Zivilgesellschaft. Wir, die Bürgerinnen und Bürger in den Städten und Dörfern müssen die Wahlgewinner allesamt beim Wort nehmen, sie unter Druck setzen, sie unter ständiger Beobachtung halten. Das gelingt nur gemeinsam, mit den Menschen vom Freitag und Rezo, mit den neuen und den alten Medien.

Vergessen wir nicht, die angeschlagenen Sozialdemokraten ins Boot zu nehmen, auch für sie ist der rechte Weg nicht immer der richtige. Sie sind, liebe Streiterinnen für die weltoffene Gesellschaft, nicht alle von Geburt an böse und verdorben und bäh-bäh. Nur mache sind schlimm. Die anderen sollten ihre Tränen trocknen und mit uns rudern. Denn wir sind Obenbleiber. Wir sind heute schon das Klimabündnis.

Wir sind das Klimabündnis

Um den Klimanotstand auszurufen, braucht es vielleicht einen Stadtratsbeschluss, es braucht aber vor allem eine streitbare, informierte Bürgerschaft, die auch nach den Wahlen auf den Straßen bleibt. Die wach bleibt. Der Bund deutscher Architekten steht auf unserer Seite – er fordert eine radikale Abkehr vom Wachstum. Das würden sich Gewerkschaften und Altparteien so nie erlauben. Konkret wird gefordert:

  • Vorrang für die „Intelligenz des Einfachen“ und Priorität für den Erhalt des Bestehenden,
  • kein leichtfertiger Abriss, nirgends... Alle verwendeten Materialen müssen vollständig wiederverwendbar oder kompostierbar sein,
  • Verzicht auf kohlenstoffbasierte Materialien und fossile Brennstoffe im Bauen,
  • Mobilität muss als konzeptionelle und gestalterische Aufgabe von Architekten und Stadtplanern verstanden werden. Her also mit einer Kultur des Experimentierens! Her mit politischen Versuchsräumen, um Ideen und Vorschläge für klimagerechte Lebens- und Verhaltensweisen zu finden.

Das fordert der Bund deutscher Architekten, und wir danken für diese selbstkritische und offenen Worte, für die konstruktiven Vorschläge!

Wir bleiben die Störenfriede

Unser Politik- und Medienbetrieb ist durch seine Verflechtungen untereinander und die Steuerung durch mächtige Wirtschaftsinteressen zu einem Beruhigungsmittel für die Menschen geworden. Oder haben Sie in den letzten Tagen etwas von diesem Aufruf gehört? Wir bekommen viele Wahrheiten wenn überhaupt nur gefiltert und in verdaulichen Dosen geliefert. Motto: Macht Euch bloß keine Sorgen. Alles ist halb so schlimm – und die Politik kümmert sich schon darum, dass nichts schief läuft. Genau das Gegenteil ist der Fall. Es läuft so gut wie alles schief und niemand kümmert sich mehr um das Gemeinwohl.

Die Gier und der Egoismus haben die Macht ergriffen. Kein Grund zur Resignation, die Lage ist schlimm, aber nicht hoffnungslos! Denn mehr Menschen als je zuvor stehen heute hinter uns.

Deshalb warnen wir die Klimakiller: Wir sind wach. Wir haben viele neue Verbündete. Wir sind da, wir bleiben da und wir kommen wieder. Wenns sein muss, nicht nur montags und freitags, aber immer auch als Wählerinnen und Störenfriede.

Es macht Freude, mit Euch auf unseren Straßen zu sein!

* Die Rede ist ein persönlicher Meinungsbeitrag

Rede von Peter Grohmann als pdf-Datei

 

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