Moderation von Dr. med. Dipl. Psych. Angelika Linckh, Capella Rebella, auf der 792. Montagsdemo am 2.2.2026

Schönen guten Abend, liebe Passanten und Passantinnen, liebe Mitstreiter*innen,

ich freue mich sehr über alle, die es bereits trotz Streik geschafft haben, hier zu sein. Gut, dass die Gewerkschaften sich nun mit einem Streik für die Beschäftigten einsetzen. Auch wenn es für uns netter gewesen wäre, ver.di hätte sich nicht ausgerechnet den Montag ausgesucht. Hoffen wir, dass die Interessen der Mehrheit diese Woche die Oberhand gewinnen. Natürlich sind wir solidarisch und wünschen den Streikenden Erfolg.

792 Wochen Widerstand!
792 Wochen, in denen ihr Haltung zeigt!
792 Wochen, in denen ihr sagt: Wir machen diesen Irrsinn nicht mit!

Bei Wind und Wetter seid Ihr da! Letzte Woche Kälte und Glätte, seit Jahren sich zuspitzende Krisen überall – und trotzdem seid ihr da. Woche für Woche. Ihr verlasst das bequeme Sofa zu Hause und überwindet den inneren Schweinehund und kommt hierher. Dafür sage ich: Respekt – und Danke!

Heute wird gestreikt, bundesweit in 150 städtischen Verkehrs- und Busbetrieben mit rund 100.000 Beschäftigten. Für viele Menschen bedeutet das: umplanen. Auch für uns. Zuerst dachte ich, nach wochenlangem Winterwetter auch das noch. Aber ehrlich gesagt: Der Streik ist ein gutes Zeichen! Endlich wird dem täglichen Klassenkampf von oben etwas entgegengesetzt. Die Menschen arbeiteten hart, viel und sind nicht faul, liebe CDU!

Wir verbünden uns mit allen, die für gute Lebensbedingungen und Gerechtigkeit kämpfen – und am Schluss unserer Demo machen wir in diesem Sinne an der Mahnwache wieder ordentlich Krach beim Schwabenstreich am verstümmelten Kopfbahnhof!

Wir geben auch nach 792 Montagsdemos nicht auf – warum? Weil wir immer wieder bestätigt bekommen: jedes, wirklich jedes einzelne Argument gegen die Zerstörung des Kopfbahnhofs hat Hand und Fuß.

Was allerdings völlig fehlt, das ist der politische Wille in Bund, Land und Stadt, dieses Fiasko endlich zu beenden. Stattdessen erleben wir ein verantwortungsloses „Augen zu und durch“ – selbst mit grünem Ministerpräsidenten und grünem Verkehrsminister. Zu Lasten des Klimas, zu Lasten der Bahnreisenden und der Stadtbevölkerung!

Die beiden Grünen haben wahrscheinlich in die Hände geklatscht, als vergangene Woche Bundesverkehrsminister Schnieder und InfraGo-Chef Nagl verkündeten: Der Pfaffensteigtunnel sei finanziert. Von Böblingen-Goldberg bis zum Flughafen käme man jetzt in sa–gen–haften 7 Minuten. 1,7 Milliarden Euro wollen sie spendieren für ein weiteres klima- und verkehrspolitisches Wahnsinnsprojekt, das – by the way – natürlich wieder viel teurer werden wird.

Fast zeitgleich hat die Deutsche Umwelthilfe ihre Klimaklage gegen die Bundesregierung gewonnen. Applaus für unseren Bündnispartner! Das Gericht hat klargestellt: Die Klimaziele bis 2030 müssen eingehalten werden – und die CO2-Lücke von 200 Mio. Tonnen CO2 ist real und selbst von der Bundesregierung anerkannt.

Wir hätten da einen konstruktiven Vorschlag: Kein Pfaffensteigtunnel! Denn es muss nach diesem Urteil heißen: Nachbessern jetzt, nicht erst, wenn der Bau des Pfaffensteigtunnels weitere hunderttausende Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen hat. Das „Weiter so!“ ist das eigentliche Problem – der Unwille, Fehler einzugestehen und den Kurs zu ändern. Und genau deshalb machen wir weiter Druck. Denn ohne Kurskorrektur beim Kopfbahnhof und bei der Gäubahn wird der Bahnknoten Stuttgart schweren Schaden nehmen – und der Autoverkehr weiter wachsen.

Hendrik Auhagen hat in seiner Rede auf der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen in Ludwigsburg am 19.12.2025 eine entscheidende Frage gestellt: nämlich ob es denn Aufgabe der Grünen sein könne, den Stuttgart-21-Wahnsinn mit vielen Einzelmaßnahmen zu gestalten oder sich mit Mut und Ehrlichkeit dem entgegenzustellen – gemeinsam mit dem BUND, dem Nabu, der DUH, dem VCD und Pro Gäubahn.

Rückblick auf unser Strategietreffen 19.01.2026 im WKV:

Ihr erinnert Euch: Auf dem Podium saß Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe, Tom Adler vom Demoteam, Dieter Reicherter, Sprecher des Aktionsbündnisses und Jörg Jäkel, Ingenieure22.

Wir haben dort konstruktiv ein Dilemma diskutiert: einerseits wollen wir die Pro Gäubahn-Bewegung zum Erhalt des Anschlusses an den Kopfbahnhof mit aller Kraft unterstützen, andererseits bleibt auch bei der sogenannten Kombilösung unsere grundsätzliche Kritik am Tiefbahnhof mit seinem rund 60 Kilometer langen Tunnelsystem bestehen: kein belastbares Brandschutzkonzept, kein wirksamer Schutz vor Überflutungen, Gleisneigung, Feinstaubbelastung – und vieles mehr.

Ob dieser Tunnelbahnhof jemals zuverlässig in Betrieb gehen wird, ist nicht unser Problem. Das ist das Problem der Betreiber. Unser Kampf gilt weiterhin den oberirdischen Gleisen, dem Kopfbahnhof und einem durchgehenden Gäubahnanschluss ins Zentrum.

Unser Ziel ist heute nicht mehr der Erhalt der alten Bäume im Schlossgarten, die sind gefällt, der Beton-Trog ist gebaut, die Tunnel im quellfähigen Gestein, die Kelchstützen stehen, die Lichtaugen glotzen und starren uns an – was nun?

Zum Brandschutz schweigen, und hoffen, dass es nie brennt? Nein. Wir werden nicht schweigen! Und wir werden weiter die Verantwortlichen benennen. Die Verantwortung für Katastrophen tragen jene, die das Projekt gegen unsere Argumente durchgelogen, durchgeprügelt, durchgesetzt haben. Uns geht es – wie von Anfang an – um einen zukunftsfähigen funktionierenden Bahnhof und um Frischluft im Kessel. Um die betrieblichen, ökonomischen und ökologischen Vorteile des Kopfbahnhofs.

Im Treffen wurde klar: Es ist ein notwendiger Paradigmenwechsel, unsere Kräfte zu bündeln. Der Kellermurks ist längst entlarvt. Den Tunnelbahnhof können wir heute nicht mehr stoppen. Aber eines können wir versuchen: den Abbau der Kopfbahnhofgleise zu verhindern und die Kappung der Gäubahn zu stoppen. Darauf konzentrieren wir unseren Widerstand und unsere Kritik.

Unsere Erfahrungen aus dem Bürgerbegehren zeigen: Sehr viele Menschen in dieser Stadt sind auf unserer Seite. Vielen ist der direkte Gäubahnanschluss ins Zentrum wichtig, ebenso Frischluft und Abkühlung im heißen Kessel.

Unsere Aufgabe ist es, trotz aller Erschöpfung unsere Blase zu verlassen und immer wieder das Gespräch mit weniger informierten Mitbürger*innen zu suchen. Nur so durchbrechen wir die jahrelange Desinformationspolitik der lokalen Stuttgarter Medien. Selbst überregionale Leitmedien wie FAZ und Süddeutsche Zeitung haben Stuttgart 21 längst als Problemfall erkannt. Sie sehen Stuttgart 21 als den Betonklotz am Hals der Deutschen Bahn.

Deshalb werden und deshalb müssen wir weiter Druck machen und ständig wiederholen, dass der Kaiser nackt ist. Das hat auch über Stuttgart hinaus enorme Bedeutung, denn mit Entsetzen erleben wir weltweit, wie schnell sich Gesellschaften autoritären Entwicklungen anpassen. Auch bei uns zeigen sich solche Tendenzen. Noch haben wir eine lebendige Zivilgesellschaft, kritische Institutionen und eine Justiz, die Grenzen setzt. Wir können den Autoritären noch in den Arm fallen. Aber nur, wenn wir unsere Widerstands-Muskeln nutzen und trainieren. Genau das tun wir hier – für den Kopfbahnhof, gegen Stuttgart 21 und für eine demokratische, widerspenstige Gesellschaft.

Liebe Freund*innen, das ist die weiterreichende Dimension unseres Protests für den Kopfbahnhof und gegen Stuttgart 21: wir tragen dazu bei, dass Widerstandsgeist in der Gesellschaft lebendig bleibt, gegen die Anpassung und Unterordnung, die die oberen Klassen immer offener durchsetzen wollen! Und in diesem Sinne begrüßen wir auch den bundesweiten Streik der 100.000 Beschäftigten in 150 städtischen Verkehrsbetrieben.

Doch bewahren wir uns trotz alledem unsere Heiterkeit, und deshalb zum Schluss noch ein Räzelgedicht unseres Räzelonkels im parkschuetzerforum:

„Der Kampf, er ist nicht aufzuhalten, besonders nicht bei vielen Alten.
Doch gibt es auch, wie jüngst erfahren, so manchen unter sechzig Jahren!
Im Grunde ist es, wie mir scheint, die Sache, die uns alle eint.
Der Widerstand erhält uns jung und gibt dazu noch kräftig Schwung!“

In diesem Sinne: Gemeinsam hellwach, kritisch, und oben bleiben!

Moderation von Angelika Linckh als pdf-Datei

 

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