Pfaffensteigtunnel: Lug, Trug, Filz und Untreue unter der Lupe

Rede von Dieter Reicherter, Vorsitzender Richter am Landgericht a.D., Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, auf der 795. Montagsdemo am 23.2.2026

Liebe Freundinnen und Freunde des Kopfbahnhofs,

Ihr habt mitbekommen, dass wir zum CDU-Bundesparteitag an der Messe zusammen mit der Schutzgemeinschaft Filder und der Initiative Pro Gäubahn am Freitag eine Demo veranstaltet haben. Die war nicht zu übersehen und kam überall außer bei der CDU gut an.

Auf dem Parteitag hat der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper gesprochen. Seine Rede war peinlich. Stuttgart ist angeblich nicht nur besser als München und liegt in Europa an der Spitze. Es ist sogar ebenbürtig mit San Francisco. Mir fiel dazu der Song San Francisco von Scott McKenzie ein. Dort heißt es:

„Ihr, die ihr kommt nach San Francisco,
Denkt dran, tragt ein paar Blumen im Haar.
Wenn ihr kommt nach San Francisco,
Wird der Sommer dort zu einem Love-in werden.“

Dazu Wikipedia: „Ein Love-in ist eine friedliche öffentliche Versammlung, die sich auf Meditation, Liebe, Musik, Sex und/oder den Konsum von Freizeitdrogen konzentriert.“

Jetzt wissen wir es: Nopper will in Stuttgart ein Love-in veranstalten.  Das hätte ich ihm nicht zugetraut nach den verschiedenen Gesprächen, die ich als Sprecher des Aktionsbündnisses mit ihm geführt habe. Zuletzt sagte er noch, er glaube der Bahn. Leider stieß ich erst später auf den Spruch von Marie von Ebner-Eschenbach: „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“

Unser Wissen habe ich dem Präsidenten des Bundesrechnungshofs, Kay Scheller, geschrieben. Mir ging es darum, ihm klarzumachen, weshalb nach Recht und Gesetz der Pfaffensteigtunnel nicht gebaut werden darf. Aus den Fehlern bei Stuttgart 21 haben die Verantwortlichen nichts gelernt. Bei den Kosten, dem Nutzen, der Bauzeit und vielem mehr wird wieder getäuscht und getrickst. Ganz Deutschland wird wegen Stuttgart um seinen Anspruch auf einen guten Bahnverkehr betrogen.

Ich gehe stichwortartig auf meine Kritikpunkte ein:

  1. Die Finanzierung wird unzulässig von der Bahn und den S21-Partnern auf den Bund verlagert. Die unnötige Streckenführung der Gäubahn über den Flughafen ist eindeutig Teil von Stuttgart 21. Passenderweise hat Dr. Philipp Nagl, Vorstandsvorsitzender der DB InfraGO AG, den Tunnel als „weiteres Puzzleteil für Stuttgart 21“ bezeichnet.
  2. Der Deutschlandtakt als Begründung für die Aufnahme in den vordringlichen Bedarf ist gelogen. Denn auf den acht Gleisen des Tiefbahnhofs lässt sich ein Deutschlandtakt nicht umsetzen.
  3. Der Pfaffensteigtunnel ist kein Teil des zweigleisigen Ausbaus des südlichen Gäubahnabschnitts. Die Zusammenfassung ist rechtlich und tatsächlich falsch. Es handelt es sich um ein getrenntes Vorhaben, das für sich allein bewertet werden muss. Angesichts der immensen Kosten des Tunnels wird der zweigleisige Ausbau des Südabschnitts auf viele Jahre hinaus nicht umgesetzt werden können.
  4. Die Manipulationen beim Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV) sind haarsträubend.

Für die Finanzierung müsste dem Pfaffensteigtunnel ein NKV von mindestens 1,0 bestätigt werden. Das ist aber unmöglich, weil in ihm nur wenige Züge und gar keine Güterzüge fahren. Um dies zu verschleiern, wurde das NKV zusammen mit dem zweigleisigen Ausbau im Süden und wesentlichen Verbesserungen für den Güterverkehr berechnet. Das reichte für beide Teile zusammen angeblich für ein NKV von über 1,0.

Wir erinnern uns an die Manipulationen bei der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Denn die eingerechneten Güterzüge fahren dort nicht. Schon lange besteht der Verdacht, dass zur Durchsetzung politisch gewollter Vorhaben bei den Berechnungen gelogen und betrogen wird. Sogar der Südwestrundfunk hat das thematisiert, nachzuhören unter:
https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:8a6845bf5554f259/

  1. Das Projekt wird gegenüber anderen unlauter bevorzugt.

Auf meine Nachfrage, wer denn entscheide, welche Projekte tatsächlich gebaut werden, schrieb mir MdB Matthias Gastel: „Das Thema ist hochkomplex, und ich kann es weder hier noch in einem Telefonat vollständig erklären, da es nicht wirklich logisch ist und im Einzelfall entschieden wird, wie es gehandhabt wird… Transparent war und ist das nicht.“

Seit 2002 treffen sich jährlich in Fulda Vertreter des Bundesverkehrsministeriums, der Deutschen Bahn AG und des Eisenbahn-Bundesamts, um die Finanzplanung für die Umsetzung des Bedarfsplans Schiene zu besprechen. „Eine parlamentarische Kontrolle der Absprachen findet nicht statt.“

Die Bevorzugung des längsten Eisenbahntunnels Deutschlands führt zu einer Kannibalisierung und eklatanten Benachteiligung anderer wichtiger Bahnprojekte in ganz Deutschland. Dies betrifft nicht nur längst versprochene Verbesserungen im Osten, sondern beispielsweise auch den Bahnknoten Mannheim.

  1. Es gibt Merkwürdigkeiten bei der Auswahl der Förderung baureifer Projekte.

Angeblich wurde die Planung des längst gebotenen viergleisigen Ausbaus der Bahnstrecke Mannheim-Heidelberg bewusst verschleppt, damit keine Konkurrenz zum flugs genehmigten Pfaffensteigtunnel entstand.

  1. Die Macht der Tunnelbaulobby ist beängstigend.

Marktführer Herrenknecht ist seit jeher bestens vernetzt mit der Politik. Dies zeigt sich in den Aufsichtsratsposten für Ministerpräsident Lothar Späth, den LBBW-Vorstandsvorsitzenden Hans-Jörg Vetter, Ministerpräsident Oettinger, Bundeskanzler Schröder und Bahn-Vorstandsvorsitzenden Grube. Laut dem „Spiegel“ spendete Martin Herrenknecht 2021 knapp 300.000 Euro an die CDU und seine Firma für den Wahlkampf des früheren Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer (CSU) 20.000 Euro.

Walter Wittke, Gründer der Firma WBI, hat Stuttgart 21 bescheinigt, im Anhydrit könne sicher gebaut werden. WBI wird „mit Unterstützung und Sponsoring der DB InfraGO AG“ im Juni 2026 den „11. Felsmechanik- und Tunnelbautag“ veranstalten. Dazu laden als Mitglieder des Beirats Vertreter der Bauindustrie, der DB InfraGO AG, der Stadt Stuttgart und des Bundesverkehrsministeriums sowie S21-Chef Olaf Drescher, der frühere S21-Chef Manfred Leger und Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht ein.

Fazit: Je mehr ich mich mit diesem Projekt befasse, desto mehr scheinen mir die Vorgänge vergleichbar mit den Fällen organisierter Kriminalität, die ich insbesondere als Haft- und Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Stuttgart zu bearbeiten hatte.

Das war jetzt nur eine kurze Zusammenfassung. Wer es genauer wissen möchte, kann meinen Brief im Internet nachlesen: https://kopfbahnhof-21.de/wp-content/uploads/2026/02/RM-11.2.2026-0004.jpg oder sich den Nachdruck besorgen.

Am besten aber kommt ihr Alle am Dienstag, 3. März, um 19:00 Uhr in die Glockenkelter in Kernen-Stetten. Dort werde ich den Vortrag „Bahn-Chaos + Chaos-Bahn – macht Stuttgart 21 die S-Bahn kaputt?“ halten. Da geht es natürlich auch um den Pfaffensteigtunnel.

Trotz der erneuten einmonatigen Sperrung des Bahnverkehrs zwischen Bad Cannstatt und Fellbach für den Digitalen Knoten Stuttgart ab morgen rufen wir auch heute noch

Oben bleiben!

Rede von Dieter Reicherter al pdf-Datei

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