Plädoyer für eine alternative Bahnpolitik

Rede von Prof. Heiner Monheim, Sprecher von „Bürgerbahn – Denkfabrik für eine starke Schiene“, auf der 800. Montagsdemo am 30.3.2026

Liebe Frau Palla, schön, dass endlich mal ein Bahnvorstand den Weg nach Stuttgart gefunden hat, um sich die alternativen Vorschläge des Netzwerks „Bürgerbahn – Denkfabrik für eine starke Schiene“ anzuhören! Bitte entnehmen Sie dem Beifall, wie froh wir sind, Sie hier zu haben, nachdem wir bislang vergeblich warten mussten, bis der Bahnvorstand uns ernst nimmt.

Heute läuft hier in Stuttgart ein dreifacher Bahngipfel. Am Vormittag haben wir als Antwort auf Ihre Bilanzpressekonferenz vom letzten Donnerstag unseren Alternativen Geschäftsbericht der Presse vorgestellt. Heute Abend treffen sich hier zum 800sten mal unter der Regie der Parkschützer und ihrer Schwesterinitiativen die unermüdlichen Streiter für eine bessere Bahn. Das ist in dieser Frequenz und Langlebigkeit weltweit einmalig. Auch deswegen hat Angelika Linck, die von Anfang an dieser Bürgerbewegung angehört hat, vor wenigen Tagen auch von der DUH den diesjährigen Umweltpreis verliehen bekommen für ihre Hartnäckigkeit, Kreativität und ihr Organisationstalent als vielfache Moderatorin der Montagsdemos. Und danach diskutieren die Experten noch im Kunstverein über die anstehenden Strategiefragen einer offensiven Bahnpolitik. Wie gesagt, wie sind keine Neinsager, sondern Alternativenaufzeiger.

Wir setzen große Hoffnung auf Sie, weil sie einen einschlägigen Hintergrund haben. Aufgewachsen in Südtirol, einem Pionierland für intelligenten öffentlichen Verkehr mit erfolgreichen Reaktivierungen und einer idealen Verknüpfung von Bus- und Bahnnetzen. Dort gibt es schon lange einen integralen Taktfahrplan, von dem wir einstweilen nur träumen können.

Und auch in Ihrer Zeit bei den Österreichische Bundesbahnen (ÖBB) haben Sie mitbekommen, wie wichtig Kundennähe der Bahn ist, mit vielen neuen Haltepunkten und kleinen, ländlichen S-Bahnsystemen wie im Vorzeigebundesland Vorarlberg.

Lassen Sie uns gemeinsam für mehr und bessere Bahnen in Deutschland kämpfen. Denn – die Initiativen hier in Stuttgart und die Bahnbürgerinitiativen ABBD und Bürgerbahn wollen mehr Bahn. Und zwar im ganzen Land als sogenannte Flächenbahn.

Wir kritisieren, dass viel zu viel Geld in tiefe Löcher und lange Röhren gesteckt wird, das dann für einen schnellen Netzausbau in den vielen schienenfernen Regionen fehlt. Wir kritisieren die Fixierung der DB und der EU auf die Hochgeschwindigkeit mit ihren sündhaft teuren und extrem lange dauernden Neu- und Ausbaustrecken. Und wir kritisieren die Immobilien-Spekulationsprojekte an den Metropolenbahnhöfen, allen voran Stuttgart 21. Sie werden ohne Rücksicht auf die Netzerfordernisse einer Flächenbahn geplant und gebaut.

Die Bahn braucht viel mehr kleine S-Bahnsysteme, viel mehr neue Haltepunkte. Der ICE der Hochgeschwindigkeit ist eben nicht das Maß aller Dinge. Sondern viel zu lang, viel zu schwer und seine schmalen Türen sind vielfach schuld an der Aufsummierung von Verspätungen. Stattdessen fordern wir die Wiedereinführung der Zuggattung Interregio, der mal der beliebteste Zugtyp der DB war und fast alle Mittelzentren und kleinen Großstädte angebunden hat. Alle unsere Nachbarländer haben IR-Angebote, nur wir nicht.

Aber noch wichtiger ist, dass der Nahverkehr, in dem 90 % aller Bahnfahrgäste unterwegs sind, endlich wieder angemessen ausgebaut wird. Dazu gehören dann viele mittlere und kleine S-Bahnsysteme. Nutzen Sie die positiven Erfahrungen des sehr erfolgreichen Karlsruher Modells mit seinen Nachfolgeprojekten in Karlsruhe, Saarbrücken, Kassel und Chemnitz und lassen sie endlich im ganzen Land solche Projekte in Serie gehen. Und sorgen Sie dafür, dass die viel zu hohen und kostentreibenden technischen Standards für Bahnbau und Fahrzeugbau abgesenkt und flexibilisiert werden.

Bringen Sie die Bahnentwicklung als wichtigen Hebel der Transformation unserer Wirtschaft in die politischen Debatten. Dafür nur ein kleines Beispiel: wir brauchen endlich wieder ein Nachfolgeprodukt für den alten, roten Schienenbus im Netz. Damit die bislang nur aufs Auto fixierten deutschen Fahrzeughersteller endlich wieder ins Geschäft mit Bussen und Bahnen einsteigen. Und man nicht drei bis fünf Jahre warten muss, ehe man ein neues Schienenfahrzeug geliefert kriegt, zu einem horrenden Preis, weil es im Bahnfahrzeugbau keine Serienfertigung gibt.

Und stoppen Sie die gerade diskutierten Sparkonzepte für die Güterbahn. Es wäre klimapolitisches Harakiri, Tausende von Güterbahnern zu entlassen und sich aus dem kleinteiligen und regionalen Güterverkehr zurückzuziehen. Stattdessen brauchen wir dezentrale Güterbahnangebote, die endlich antreten, um auch im kleinteiligen Stückgutverkehr Angebote zu machen. Mit einem dezentralen System von Güterverkehrszentren und einer Ergänzung der extrem langen und schweren Güterzüge durch kurze und mittlere Gütertraktionen mit Cargo Sprintern.

Liebe Frau Palla: Uns vereint hier das Motto: „Oben bleiben“, mit dem wir die Tunnelmanie der Bahnpolitik und Bahnvorstände kritisieren, die zu immer neuen Kostenexplosionen, Zeitverzögerungen und einer ungesunden Monopolisierung der Bahninvestitionen auf wenige Großprojekte führt. Stoppen Sie also die unsinnigen Tunnelprojekte wie den Pfaffensteigtunnel und verhindern Sie die abstruse Kappung der Gäubahn, die eine wichtige Nord-Süd-Magistrale im Bahnnetz in die Schweiz und nach Italien abhängen würde – statt sie durchgängig zweigleisig zu machen.

Und mit Blick auf den Rest der Republik. Lassen Sie zu den bevorstehenden Bahnhofs- und Streckenprojekten in Hamburg, Frankfurt und Hannover die kleineren, tunnelfreien, viel preiswerteren Alternativen von Bürgerbahn und ABBD (Aktionsbündnis Bahn Bürgerinitiativen Deutschland) prüfen. Bahnpolitik darf sich nicht an den Wünschen der Tunnelbauer und Tunnelbohrmaschinenbauer ausrichten, sondern an der klimapolitischen Herausforderung, so schnell wie mögliche das Netz zu erweitern.

Zur viel diskutierten Generalsanierung gehört nach den Erfahrungen der ersten beiden Projekte der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim und der Achse Hamburg-Berlin mit monatelanger Totalsperrung zweier wichtiger Bahnkorridore eine gründliche Generaldebatte dieser für den Personen- und Güterverkehr extrem kundenfeindlichen Strategie mit dem Ziel, die Sanierung einfacher, minimal invasiv und ohne Totalsperrung hinzukriegen, neben rollendem Rad.

Und holen Sie uns Bürgerbahner mit in die nächste, dringend nötige Taskforce der Bundesregierung und der Bahn zur klimagerechten Bahnstrategie in einer Mobilitätswende. Lassen Sie diese Taskforce gerne in Stuttgart starten, das sich für die von Ihnen angekündigte Fehleranalyse besonders gut eignet.

Rede von Heiner Monheim auf der Kundgebung als pdf-Datei

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