Rede von Hendrik Auhagen, VCD-Vorsitzender im Kreis Konstanz und einer der Koordinatoren des Landesbündnisses Pro Gäubahn, auf der 792. Montagsdemo am 2.2.2026
Liebe Engagierte,
zuerst einmal meinen großen Respekt für euch, die ihr zum großen Teil seit eineinhalb Jahrzehnten nicht locker lasst, einen der größten Bauskandale in der Geschichte der Bundesrepublik zu thematisieren. Ich weiß, was so ein Engagement bedeutet – auch im praktischen Leben:
- von der Überwindung – auch unter ungünstigen Umständen – immer wieder Aktionen und Demonstrationen zu organisieren,
- sich der Häme und dem Spott gleichgültiger Zeitgenossen auszusetzen,
- und auch die Schwierigkeiten in den eigenen Reihen – bei Meinungsverschiedenheiten,
- und das immer gegenüber Gegnern mit unendlich großen Mitteln und unglaublich viel Geld, um sich die öffentliche Meinung gefügig zu machen. Und sogar, um wohl Menschen aus unseren Reihen herauszukaufen.
Ich habe in den Nuller-Jahren zusammen mit dem unermüdlichen Bahn-Kämpfer Winnie Wolf das bald sehr breite Bündnis „Bahn für Alle“ gegen die Privatisierung der Deutschen Bahn AG gegründet, was jahrelanges Organisieren, Demonstrieren, Ringen und Diskutieren mit vielen Bundestagsabgeordneten bedeutete. Von denen uns viele mitleidig bis verächtlich entgegneten: „Die Sache ist längst gegessen. Ihr seid von gestern. Die Privatisierung IST beschlossen.“
Und dieses geradezu kriminelle Projekt wurde dann doch – von einem Tag auf den anderen – abgesagt, weil es mitten in der Finanzkrise völlig aus der Zeit gefallen war.
Völlig aus der Zeit gefallen ist auch der Pfaffensteigtunnel als extrem teure Ersatzstrecke für die seit 150 Jahren existierende Panoramabahn-Einfahrt in den Stuttgarter Hauptbahnhof. Bekanntlich ein verkehrspolitischer Widersinn: indem nicht das eingleisige Nadelöhr südlich von Horb ersetzt wird, sondern die ausreichende zweigleisige Strecke nördlich von Böblingen. Und dazu ein Bruch mit dem, was insbesondere die CDU aber auch die Bundes-Grünen richtigerweise beanspruchen: Nämlich den sorgsamen Umgang mit Steuergeldern. Zum einen wegen der Tricksereien beim Nutzen-Kosten-Faktor (NKF = Nutzen pro investiertem Euro), der beim Pfaffensteigtunnel nur 0,23 Cent beträgt. Aber gemittelt wird mit dem hohen Nutzen von weit über 2 Euro für den Ausbau der eingleisigen Strecke südlich von Horb – obwohl der noch überhaupt nicht geplant ist.
Zum anderen wird nicht Geld für zusätzlichen Bahnverkehr investiert, sondern nur für den Ersatz einer vorhandenen kürzeren Strecke! Politiker wie der CDU-Abgeordnete Stefan Bilger peitschen dieses Projekt mit aller Macht durch. Ich bin aber ziemlich sicher: Würde man diesen Politikern einen Gesetzesentwurf vorlegen, der genau das, was sie tun, für allgemein und überall in Deutschland wünschenswert erklärte, würde er den empört ablehnen: Nämlich, dass die 100 Milliarden für den Schienenausbau in Deutschland überall auch dazu benutzt werden dürfen, um für Immobilieninteressen Schienen ohne verkehrlichen Nutzen unter die Erde zu verlegen – und das als Steuerverschwendung auf Kosten unserer Kinder kritisieren.
Nur eben in Stuttgart, da soll man nicht so genau hinschauen, die anderen werden schon sinnvollere Sachen mit dem Geld machen… Und damit setzt das Durchboxen des Pfaffensteigtunnels – wie von Stuttgart 21 überhaupt – die Axt an die Wurzeln unseres Gemeinwesens: nämlich an den Kategorischen Imperativ, an das Gegenseitigkeitsprinzip, indem man für sich schlitzohrig eine Ausnahme von einer Regel beansprucht, die man im Allgemeinen aber für richtig hält.
Und das gilt insbesondere für die Klimafrage. Der Bau des Pfaffensteigtunnels wird nach dem Rössler-Gutachten 350.000 Tonnen CO2 insbesondere für Beton und Stahl in die Atmosphäre blasen – das sind 2,5 Mrd. Kilometer mit Mittelklasse-PKWs. Nicht für mehr Verkehr auf die Schiene, sondern für den Ersatz einer vorhandenen ausreichenden Strecke! Nur für die Immobilieninteressen in Stuttgart!
Diejenigen, die das für richtig halten, müssen sich fragen lassen: Mit welchem Recht kann man die Abholzungsfirmen im Amazonasbecken und die australischen Kohleminen dazu auffordern, ihr klima-zerstörendes Tun aufzugeben, wenn die Stadt Stuttgart für sich das Gleiche beansprucht?
Und mit welchem Recht kann meine Partei, die Grünen Baden-Württemberg, mehr Anstrengungen im Klimaschutz verlangen, wenn sie zum größten klimaschädlichen Bauprojekt in BaWü, den Pfaffensteigtunnel, schweigt? Im dicken Wahlprogramm kommt der Pfaffensteigtunnel nicht einmal vor!
Ich selbst habe als einstiger Gründungs-Grüner im letzten Dezember auf dem Wahlparteitag den Programm-Antrag gestellt: Gegen den Pfaffensteigtunnel – für einen Kombibahnhof in Stuttgart. Dieser unser Antrag wurde mit überwältigender Mehrheit vom Grünen Landesparteitag abgelehnt, obwohl die Deutsche Bahn AG selbst diesen Kombibahnhof – nämlich die Verbindung von unterirdischem Tunnelbahnhof und oberirdischen Kopfbahnhof – für eine Übergangszeit geplant hat.
Und warum soll das, was für eine Übergangszeit funktioniert, auf Dauer nicht möglich sein? Natürlich mit Renovierungen des oberirdischen Bahnhofs, aber um ein Vielfaches günstiger als der Pfaffensteigtunnel, der mit ewigen Kostensteigerungen und Bauverlängerungen droht, ein zweites Stuttgart 21 zu werden. Der Plan, mit dem Bau des Pfaffensteigtunnels schon im Februar zu beginnen, ist eher ein Eingeständnis der Schwäche als ein Zeichen von Stärke: Nämlich möglichst schnell so viel Geld rauszuhauen – was sonst überall fehlt, um vollendete Tatsachen zu schaffen, mit denen dann immer neues zusätzliches Geld gefordert werden kann.
Das Projekt Stuttgart 21 spaltet: Schon lange die Stadtgesellschaft hier und auch das Land Baden-Württemberg, indem den südlichen Landesteilen die Stuttgarter Gleichgültigkeit demonstriert wird. Und es spaltet auch meine Partei, in diejenigen, die Ökologie als Deko für Sonntagsreden verstehen und diejenigen, die das Schicksal unserer Umwelt tatsächlich umtreibt. Diese Spaltung könnte überwunden werden
- durch eine Kombination von Oben und Unten,
- durch den Verzicht auf das Wahnsinnsprojekt Pfaffensteigtunnel, das auch als Steuerverschwendungsprojekt all diejenigen unterstützen wird, die unser demokratisches Gemeinwesen sowieso ablehnen,
- durch den Einsatz der eingesparten Mittel auch zur Unterstützung von Wohnungsbau in Stuttgart
Darum für den Kombibahnhof – gegen den Pfaffensteigtunnel!






