Die Eisenbahnerfamilie und die Politik

Rede von Joachim Holstein, 20 Jahre lang Zugbegleiter auf Nachtzügen und Mitglied bei „Prellbock Altona“, auf der 796. Montagsdemo am 2.3.2026

Lieber Stuttgarterinnen und Stuttgarter, liebe Freundinnen und Freunde einer funktionierenden Bahn, eines funktionierenden öffentlichen Nahverkehrs, mit dem man bequem, zuverlässig und sicher an sein Ziel kommt.

Vor genau einem Monat, am 2. Februar, trat mein Kollege Serkan Çalar seinen Dienst im Regionalexpress von Heidelberg über Saarbrücken nach Koblenz an, um wie immer Fahrgäste zu begleiten, um zu schauen, ob sie einen Fahrschein haben oder nicht, und um ihnen zu helfen, wenn sie irgendwelche Hilfe brauchten beim Aussteigen, beim Heraussuchen von Anschlussverbindungen und was sonst noch alles zur Aufgabe eines Kundenbetreuers im Nahverkehr gehört.

Der Kollege Serkan Çalar kehrte von dieser Schicht nicht mehr zurück, weil einer seiner Fahrgäste urplötzlich völlig ohne Vorwarnung aufsprang, auf ihn einprügelte und eine Hirnblutung verursachte, an der Serkan einen Tag später starb.

Serkan hinterlässt zwei Kinder und eine Verlobte, und er hinterlässt eine entsetzte und trauernde Eisenbahnerfamilie, von der sehr viele auch Situationen erlebt haben, die genauso oder ähnlich hätten enden können.

In der letzten Woche hatte zwischen Hannover und Berlin eine Reisende im ICE nur einen Fahrausweis für den Nahverkehr, und mein Kollege erklärte ihr, dass sie in Wolfsburg aussteigen müsse. Er suchte ihr dann noch Verkehrsverbindungen heraus, damit sie mit dem Nahverkehr von Wolfsburg aus ans Ziel käme. Als er hinter Wolfsburg wieder durch denselben Waggon kam, war die Frau immer noch an Bord und prügelte plötzlich auf ihn ein. Der Kollege konnte seinen Dienst nicht fortsetzen – und weil ohne ihn der Zug nicht mehr mit dem vorgeschriebenen Personal besetzt war, mussten alle 100 Reisende aussteigen und eine Dreiviertelstunde auf den nächsten Zug warten.

Die Zahl solcher Angriffe auf das Zugbegleitpersonal hat sich zwischen 2014 und 2025 mehr als verdoppelt, von 1.400 auf über 3.000 Angriffe. Anspucken gilt in dieser Statistik übrigens nicht als Angriff, sondern als „verbaler Übergriff“. Davon gab es letztes Jahr rund 15.000.

18.000 Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe im letzten Jahr – im Durchschnitt sind das 50 pro Tag.

Meine Gewerkschaft, die EVG, hat jetzt eine Petition gestartet mit acht Hauptforderungen, damit endlich mal die Warnungen der Kolleginnen und Kollegen, der Betriebsräte und der Gewerkschaften ernstgenommen werden, und die Politik nicht in diesen typischen Reflex „härtere Strafen, und das reicht!“ verfällt. In dem gedruckten Flyer findet ihr den vollständigen Text dieser Petition, die man online unterzeichnen kann. Gestern Nachmittag hatten dies 12.000 Menschen getan, für eine Behandlung im Petitionsausschuss des Bundestages braucht es mindestens 30.000 Personen.

https://www.openpetition.de/petition/online/nicht-verhandelbar-mehr-sicherheit-fuer-eisenbahner-innen-und-busfahrer-innen

Und ich werde einiges zu den einzelnen Punkten sagen:

  1. Mehr Personal in den Zügen und Bahnhöfen – Keine Alleinarbeit im Kundenkontakt!

Alleinarbeit im direkten Kundenkontakt muss endlich der Vergangenheit angehören. Die Doppelbesetzung im SPNV schafft mehr Sicherheit für Fahrgäste und Bahnbeschäftigte, nicht nur auf einigen wenigen Strecken, sondern überall. Im Fernverkehr muss die Regelbesetzung neben einer/m Zugchef/in mindestens zwei Zugbetreuer:innen umfassen. Ebenso müssen die Schichten in den Bahnhöfen sowie an der DB Information mindestens als Doppelbesetzung durchgeführt werden.

Das ist das Wichtigste. Nicht einsam, sondern gemeinsam. Das hält manche Rowdys schon mal davon ab, irgendwelche blöden Provokationen auszuprobieren. Und es hat den angenehmen Nebeneffekt, dass man den Fahrgästen eine verbesserte Betreuung bieten kann: Wenn Fragen auftauchen, kann sich eine Person darum kümmern, während die andere Person schon mal die Sitznachbarn betreut.

  1. Mehr qualifiziertes Sicherheitspersonal

Grundsätzlich muss im Nah- und Fernverkehr mehr zusätzliches Sicherheitspersonal eingesetzt werden – insbesondere auf Zügen mit hohem Gefährdungspotential, in den Abend- und Nachtstunden sowie an Metropol-Bahnhöfen.

Erstmal ein Dankeschön, dass hier nicht einseitig gegen Fußballfans Stimmung gemacht wird, die von manchen Politikern ständig an den Pranger gestellt und nach Strich und Faden schikaniert werden. Ich persönlich habe mit Fußballfans nur gute Erfahrungen gemacht – in Deutschland und auch auf internationalen Verbindungen. Wir reden also besser über Massenaufläufe wie Cannstatter Wasen und Oktoberfest.

  1. Bodycams für alle

DB Regio bietet auf Druck der EVG-Betriebsräte bereits die freiwillige Nutzung von Bodycams an. Dies kann nachweislich zur Verhinderung von Übergriffen beitragen. Nun haben wir beim DB-Sicherheitsgipfel die Zusage erreicht, dass die Deutsche Bahn allen ihren Beschäftigten im Kundenkontakt im Nahverkehr, Fernverkehr und an den Bahnhöfen Bodycams zur Verfügung stellen will. Wir fordern eine zügige Umsetzung und die Beteiligung aller Unternehmen der gesamten Branche. Um die Strafverfolgung zu verbessern, muss zudem die Tonaufzeichnung ermöglicht werden.

Dazu muss ich sagen, dass Bodycams eine zweischneidige Geschichte sind: keiner der beiden Kollegen hätte wohl die Chance gehabt, nach Erkennen des Konflikts noch eine Bodycam einzuschalten. Eine Bodycam bei Dienstbeginn einzuschalten und ständig laufen zu lassen, würde ja bedeuten, dass jede und jeder Fahrgast in Bild und Ton aufgezeichnet wird. Das würde ganz andere Konflikte heraufbeschwören. Und vor allem: Bei Polizei und anderen Organen der Staatsgewalt dienen Bodycams auch ausdrücklich dazu, ungerechtfertigte Aktionen dieser Staatsgewalt zu dokumentieren. Zugbegleiter sind aber keine Staatsgewalt, wir sind keine Polizei, wir sind nicht ICE, wir sind kein Repressionsorgan! Deswegen sollte unbedingt die Freiwilligkeit gegeben sein.

  1. Wir sind keine Ausweiskontrolleure

Das Deutschlandticket und andere Fahrkarten müssen deutschlandweit einheitlich und fälschungssicher so ausgestaltet werden, dass keine Ausweiskontrollen nötig sind. Denn diese sind nicht selten Anlass für Eskalation, Beschimpfungen und Gewalt.

Das ist neben der Personalstärke der zweite Punkt, der ganz, ganz wichtig ist. Es war ein Fehler, die Fotos auf den BahnCards abzuschaffen und die Deutschlandtickets ohne Foto auszugeben. Der Zusatz „Gültig nur in Verbindung mit einem amtlichen Lichtbildausweis“ sorgt für Konflikte, die absolut vermeidbar sind. Als abschreckendes Beispiel nenne ich die Zustände, die ich in den Neunzigern erlebt habe, als ich auf Nachtzügen ins Ausland gefahren bin. Da galt die Vorschrift, den Reisenden abends die Fahrkarten und die für den Grenzübertritt notwendigen Dokumente abzunehmen, damit sie nachts durchschlafen konnten. Wenn jemand sich weigern würde, uns seinen Ausweis, seinen Pass oder seine Aufenthaltsbescheinigung zu überlassen – also teilweise das einzige Dokument, an dem die gesamte legale Existenz in diesem Land hing, dann sollten wir diese Person einer zusteigenden Grenzpatrouille sofort melden. Und was dann für eine Kontrolle abgeht, kann man sich ausmalen. Damit war aber kurz danach Schluss, auch weil Gewerkschaften und Betriebsräte gesagt haben: Zugbegleiter sind keine Polizei und kein Zoll, und wir hatten auch keine Tresore an Bord, um die Dokumente sicher unterzubringen, sondern nur Vierkant und Vorhängeschloss.

  1. Busfahrer:innen besser schützen

Es braucht endlich verpflichtend und flächendeckend Videoüberwachung sowie geschlossene Fahrerkabinen in allen Bussen!

Die Politik sollte hier auf die Beschäftigten hören. Allerdings gehört zum Gesamtbild auch der medizinische Notfall hinterm Steuer, bei dem ein aufmerksamer Fahrgast ins Lenkrad greift und auf die Bremse tritt. Hier muss nach einer optimalen Lösung gesucht werden.

  1.  Mehr Kapazität im Regionalverkehr

Überfüllte Züge sind ein Sicherheitsrisiko. Durch das Deutschlandticket nutzen mehr Menschen den ÖPNV, aber die Kapazitäten sind nicht mitgewachsen – das muss sich ändern!

Dazu kann ich nur sagen: Ja, das ist so. Und mehr Kapazitäten nutzen allen.

  1. Mehr Personal bei den Polizeien, bessere Strafverfolgung und härtere Strafen

Außerdem fordern wir eine bessere Personalausstattung der Bundes- und Landespolizeien, eine bessere Strafverfolgung durch Sonderdezernate an den Staatsanwaltschaften und einen stärkeren strafrechtlichen Schutz durch Strafrechtsverschärfungen.

Ich habe es in meinen zwanzig Jahren als Zugbegleiter immer wieder erlebt, dass Zugchef:innen darauf verzichtet haben, die Bundespolizei zu rufen, weil sie in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hatten, dass die sich dann weigern, die randalierende Person von Bord zu holen – Argument: „Der hat eine gültige Fahrkarte“. Und was abging, wenn so eine Person an Bord blieb und sein Triumphgefühl über den kleinen Zugchef auslebte, möchte man nicht nochmal haben.

Manche Polizeidienststelle wie die auf dem Mannheimer Hauptbahnhof vor rund 15 Jahren war so desinteressiert, dass sie sich geweigert haben, die Tür ihrer Wache zu öffnen und einen auf sie zukommenden Dieb festzunehmen, obwohl unser Zugführer ihnen per Telefon haargenau erklärt hat, wer das war, was er geklaut hatte, und dass sie ihn auf ihren Bildschirmen sehen könnten.

Die Rolle des Zugbegleitpersonals bei der Verhinderung und bei der Verfolgung von Straftaten muss also auch erstmal gegenüber den zuständigen Behörden gestärkt werden. Denn zur Tragik des Todes unseres Kollegen Serkan Çalar gehört nicht nur, dass es gegen spontane Gewaltausbrüche von Menschen kaum ein probates, ebenso spontan wirkendes Abwehrmittel gibt, sondern dass der Mensch, der ihn zu Tode geprügelt hat, wenige Stunden vor dieser schrecklichen Tat schon im Gewahrsam der Bundespolizei gewesen war: Laut SPIEGEL „holten Bundespolizisten den 26-Jährigen um 11:50 Uhr in Kaiserslautern aus einem aus Frankreich kommenden TGV, weil er im Zug gegen eine Tür getreten hatte. Zugbegleiter alarmierten daraufhin die Behörden. Da die Tür unbeschädigt blieb und der Mann über ein Ticket verfügte, blieb der Vorgang für ihn jedoch offenbar ohne strafrechtliche Folgen.“

Keine sechs Stunden später schlug er den Kollegen Serkan Çalar tot. Abzuklären, ob der Randalierer aus dem TGV, ein in Luxemburg gemeldeter Grieche, vielleicht eine kriminelle oder medizinische Vorgeschichte hatte, und ihn für eine Weile buchstäblich aus dem Verkehr zu ziehen, so wie man es mit jemandem macht, der an Bord eines Flugzeuges randaliert, wäre also eine Maßnahme, über deren Durchführbarkeit man nachdenken sollte.

Liebe Demo-Teilnehmer:innen, ich bitte Euch also darum, die Petition der EVG zu unterzeichnen. Die Gewerkschaften rufen auch zu Spenden für die Hinterbliebenen auf, das Konto findet ihr ebenfalls auf dem Flugblatt:

Empfänger: DB Regio Aktiengesellschaft
IBAN: DE 15 5008 0000 0091 6377 01
Verwendungszweck: Serkan C.

Auch wenn das Thema meiner heutigen Rede ein trauriges ist – die Eisenbahnerfamilie lässt niemanden alleine. Und wie es im berühmten Lied „You’ll never walk alone“ heißt: „Hold your head up high“. Halt Deinen Kopf oben, wir werden bessere Zeiten erleben. Das gilt gerade auch für Zeiten, in denen manche Staats- und Regierungschefs Kriege vom Zaun brechen oder eine ganze Insel in der Karibik aushungern, um ihre Machtfülle auszutoben, und es gilt für Zeiten, in denen schon wieder ein paar „Macher“ von Stuttgart 21 das Weite suchen und ansonsten frisch verlegte Kabel rausreißen, und es auch der bahnaffinen Presse dämmert, dass S21 ein einziges Desaster ist.

Aus solchen Krisen kann Einsicht und dann etwas Besseres entstehen – so dass wir sagen können: In Stuttgart wird die Eisenbahn …

OBEN BLEIBEN!

Rede von Joachim Holstein als pdf-Datei

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