Unsichere Zeiten: Zwischen Bösewichtern, Kriegsverbrechern – und Hoffnungen

Rede von Peter Grohmann, Kabarettist, Autor und Publizist, auf der 802. Montagsdemo am 20.4.2026

Ach, Ihr, die so ausdauernd die beste Seite Stuttgarts repräsentiert, Leute aus den Vorstädten, Menschen im Land, Freundinnen und Freunde,

meine Rede am 20. April 2026 wird zu Beginn an Mascha Riepl-Schmidt erinnern, eine Frau, die den widerständigen, den aufmüpfigen Frauen eng verbunden war, auch dem Widerstand gegen S21, eine Autorin, Forscherin, Zeitgenossin der Geschichte. Mascha Riepl-Schmidt starb am 25. März 2026.

Wenn wir an ihr Leben erinnern, erinnern wir uns auch an all die vielen Streiterinnen für eine redliche Stadt, eine offene Welt, die uns in den letzten Jahren verlassen haben, die hier auf dem Schloßplatz, vor dem Bahnhof, an der Mahnwache stritten und wachten.

Mascha Riepl-Schmidt wird am geschichtsträchtigen 8. Mai 2026 auf dem Fangelsbachfriedhof zu Grabe getragen.

Am 8. Mai 1945 – daran knüpfe ich an, es ist ein historisches Datum – war Mascha drei Jahre alt und erlebte als Kind die schweren Bombenangriffe auf Stuttgart. Der 8. Mai aber war, wie wir wissen, kein „Tag der Befreiung“, sondern ein Tag der Niederlage, der Schmach, so kolportieren es viele Menschen. Die Deutschen waren zwar kriegsmüde, ausgehungert, erschöpft, aber in besserem Zustand hätten doch viele die Naziherrschaft bis aufs Messer, bis zum letzten Atemzug verteidigt.

Fast 5000 Zivilisten kamen bei den Bombenangriffen auf Stuttgart ums Leben – aber wer denkt heute in unseren Städten an das Grauen in den anderen Städten der Welt, heute, jetzt, an die Bombenangriffe und gezielten Tötungen, an Mord und Terror und Totschlag im Libanon, in Palästina, im Irak, in Israel, an die Verhungernden in Afrika, die Ausgehungerten in Kuba?

Und was die gezielten Tötungen angeht, die USA und Israel sind hier Spezialisten: Sind es nicht auch gezielte Tötungen, wenn unsere rechtsradikale Schutztruppe Frontex die schiffbrüchigen Kähne und die Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Sudan usw. den Menschenschändern und Sklavenhaltern in Libyen, Nordafrika zum Fraß vorwirft – sie so der Folter, dem Terror, der Rechtlosigkeit ausliefert?

Wer, wenn nicht wir, muss heute, wenn's um Gedenken geht, daran erinnern, dass Christdemokraten, SPD und Grüne dafür die Verantwortung tragen? Wer, wenn nicht wir, muss daran erinnern, dass diese Politik den Menschen Angst einjagt vor Überfremdung, dass diese Politik nicht die Demokratie stärkt, sondern ihre Feinde? Erstmals bei Wahlumfragen überholt die AfD die CDU. Wacht endlich auf, Verdammte dieser Erde!

Und wer, wenn nicht wir, hat die Pflicht, die immer wiederkehrende Pflicht, an jene jenseits der Schlachtfelder zu erinnern, an die, die bei Tageslicht abgeholt wurden, verdammt lang her, verdammt lang, in Bussen durch die Stadt gefahren, durch das taghelle Stuttgart, in die naheliegenden KZs, nach Echterdingen, auf den Heuberg, nach Leonberg, an jene, die auf dem Killesberg zusammengetrieben wurden, am Nordbahnhof wie Vieh verladen zur Vernichtung, nach Theresienstadt, Riga?

An jene, die im Hotel Silber, der Gestapo-Zentrale, gefangen, gefoltert, zur Ermordung vorbereitet wurden? An jene, die in die grauen Busse nach Grafeneck stiegen, ein Ausflug auf die Alb, sagte man ihnen. An jene, die im Bürgerhospital die Giftspritze erhielten. Und wer, wenn nicht wir, erinnert an die Kinder der Zwangsarbeiterinnen, die in den honorablen Firmen und Einrichtungen der Stadt, unserer Landeshauptstadt Zwangsarbeit leisteten bis zum Umfallen? Die Stadt Stuttgart war sich nicht zu schade, im Jahr 2024 einer Dokumentation zu den Verbrechen an russischen Kindern der Zwangsarbeiterinnen einen Zuschuss von 1000 Euro zu verweigern. 2024!

Nein, liebe Zaungäste der Stadt, das ist nicht alles. Denn jedes Buch, jede Erinnerungsstunde, jede Gedenkstätte, jeder Stolperstein, jedes Denkmal musste gegen den Willen der Unwilligen erkämpft, erstritten werden – gegen die Behäbigkeit der meisten Stadträte, gegen die Ignoranz vieler Ämter, gegen die Gleichgültigkeit einer Stadtgesellschaft, der ein Parkplatz in der Innenstadt immer wichtiger ist, und die sich nicht über das Fällen von 300 alten Bäumen aufregte, sondern über den Müll der Parkbesetzer.

Ob es nun ums Hotel Silber ging oder eine Erinnerungstafel am Bürgerhospital, ein Gedenkstein am Killesberg oder an den Sammelorten in den Stadtteilen, um den Schriftzug am Landgericht in der Urbanstraße, dort, wo im Gerichtshof das Fallbeil aufgefahren wurde und die Opfer im Minutentakt geköpft wurden... Es war taghell.

Immer musste die kritische Stadtgesellschaft darum kämpfen um jeden Stolperstein, jede Straßenumbenennung. Heute geht es um eine andere Rampe – um das Wegdrängen.

Denn was ist eigentlich mit den Sinti und Romas? Der Internationale Tag der Roma, der Welt-Roma-Tag, wird am 8. April begangen. Es ist ein von den bürgerlichen Gesellschaften kaum beachteter weltweiter Aktionstag, mit dem auf die Situation der Sinti und Roma, insbesondere deren Diskriminierung und Verfolgung, aufmerksam gemacht und zugleich die Kultur dieser ethnischen Minderheit gefeiert wird.

Dazu sehen wir uns anschließend an diese Kundgebung am Mahnmal für die Opfer des Faschismus. Danke, wenn Sie, wenn Ihr geh-denken geht! Auch morgen und übermorgen.

Damals wurden die als diskriminierend empfundenen Fremdbezeichnungen „Gypsy“ und „Zigeuner“ zugunsten der Eigenbezeichnung „Roma“ verworfen. Heute wehren wir uns gegen erneute Diskriminierung, gegen Abschiebung, Ausgrenzung, Verfolgungen bei uns und in Europa. Elke Martin von den AnStiftern hat tief in Archiven gegraben und das allererste Buch zur Geschichte der Stuttgarter Sinti und Roma geschrieben. Es dokumentiert Denunziation, Verfolgung und Deportation. Die Täter wurden später nur milde abgemahnt, wenn überhaupt.

Geh denken, du Stadt der Auslandsdeutschen, Provinznest diesbezüglich zwischen Wald und Reben, geh denken, ignorantes reiches Stuttgart. Geh denken heißt nichts anderes, als heute, am 20. April 2026, offenen Auges durch die Welt zu gehen, freundlich und zugewandt allen Menschen, die friedfertig sind. Geh denken heißt nichts anderes, als heute, am 20. April 2026, kritisch auf die verstümmelten Medien zu schauen, für die dieser Tag nicht eine Zeile wert ist. Geh denken heißt nichts anderes, als heute, am 20. April 2026, kritisch und selbstkritisch auf alles zu schauen, was in der Welt passiert.

Dazu sehen wir uns anschließend an diese Kundgebung am Mahnmal für die Opfer des Faschismus. Danke, wenn Sie, wenn Ihr geh denken geht! – Auch morgen und übermorgen.

Wenn Ihr die Sonne und den Tanz in den Mai genießt,
den Frühling, die vielen Freundschaften,
ein heiter machendes Buch,
die Träume in den Nächten,
das Lachen der Kinder unten im Hof,
die Vielfalt der Farben und Sprachen
und den Geruch des Mittagessens
mit deinen fremdländischen Nachbarn,
und allen die oben bleiben mit Dir.

Kali Orexi.
Asante sana. Görü şürüz. Köszönöm. Tschüs!

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