Rede von Fritz Mielert, Referent für Umwelt und Energie, BUND Regionalverband Stuttgart, auf der 819. Montagsdemo am 24.8.2026
Wetter vs. Klima
Schön, dass es heute etwas kühler ist! Trotzdem liegen wir in Stuttgart etwa drei Grad über dem normalen Bereich. Die Temperatur eines Tages läuft eindeutig unter Wetter, und auch noch die Dürre, die einem das Handy zeigt, ist Wetter. Auch wenn es in den letzten 30 Tage nur 40 Prozent dessen geregnet hat, was normalerweise runterkommt. Zu Klima wird das Ganze, wenn wir uns mehrjährige Entwicklungen anschauen. Doch auch die momentanen Hitzewellen tragen einen eindeutigen Fingerabdruck der Klimakatastrophe.
Seit Jahren simuliert die Wissenschaft, wie wahrscheinlich bestimmte Wetterereignisse mit und ohne die menschengemachte Erderwärmung sind. Die Hitzewelle im Juni wäre vor 50 Jahren quasi unmöglich gewesen.
Und was macht die Politik? Sie redet von Wetter! Insbesondere Bundeskanzler, Wirtschaftsministerin und Verkehrsminister haben noch nicht verstanden, was Sache ist.
Hitze und Gesundheit
Dabei haben wir alle am eigenen Leib erlebt, wie anstrengend es war. Es war so heiß, dass uns das Denken schwerfiel. Unfälle nahmen zu. Vor allem alte Menschen sind gestorben. Das Robert Koch Institut ermittelte eine Übersterblichkeit von über 14.000 Menschen. Dabei ist klar: Der Klimawandel schreitet weiter voran.
Das, was wir heute an Extremwettern erleben, ist in einigen Jahren vielleicht die Normalität. Und in ein paar weiteren Jahren eher ein angenehmes Wetter. Wobei: Angenehm ist falsch. Der Mensch kann sich nicht beliebig anpassen, er reguliert seine Temperatur übers Schwitzen. Ab bestimmten Klimabedingungen funktioniert aber eine Abkühlung übers Schwitzen nicht mehr.
Das alles wissen die verschiedenen Regierungen. Das alles weiß der Herr Bundeskanzler. Und trotzdem will er den Klimaschutz deutlich verlangsamen und die Wirtschaft bei Klimavorgaben entlasten. In der jüngsten Debatte ist der Herr einfach abgetaucht. Bricht seinen Urlaub – trotz der Katastrophe – nicht ab, äußert sich noch nicht einmal über seine Sprecher. Das ist eine Unverschämtheit und ein Politikversagen sondergleichen!
Bundeskanzler und Wirtschaftsministerin
Erst vergangenes Wochenende war der Urlaub des Herrn Bundeskanzler endlich zu Ende. Er hat sich sogar zum Klima geäußert – ganz zaghaft und unglaubwürdig. Aber er hat es getan. Morgen und übermorgen wollen sie auf der Kabinettsklausur auch über Klima reden. Dann wird es spannend.
Hat Merz verstanden, wie dramatisch die Lage ist? Dann müsste er seine komplette Politik über den Haufen werfen. Dann müsste er vor allem seine Wirtschaftsministerin stoppen.
Frau Reiche hat schon 2012 als Staatssekretärin unter Umweltminister Altmaier die erneuerbaren Energien torpediert. Bisher darf sie genau dort weitermachen, darf den Ausbau der Erneuerbaren ausbremsen, darf die Wärmewende ausbremsen, darf die Gasindustrie weiter pampern.
Falls der liebe Herr Bundeskanzler im Urlaub zur Vernunft gekommen sein sollte, muss er diese desaströse, zukunftsfeindliche Politik bei der Kabinettsklausur ein für alle Mal stoppen.
Atomkraft und Dürre / Hitze
Nur gut, dass wir keinen Strom mehr mit Atomkraftwerken erzeugen, und dass die Meiler mittlerweile so weit abgerissen sind, dass eine Wiederinbetriebnahme ausgeschlossen ist. Die Reaktoren müssten diesen Sommer wahrscheinlich abgeschaltet oder zumindest gedrosselt werden, weil die Flüsse zu heiß sind oder zu wenig Wasser haben. Dann hätten wir auch noch einen Strommangel. Danke Rot-Grün, danke Merkel – und vor allem: Danke Anti-Atom-Bewegung! Danke, dass wir davon befreit sind!
Verkehrspolitik
Und schauen wir auf den Verkehr: In Leipzig, Nürnberg und anderen Städten verklebten unter der Hitze die Straßenbahnschienen mit Bitumen. Autobahnen aus Beton platzen auf. Klimaanlagen der Bahn fielen aus. Der Rhein als wichtigste deutsche Wasserstraße ist nicht mehr durchgängig befahrbar. Unsere Verkehrsinfrastruktur versagt unter der Hitze. Und was fällt unserem Verkehrsminister ein?
Zwei Dinge: Er will den Rhein an einigen kritischen Stellen vertiefen. Und er hat sich um die Abschaffung des Sonntagfahrverbots für Lkw gekümmert.
Es gibt aber weder genügend Fahrpersonal noch genügend Lkw oder Verladeinfrastruktur, um die Mengen über Straßen zu transportieren. Er hat Politik nur simuliert. Das ist das Gegenteil einer langfristigen Lösung.
Auch eine Vertiefung des Rheins hilft nicht wirklich weiter. So stark, dass der Rhein die nächsten Jahrzehnte bei Trockenheit schiffbar bleibt, kann man ihn gar nicht vertiefen. Ganz zu schweigen von den ökologischen Risiken, die eine solche Vertiefung mit sich bringen würde: Sie würde Altarme und Auen schädigen. Sie würde den Grundwasserspiegel absenken. Sie würde das Wasser noch schneller aus der Landschaft befördern. Und mehr Schmelzwasser aus den Alpen gibt’s dadurch auch nicht. Was eine Schnapsidee!
Wir brauchen einen Verkehrsminister, der den Realitäten ins Auge sieht! Wir brauchen eine echte Verkehrswende!
Wasser
Das Schmelzwasser fehlt nicht nur dem Rhein, das Schmelzwasser fehlt überall. In der Schweiz hängen mit Wasserkraftwerken, Pumpspeicherwerken und Atomkraftwerken über 80% der Stromversorgung am Wasser und seinen Temperaturen. Und der Bodensee ist die zentrale Trinkwasserquelle für Baden-Württemberg. Bisher ist die Trinkwasserversorgung gesichert, und es sieht auch so aus, als könnte sie noch die kommenden Jahrzehnte sicher sein, trotz weniger Schnee im Winter und weniger Regen im Sommer, trotz eines stärker schwankenden Pegels. So behauptet es zumindest die Landeswasserversorgung.
Das liegt vor allem daran, dass das Trinkwasser in 60 Metern Tiefe entnommen wird. Von einem solch niedrigen Pegel sind wir weit entfernt. Leider kann sich die Natur aber nicht so gut anpassen: Flache Uferbereiche trocknen aus, das Leben dort stirbt, wenn es nicht ausweichen kann. Auch durchmischt sich das Wasser immer schlechter. Eine fehlende Durchmischung des Sees führt zu weniger Sauerstoff in der Tiefe, und damit zu schlechteren Lebensbedingungen.
Auch das weiß die Politik alles. Sie weiß es seit Jahren und Jahrzehnten. Und was tut sie? Sie simuliert nur Politik! Sie kümmert sich um Wirtschaftsinteressen! Sie interessiert sich einen feuchten Kehricht
für den Erhalt unserer Lebensbedingungen!
Gesellschaftliche Kosten
Dabei müsste Klimaschutz auch im Interesse der Wirtschaft sein. Greenpeace hat heute Zahlen dazu vorgelegt. Hitze und Trockenheit haben dieses Jahr Schäden in Höhe von 36 Milliarden Euro angerichtet – allein in Deutschland! Ernteausfälle, Waldbrände, Produktivitätsrückgänge und Gesundheitskosten haben sie eingerechnet. Die 36 Milliarden sind auch schuld der Bundesregierung!
Ausblick
Und es ist nicht nur ein Politikversagen, es ist auch ein Versagen der Medien. Sie thematisieren zu wenig die Ursache: Unseren Hunger nach fossilen Energien. Sie lassen Politiker*innen mit Ausreden durchkommen. Wahrscheinlich klickt die Klimakatastrophe momentan einfach zu schlecht.
Ich denke, wir müssen wieder ran. Wir müssen auf die Straße – immer und immer wieder! Gestern bei den Fridays waren wir wieder viel zu wenige. Natürlich ist es mühsam, sich immer zu wiederholen. Aber gerade Ihr hier auf der Montagsdemo wisst, was es heißt, hartnäckig zu bleiben.
Lasst uns gemeinsam kämpfen!
Für eine lebenswerte Zukunft!
Danke!
Es gilt das gesprochene Wort.






