Presseerklärung: Menschen im Stuttgarter Schlossgarten

Stuttgart, 9. November 2010: Im Sommer dieses Jahres haben die Parkschützer den Schlossgarten besetzt, um die drohenden Baumfällungen für Stuttgart 21 zu verhindern. Daraufhin wurden sie jedesmal sehr zügig und mit zunehmender Brutalität von der Polizei geräumt. Kurz vor dem 30.9.2010 wurden sogar Menschen weggeschleppt, die ungeschützt auf der Wiese saßen, auf dem Boden liegende Planen wurden konfisziert. Die Menschen blieben trotz dieser widrigen Umstände im Park.

Seit geraumer Zeit nun wächst im Park eine kleine Zeltstadt, von der Polizei geduldet. Der Park hat sich dadurch verändert. Einige Parkbewohner unternehmen große Anstrengungen, um die damit einhergehenden Probleme, allen voran die Müllbeseitigung, zu lösen.

Tatsächlich wollen viele Menschen, die im Park campieren, den Park vor Abholzung schützen. An einem Tisch bieten einige Engagierte Informationsmaterial der Parkschützer an. Zu den Bewohnern der Zeltstadt gehören dabei auch Menschen, die ohne festen Wohnsitz leben, manche leben seit Jahren im Park. Und es gibt einige Parkbewohner, die mit dem Schutz des Parks nichts am Hut haben. Leider hat sich herumgesprochen, dass die Polizei im Park gerade alles duldet, nicht nur Wetterschutz sondern auch Feuertonnen, Drogen, Gewaltausbrüche etc. Die Kritik der engagierten Parkbewohner an solchen Auswüchsen wird von einigen Nutznießern zunehmend aggressiv beantwortet.

Solange der Park akut von weiteren Zerstörungen durch Baumfällungen und die Vorbereitung der Grundwassermanipulation bedroht war, hat ein Versorgerteam der Parkschützer alle, die den Park durch ihre Anwesenheit schützen, mit Essen und Getränken versorgt. Durch die vielfältigen Aktivitäten der Parkschützer, wie z.B. Aktionstrainings und Blockaden, ist die Bahn jedoch von ihrem ursprünglichen Plan inzwischen abgerückt, alle 282 Großbäume im Mittleren Schlossgarten noch im Jahr 2010 abzuholzen. Nach Einschätzung der Parkschützer besteht im Moment akute Gefahr vor allem durch das Grundwassermanagement. Daher wurde der Versorgerstand vor gut einer Woche vorerst abgebaut.

Die Menschen im Park versorgen sich seitdem selbst. Dies ist möglich, weil nicht nur sehr unterschiedliche Menschen im Park leben, sondern Menschen, die deren Situation erleben, teilweise mit Kritik, teilweise aber auch mitmenschlich reagieren. Essensspenden, vorbeigebrachte warme Decken und andere spontane Hilfe ist für alle Menschen im Park eine Unterstützung. Für die Menschen ohne festen Wohnsitz, die dort leben, ist es Überlebenshilfe.

Die Vesperkirche in Stuttgart wird erst im Januar öffnen. „Dann wird dort, wie in den vergangenen Jahren, die Not von vielen Menschen in Stuttgart sichtbar werden. Durch die aktuelle Situation im Park und die sinkenden Temperaturen ist diese Not jetzt schon für viele wahrnehmbar. Doch die Parkschützer werden dieses Problem nicht lösen können,“ so Parkschützerin Elke Edelkott. „Einige Stuttgarter haben durch die aktuelle Situation gemerkt, wie sehr ihnen der Park am Herzen liegt. Wir würden uns freuen, wenn sie sich ab heute mit uns für die Zukunft des Schlossgartens einsetzen würden, statt für Stuttgart 21 seine Abholzung zu befürworten. Wenn wir nicht jetzt für diesen Schlossgarten kämpfen, ist Müll hier bald kein Problem mehr, dann besetzten Baumaschinen den Platz und dieser Teil des Schlossgartens wird für immer zur Betonwüste, über die sich bestenfalls Skater freuen können.“

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18 Antworten zu Presseerklärung: Menschen im Stuttgarter Schlossgarten

  1. Dani Walter sagt:

    Liebe Mitmenschen, Basisdemokraten, Bürger Stuttgarts:
    Ich höre mit Entsetzen, dass die Tatsache der Anwesenheit von Obdachlosen im Park als Argument gegen die Parkschützer verwendet wird.
    Unabhängig davon, dass dieses schlechtbürgerliche Argumentationsfiasko unmenschlich und unchristlich ist, bitte ich euch, nie zu vergessen, dass wir alle MENSCHEN sind. Distanziert euch bitte nicht von Menschen, die obdachlos sind, nur um den Schlechtbürgern nach dem Mund zu reden.

    • Max2 sagt:

      Das sehe ich auch so. Daher ein Vorschlag:

      Der Winter kann bitterkalt werden. Der Südflügel ist doch noch beheizbar?! Kann dieser nicht als Notübernachtung und Aufenthaltsmöglichkeit für Menschen ohne Dach über dem Kopf benutzt werden? Im Südflügel gibt es sicher auch irgendwo Duschen. War da nicht auch mal so etwas wie eine Kantine?

    • Heiko sagt:

      Sehr schönes Kommentar! 🙂

  2. Bernd Carle sagt:

    Die Obdachlosen sind im Schloßgarten (wo sollen sie denn hin, wenn Hartz4 gnadenlos sanktioniert) genauso willkommen wie die Parkschützer. Und ob mein Brennholz jetzt die einen wärmt oder die anderen, das soll mir egal sein. Hauptsache es wärmt irgendwen. Muß demnäxt (@ Erhard) wieder welches hinbringen.

  3. E.P sagt:

    wo hast Du das gehört ?

    Und – waren die Obdachlosen nicht schon immer in dem Park ?

  4. E.P sagt:

    Nachtrag : ich übernachte ab und zu auch im Park. Ich bin NICHt arbeitslos, nicht obdachlos, ich will nur da sein für den Fall dass die DB, die Politiker oder wer auch immer den Park verwüsten wollen um \alternativlose\ Tatsachen zu schaffen.

    Natürlich bin ich – unter den erlaubten Planen und nicht unter meinem eigenen- verbotenem- Zelt – nicht von den Obdachlosen zu unterscheiden. Daran ist einzig und alleine die Stadt schuld die es nicht erlaubt dass ich mein schönes Zelt aufstelle für die Zeit wo ich im Park bin. Oder die DB der das Gelände seit dem 01.10.10 gehört..

    Selber schuld wenn ich ihnen keine schönen Anblich bieten kann.. Weg bleiben oder über die unsinnigen Verbote nachdenken und sie fallen lassen – das ist meine Forderung an diejengien die den Anblick den ich ihnen erlaubterweise bieten kann nicht ertragen.

    Verscheuchen aus dem Park lasse ich mich micht solange ich das Gefühl habe der Park muß geschütz weden weil die DB sonst bei Nacht und Nebel alle Zusagen von wegen Baustopp und so bricht. Vertrauen mag gut sein, ich habe kein Vertrauen was die DB, Mappus und Co. betrifft. Mein Vertrauen muß man sich verdienen und das taten Mappus und Co. bis jetzt nicht.

  5. Loreleyla sagt:

    Ihr Lieben!
    Seit Wochen höre ich nun die verschiedenen Meinungen, was für unseren Park gut, schützend oder schlecht sein könnte…
    Abzulehnen ist der Zweckopportunismus der sog. S21-Parkschützer. Sich vordergründig einzusetzen für etwas, was man ohne Not selber geopfert hat nur um den „Gegner“ -also uns- zu schwächen, das ist zynisch, zynisch, zynisch.
    Hier noch ein paar Gedanken aus meiner eigenen Parkübernachtungszeit :
    1. Durch die Menschen ist der Park sicherer geworden. Wer ist denn früher nachts durch den Schloßgarten gelaufen? Wieviele wurden überfallen. Das passiert derzeit nicht mehr.
    Für die aktuelle Situation: Na und, dann wird man halt mal angepöbelt.

    2. Im Sommer war beim Landespavillion regelmäßiger Drogenhandel. Die Polizei stand daneben und hat Parschützer schickaniert, hat sich um die Drogendeals nicht gekümmert. Die Dealer fühlten sich aber durch die Parkschützer gestört und haben sich wohl verlagert. –> Der Park ist seither sicherer geworden. Für heute: Na und- dann raucht halt einer mal einen Joint!

    3. Die aktuelle Situation ist in den letzten Monaten zäh errungen worden .Täglich kam die Polizei und hat Zelte, Planen, was auch immer, bemängelt, weggenommen…. Was heute zu sehen ist, ist das, was geduldet wurde, übrriggeblieben ist, neu beschafft werden konnte…mit einfachsten Mitteln.
    Für heute: Wer ein schönes Zelt sehen will schaue sich bitte einen S21-Befürworter-Stand an. Alles eingekauft. Vom Feinsten! Ob das auch die feinsten Motive sind, die edelsten Menschen? Beurteilt es selbst, aber verurteilt nicht einen „Penner“, der im Park ums Überleben kämpft.

    4. Die „Vermüllung“ des Parkes den Parkschützern in Rechnung zu stellen ist unfair! Auch vorher wurde dort Müll produziert und von der Stadt entsorgt. Nun hat die Stadt wohl die Entsorgung eingestellt und Parkschützer entsorgen ihren Müll selber und den der anderen noch gleich mit.
    Für heute: Manches was als leichtfertig „Müll“ bezeichnet wird, ist nur ein blauer Sack mit Parkschutz-Resourcen. Der differenzierte Blick ist hier gefragt.

    5. Seit der Park bewohnt ist, gibt es dort weniger Ratten.

    Die Annahme, dass derzeit keine „akute Gefahr“ für den Schloßgarten besteht, könnte sich sehr schnell als falsch erweisen. Da die Bäume unwiederbringlich sind, dürfen wir es nicht darauf ankommen lassen.

    Oben bleiben

    Sylvia

    • Maria sagt:

      Sehr schön, treffend und differenziert geschrieben, Sylvia. Genau so, wie es ist, und eben nicht immer leicht.

    • Weltenfrau sagt:

      Liebe Sylvia,

      danke für Deine positiven, optimistischen, ermunternden und mitfühlenden Worte!
      Obenbleiben – Menschbleiben – Liebezeigen – Leben!

      Herz-lichte Grüße
      Die Weltenfrau

  6. Capo sagt:

    wir dürfen nicht vergessen, es gab einen Leitspruch:
    Je mehr im Park sind desto besser!
    Oder hat damals jemand gefragt wie hoch das Jahreseinkommen ist oder ob jemand obdachlos ist?
    Ball flach halten!
    OBEN BLEIBEN!!!
    Und im Frühjahr Grassamen sähen!

  7. angelika1234567 sagt:

    Ich frage mich warum sich die Befürworter von Stuttgart 21 über den Schloßpark aufregen? Der Park würde ja demnächst zu Teilen nicht mehr bestehen wenn weitergebaut wird. So ist er Anziehungspunkt auch für Menschen außerhalb Stuttgarts und ein schönes Beispiel für friedlichen Widerstand. Auch dass andere Mitmenschen auf soziale Mißstände- Obdachlose, die ja gern übersehen werden- aufmerksam werden, ist sehr positiv.

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  9. Stephan Becker sagt:

    Eine befreundete Polizistin hatte mich schon vor über 20 Jahren davor gewarnt nachts durch den Park zu gehen, wegen des Drogenhandels. Inzwischen kann man dort ohne Angst zu haben zu jeder Tages- und Nachtzeit durchlaufen, zumindestens wohl im mittleren Teil.
    Wer mit Drogen und Gewalt ein Problem hat, sollte vielleicht auch daran denken keinen Cannstatter Wasn mehr zu veranstalten.

    Ohne den Wasswerfereinsatz und die Auseinandersetzungen mit der massiven Polizeigewalt würde der Park heute im Herbst sicher schöner aussehen.

    • Thomas sagt:

      Da kann ich Stephan Becker nur voll und ganz zustimmen. Nie hat man sich in dem Teil des Parks sicherer gefühlt, vom 30.09.2010 mal abgesehen. Seit Monaten habe ich schon nicht mehr gelesen das dort Leute überfallen oder ausgeraubt worden sind. Die Menschen dort sind doch vollkommen harmlos gegenüber anderen Mitbürgern.
      Ich bin letzte Woche extra mehrmals mit meinem Neffen (9 Jahre) dort gewesen und ihm alles erklärt. Wir haben dann auch noch Abends, auf seinen Wunsch einen Schwabenstreich mit den anderen gemacht.

  10. Bence sagt:

    Ich bin auch ein Parkschützer und bin nicht obdachlos. Dennoch „lebe“ ich momentan aus überzeugung im Park… Cem, Gangolf, von Hermann & co sind nur noch sesselpfurzer & dummschwätzer, wie es die meisten werden sobald sie es mit macht und politik zu tun haben!! die grünen habe ich noch nie im park nächtigen sehen, habe sie auch nie von polizisten bedrängt gesehen etc. gangolf habe ich seit einer ewigkeit nicht gesehen und ihm waren nichtmal straßenblockaden recht (wie war das? abriss aufstand????) und vonHerman hat uns Parkschützer verleimndet und sogar vor der Bild als obdachlose penner betitelt… ich lasse mir sowas nicht gefallen und ich bleibe im Park, selbst wenn wir minusgrade haben (trotz erderwärmung =P)…
    OBEN BLEIBEN!!

  11. S. E. sagt:

    @Bence: Ich bin kein Fan irgendeiner Partei und eigentlich sind mir alle Politiker zuwider, aber zur Ehrenrettung von Frau Aras (Grüne) muss ich anmerken, dass ich sie am 30.9. im Park gesehen hab als der Wasserwefer schon gut dabei war. Wollts bloß anmerken. 🙂 Auf Lästern hab ich jetzt kein Bock auch wenns einiges zu sagen gäbe.
    Im-Park-Leben ist auf jeden Fall cool!

  12. S21-Nein-Danke sagt:

    Herr Wölfle von den Grünen war auch am 30.9. da

  13. Uwe Mannke sagt:

    Wir brauchen eine realistische Einschätzung, wer und wieviele den Park in diesen Tagen schützen können. Es kann jedenfalls nicht allein die Aufgabe von den ca. 50 Menschen sein, die sich da gerade ständig aufhalten. Im Ernstfall sind die sehr schnell geräumt. Zu unterscheiden ist zwischen einer sozialen Solidarität mit Menschen, die keine feste Wohnung haben und dem oraginsatorischen Zusammenhalt, um unser politisches Ziel zu erreichen.

    Eine Einschätzung, ob der Park gerade „bewacht“ werden muss, hängt von der Verläßlichkeit von der DB AG und der Politik ab. Dr. Geissler ist m.E. ein Garant für die Zeit der Gespräche, darüber hinaus nicht. Die Einschätzung darf natürlich nicht davon abhängen, ob man die Personen der Parkwache gerade liebt oder nicht. Andererseits hat auch niemand gesagt, dass die derzeitigen Parkbewohner das Thema für sich alleine beanspruchen können.

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