Artenvielfalt im Schlossgarten

Fotoausstellung öffnet die Augen für bislang Unentdecktes
Ausstellung besucht und kommentiert von Petra Brixel

Wer bisher etwas von "Artenvielfalt im Schlossgarten" hörte, dachte sofort an das bunte Völkchen in Zelten, Tipis, rund um die Mahnwachen und am Pavillon. Aber dass nicht nur Robin Wood in den Bäumen sitzt, wird beim Besuch der am letzten Freitag eröffneten Fotoausstellung im Bürgerzentrum Stuttgart West deutlich. "Wissen Sie, dass mehr als 50 Vogelarten im Stuttgarter Schlossgarten vorkommen?", wird in dem Flyer anlässlich der Ausstellung gefragt. Zugegeben, ich wusste es nicht. Und auch von Vögeln mit so klangvollen Namen wie Mittelspecht, Zilpzalp und Wintergoldhähnchen hatte ich weder etwas gehört noch gewusst, dass sie sogar Stammvögel bzw. Brutvögel im Schlossgarten sind.  
Diese Ausstellung mit über 40 großformatigen Fotos von Tomoko Arai öffnet die Augen für eine Parallelwelt im Schlossgarten. Und mit all den fast schmerzhaft schönen Bildern trägt sie zu den sowieso schon zahlreichen Argumenten gegen S21 bei: Schaut auf diese Vogelwelt, diese Vögel leben in den Bäumen im Park!
Die gebürtige Japanerin Tomoko, vielen bereits bekannt als Designerin von Tierbild- und mehrsprachigen Buttons, und unermüdlich zusammen mit ihrem Mann bei jeder Veranstaltung im Park für die Vögel werbend, kam vor zehn Jahren erstmals nach Stuttgart und verliebte sich sofort in den Schlossgarten. Mit ihrem Mann fotografierte sie weltweit in der Natur, allein 1100 Vogelarten umfasst ihre Sammlung. In Esslingen wohnend, ist sie seit zwei Jahren mit ihrer Kamera auf der Suche nach Tiermotiven im Schlossgarten. Ausgewählt hat sie für die derzeitige Präsentation im Bürgerzentrum vor allem Vogelbilder, die im Laufe des Jahres 2011 aufgenommen wurden. Es wird gerade durch die zeitliche Nähe noch bewusster: Diese Vögel leben jetzt über uns, ihr Habitat gilt es zu schützen.
Bei der Ausstellung geht es Tomoko Arai nicht um die reine Darstellung der Vögel in akribischer ornithologischer Aufzählung. Ihr Anliegen ist es, Vögel und andere Tiere in Bewegung und in ihrer natürlichen Umgebung zu zeigen. So freut man sich über davonrennende Feldhasen, Vogeleltern, die ihre Jungen füttern, Jungvögel, die - ängstlich oder neugierig, je nach Interpretation - aus Baumöffnungen blicken, hinter denen sich ihre Nester verbergen oder auch Höckerschwäne in verletzlicher Schönheit. Da ist ein Graureiher mit einem gefangenen Fisch im Schnabel zu sehen, sind Stockenten auf der Flucht vor einem Schwan und Kohlmeisen, die um ein Weibchen kämpfen. Nu ja, auch unter den Vögeln geht es nicht immer friedlich zu, denkt man sich.
Vögel auf den Seen im Schlossgarten, über dem Park schwebend, im Nest und Untergehölz ... es lässt sich erahnen, wie viel Zeit Tomoko Arai im Schlossgarten verbracht hat, um diese Bilder einzufangen. Tier- und speziell Vogelfotografie ist ja bekanntlich einer der schwierigsten Bereiche für Fotografen - Stichwort Geduld  (ihr lieben Architektur-Fotografen, zieht den Hut!).
Alle Fotos sind mit Aufnahmedatum und Titel versehen. Bereichernd ist ein großes Plakat mit der Skizze des Schlossgartens und der Darstellung, wo welcher Vogel aufgenommen wurde. Die Nummern auf dem Plakat finden sich unter den jeweiligen Großfotos wieder. Verlockend erscheint es schon, sich selber einmal "auf die Lauer zu legen" und ein Sommergoldhähnchen, eine Nilgans oder einen Gartenbaumläufer vor die Linse zu bekommen. Aber auch ohne Fotoapparat würde sich so eine Beobachtung lohnen; man weiß ja jetzt, was man sehen könnte. Ob Wintergast oder Sommervogel oder auch nur auf Zwischenstopp ... zu jeder Jahreszeit ist der Schlossgarten ein Eldorado für Vögel (und andere Tiere wie Feldhasen, Fledermäuse, Siebenschläfer, Rotfüchse und nicht zu vergessen ...  Juchtenkäfer, die man ganz nebenbei auch zu Gesicht bekommen könnte).  
Die Ausstellung im Bürgerzentrum Stuttgart West ist bis zum 23. Dezember 2011 zu sehen, von Montag bis Freitag zwischen 8 und 20 Uhr. Die Örtlichkeit in der ersten Etage - das muss man zugeben - hat nicht den Charme eines subtropischen Cafés. Zu wünschen wäre den Bildern nach der Finissage, dass sie weiter auf Wanderschaft gehen könnten, um noch viel mehr Menschen die Schönheit der Vogelwelt im Schlossgarten vor Augen zu führen. Auch sollte es Ausstellungsführungen für besondere Personengruppen geben: für Polizisten aller Dienstgrade, Wachdienst, Rohrverleger und Baumverpflanzer. Vielleicht bekämen sie die Spur einer Ahnung, was Artenvielfalt bedeutet, dass diese nämlich die Folge eines stabilen ökologischen Systems ist. Es sind eben nicht "nur Bäume", die zerstört werden sollen, es ist eine vitale Tierwelt, die dort auch vernichtet werden würde. Dies zu verhindern, darin wird man angesichts der Ausstellung nochmals bestärkt. Danke, Tomoko!

Unter www.stuttgarter-schlossgarten.de gibt es mehr Informationen, Fotos und Videos zu Tomoko Arais Bildern.

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1 Antwort zu Artenvielfalt im Schlossgarten

  1. Pitchblack sagt:

    Die Ausstellung ist einfach ein MUSS – unser Park aus einer ganz wundervollen Perspektive! Was Tomoko hier festgehalten hat, ist Leben pur und trifft mitten ins Herz. Vielen lieben Dank an Tomoko und ihren Mann, dass sie deise Schätze mit uns teilen!

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