Rede von Dr. Christoph Engelhardt auf der 253. Montagsdemo

Rede von Dr. Christoph Engelhardt, WikiReal.org, auf der 253. Montagsdemo in Stuttgart am 29.12.2014

Was nutzt S21?

Guten Abend liebe Mitstreiter, die ihr zwischen den Feiertagen selbst bei diesen Temperaturen hierhergekommen seid, um zu zeigen, dass es Menschen gibt, die sich nicht einlullen lassen, die ihren Kopf benutzen, die nach dem Sinn fragen, nach dem Nutzen, den die Milliardeninvestition Stuttgart 21 bieten soll.

„Was nutzt S21?“ Das ist die Frage. Und der wichtigste Nutzen dieses größten der deutschen Großprojekte sind die vielfach beworbenen „verkehrlichen Verbesserungen“ durch das Projekt. Im Hauptbahnhof von Ulm wird im Infopavillon im Dezember immer noch damit geworben, dass Stuttgart 21 die Kapazität des Hauptbahnhofs verdoppeln soll. Heute fahren 39 Züge in der Spitzenstunde, 78 Züge pro Stunde wären also für S21 zu fordern! Das ist schon mehr als frech! Ginge es um einen Börsengang und nicht um ein Großprojekt, dann wäre das Prospektbetrug und strafbar!

„Was nutzt also S21?“ Das war auch die Frage in der Anhörung zu PFA 1.3 im Oktober. Die Planrechtfertigung des Gesamtprojekts sollte geprüft werden und nachdem die ersten Folien zur Leistungsfähigkeit aufgelegt worden waren, erlebte die Bahn ein „Debakel“! Sie musste zu zentralen Fragen passen, gestand die Überlastung der Gleisbelegung im Stresstest ein oder argumentierte unhaltbar. Dann wurde am Folgetag die Anhörung zu dem Thema abgebrochen, gerade als es spannend geworden war. Nur noch 2 Fragen wurden angesprochen und nach wenigen Stunden war der Teil der Anhörung abgefertigt, dessen Wichtigkeit zuvor vom RP wiederholt hervorgehoben worden war. Auf einmal hieß es, man habe „genug gehört“. Die schwache Vorstellung der Bahn und die Willkür in der Entscheidung zum Abbruch ist jetzt Thema meines Artikels in der aktuellen Eisenbahn-Revue International.

„Was nutzt S21?“ S21 nutzt uns, den Zustand unserer Demokratie zu erkennen. Die Wahrheit ist nichts mehr wert, es zählen die Interessen. Wir sehen auch, was von der Bürgerbeteiligung zu halten ist, die uns die Landesregierung versprochen hat. Nichts! – Der Abbruch der Anhörung hat gezeigt: Bürgerbeteiligung ja, aber nur so lange, wie es nicht weh tut. Ministerpräsident Kretschmann, heilen sie den Schaden, der durch den Abbruch der Filder-Anhörung an der von ihnen propagierten Kultur der Bürgerbeteiligung entstanden ist. Wirken Sie auf das Ihnen untergebene Regierungspräsidium ein, dass die Anhörung öffentlich zuende geführt wird, dass Einwender und Bevölkerung zur Leistungsfähigkeit des Gesamtprojekts, zu Lärm, Brandschutz und der verkehrlichen Qualität der Fildertrasse aufgeklärt werden.

„Was nutzt S21?“ – S21 nutzt nix. Die Bahn hat in der Anhörung nicht vermocht die Kritikpunkte auszuräumen. Schon in ihrer 100-seitigen Stellungnahme war ihr das nicht gelungen. Vielmehr lieferte sie zahlreiche weitere Beweise für den Rückbau, insbesondere auch zum Stresstest. Der ist vollkommen unfahrbar: Züge haben das Gleis verlassen, bevor sie sich überhaupt in Bewegung setzen. Der Stresstest ist auch voller methodischer Fehler, die die Bahn schon faktisch eingestanden hat. Sie unterstellt beispielsweise, dass sobald ein Zug Verspätung hat, das Wetter schön wird. Es können Verspätungen abgebaut werden, bevor sie überhaupt entstanden sind. Für Stuttgart 21 gibt es nicht nur jede beliebige Ausnahmegenehmigung, auch die Gesetze von Zeit und Raum sind aufgehoben!

„Was nutzt die ANHÖRUNG?“ Die Anhörung hat doch etwas genutzt und nicht nur die Schwäche der Argumentation der Bahn gezeigt, sondern echte Fortschritte in der Diskussion. So konnte geklärt werden, dass für S21 tatsächlich rund 50 Züge in der Spitzenstunde zu fordern sind. Ohne Stresstest und nachdem Prof. Martin seine Leistungsfähigkeit drastisch nach unten korrigiert hat, gibt es für diese Kapazität keinen Nachweis mehr. Und am 3. Juli diesen Jahres hat der VGH Baden Württemberg geurteilt, dass die Kapazität von Stuttgart 21 von 32 Zügen pro Stunde „stets festgestanden“ habe. Das Projekt verfehlt seine Anforderung um 50 %. Der Leistungsrückbau ist amtlich, es darf kein gutes Geld dem schlechten hinterher geworfen werden!

„Was nutzt S21?“ Der Leistungsrückbau ist schon längst nachgewiesen! Das darzustellen war der Zweck dieser Veröffentlichung, verbunden mit der Hoffnung, dass die Wissenschaft sich zu Wort meldet. Und es gibt schon die ersten positiven Rückmeldungen – es ist höchste Zeit dafür! Nun wird es langsam eng für die Realitätsverweigerer. Sind die Lügen so massiv und so gut dokumentiert wie bei Stuttgart 21, dann lässt sich die Wahrheit nicht ewig aufhalten. Die Wahrheit vom Leistungsrückbau kommt zwangsläufig zu Tage, vielleicht zuerst in der Anhörung zu PFA 1.3, oder aber durch das 4. Bürgerbegehren (bitte noch die letzten paar fehlenden Unterschriften einwerben!), oder mit der Strafanzeige gegen Bahnvorstand und Aufsichtsrat, oder mit den Rechtsmitteln im Verfahren vor dem VGH oder mit dem aktuellen Antrag an die Bundesregierung von den Linken und den Grünen vom 22.12..

„Was nutzt S21?“ S21 nutzt nix! – Im Gegenteil es schadet und bringt Gefahren. Wir kennen die Gefahren aus der Gleisneigung sechsfach über dem Sollwert. Das wurde in der Filder-Anhörung noch angesprochen, aber vollkommen übergangen wurden die Gefahren aus den unterdimensionierten Fußgängeranlagen. Zum Vergleich: An der S-Bahn Haltestelle München Lochhausen sind die 2 m-Engpässe laut Deutscher Bahn zu „eng“ und ein „Fehler“ aus dem sie lernen will. Bei Stuttgart 21 gibt es auf jedem Bahnsteig viele dieser Engpässe – und S21 ist ein Knotenbahnhof einer Metropolregion mit einem der höchsten Fahrgastwechsel in Deutschland! Das gibt gefährliches Gedrängel. – Auch bei der Entfluchtung versucht die Bahn, sich die Katastrophe schönzurechnen mit drastisch reduzierten Reisendenzahlen! – Diese wesentlichen Punkte zur Leistungsfähigkeit von S21 blieben durch den Abbruch der Anhörung undiskutiert! Und es ist Zeit, dass Stadt und Land sich um die Sicherheit der zukünftigen Reisenden kümmern.

„Was nutzt S21?“ S21 nutzt nix! – Nix nutzt der Bahnhofsneubau den Bahnfahrern, den Menschen der Region, S21 schafft einen Engpass, nix nutzt das Projekt dem Deutschlandtakt, der wird behindert. – „Wem nutzt S21?“ – Der Bauwirtschaft und der Automobilindustrie, die auch vorher brav den Regierungsparteien gespendet haben. Wer nicht mehr Bahn fahren kann, muss dann eben Daimler fahren, dann geht die Rechnung auf.

„Was nutzt S21?“ S21 nutzt nix! – Zur Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21 stehen wir vor einer absurden Ansammlung von Milchmädchenrechnungen, Widersprüchen, haltlosen Behauptungen, methodischen Fehlern und ignorierten Risiken. Aber der Leistungsrückbau ist schon bewiesen, wir bauen so etwas wie das Rathaus ohne Fenster in Schilda, in Stuttgart bauen wir einen Bahnhof, der einen Engpass schafft. Ministerpräsident Kretschmann, stoppen Sie den Unsinn, lassen Sie die Baden-Württemberger nicht zu den Schildbürgern des 21. Jahrhunderts werden!

pdf-Version der Rede: 2014-12-29 Mo-Demo-Rede_Dr. Christoph Engelhardt

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Rede von Dr. Christoph Engelhardt auf der 253. Montagsdemo

  1. K. Neumann sagt:

    „„Was nutzt S21?“ S21 nutzt nix! – Im Gegenteil es schadet und bringt Gefahren. Wir kennen die Gefahren aus der Gleisneigung sechsfach über dem Sollwert.“

    Wurde nie thematisiert und mein Beitrag dazu im StZ Forum nicht veröffentlicht, obgleich mehrfach versucht: die Gefahren, die diesem 30km-Tunnelsarg aus den sich weltweit häufenden Terroranschlägen erwachsen können, weil sich einige in ihren religiösen Befindlichkeiten beleidigt fühlen. Man stelle sich in der Filderröhre zwei vollbesetzte Züge mit zusätzlich angehängtem Material in der Hauptverkehrszeit vor, die im Moment ihrer Begegnung in die Luft gesprengt werden. Bei Inversionswetterlage müsste der sich entwickelnde Rauch in den Bahnhofssarg drücken……. Nein, da braucht man weder Wasser in dem Löschsystem der Tunnels vorzuhalten wie das die Bahn wohl in prophetischer Vorausschau schon einmal vorsieht oder vorgesehen hat, ich bin da nicht mehr auf dem Stand der Dinge, noch sich in diesem Fall um welches zu bemühen.

    Ich möchte nochmals die entsprechenden Leute bitten, das Thema „unnütze Grossprojekte“ die den Steuerzahler für Jahrzehnte in die Pflicht nehmen, unter der Jugend, die dieses Jahr zum Kirchentag nach Stuttgart kommt, zu thematisieren. Wenn jemand diesen Dingen gegen über aufgeschlossen ist, dann diese Jugendlichen. Das sind dort völlig andere Empfindsamkeiten als beim Herrn July, weil diese Jugendlichen noch keine Trolle sind.

    Ja, und es werden noch Betten für diese Jugendlichen gesucht!

Kommentare sind geschlossen.