Gedenken der Parkräumung – Kundgebung am 14.2. 2017

Fünf Jahre Parkräumung - unvergessen! Angesichts einer ausufernden Baustelle an der Stelle, wo früher ein Park stand, muss man sich allerdings mühsam Bilder einer einstmals friedlichen Stadtoase ins Gedächtnis rufen. Größer könnte der Unterschied nicht sein. Für einen Teil der Parkschützer-Bewegung liegen diese fünf Jahre wie Lichtjahre zurück, für andere ist es wie gestern gewesen, dass sie gewaltsam aus dem Park vertrieben wurden.
So ein Gedenktag lässt Situationen wieder aufleben, und plötzlich steht die „Parknacht“ vor Augen. Jeder hat ganz bestimmte Erinnerungen an diese Nacht. Während einige Parkschützer fast täglich mit der Baustelle konfrontiert werden, weil sie auf dem Steg über die Baustelle gehen (müssen), sind andere nur ein Mal im Jahr an der Stelle des Widerstands, nämlich wenn jedes Jahr am 14.2. der Parkräumung gedacht wird.
In diesem Jahr fand die Gedenkveranstaltung an der Lusthausruine statt. Auch diese ist ein Symbol für die Entsorgung denkmalgeschützter Bausubstanz. Hier war am Dienstag, 14. Februar 2017 der Treffpunkt für fast 250 Parkschützer. Sie zeigten nicht nur, dass der verlorene Park die Emotionen aufrührt, sondern auch, dass trotz aller Frustration die Bewegung K21 nicht verloren ist. Nein, aufgeben, nie! Das war der einhellige Tenor dieser Kundgebung. Und so sah man nicht nur diejenigen, die „immer kommen“, sondern auch einige, von denen man gedacht hatte, sie seien nicht mehr dabei. Und zur großen Freude aller rollten „die Versorger“ mit ihrem Wägelchen heran. Immerhin gehören sie doch zum Urgestein der Bewegung. Unvergessen, dass sie in der Parknacht am 14. 2. 2012 nicht wenigen Parkbesetzern mit Suppe, Eintopf und Broten zum Durchhalten verholfen hatten.

Die Gruppe der Seniorinnen und Senioren der Parkschützer hatte die Versammlung mit anschließendem Demozug und einer Abschlusskundgebung auf dem Schillerplatz vorbereitet. Den Auftakt mit Redebeiträgen an der Lusthausruine machte Peter Grohmann von den Anstiftern, dessen unermüdliche und unüberhörbare Stimme „Deeeeer Bürgerbrief!“ bei Montagsdemos über den Schlossplatz hallt. In seiner Rede richtete er den Blick auf die Lusthausruine von 1593, an der die Kundgebung nun stattfand. Stuttgarter Kulturschaffende hatten die Reste des einstigen Prachtbaus vor dem endgültigen Verfall gerettet, womit er das bürgerschaftliche Engagement ansprach. Und weiter lobte er einen lang anhaltenden Widerstand, verbunden mit den Werten der Demokratie und der Solidarität.

Eng verbunden mit dem Mittleren Schlossgarten ist auch Walter Sittler, der im Jahr 2011 drei Widerstandsbäume gestiftet hatte, die dann zum Symbol für Macht geworden waren. Bei jedem neu gepflanzten Widerstandsbäumchen war es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder von Gegnern der Parkschützer zerstört wurde. Gern hätte man Walter Sittler bei dieser Gedenkveranstaltung für seinen Einsatz in der K21-Bewegung gedankt, doch war er beruflich verhindert und wandte sich seinerseits mit schriftlichen Worten an die Versammelten, wobei er denen wiederum für ihr Durchhaltevermögen dankte.

Eigentlich wollte auch Parkschützerin Nina Picasso zur Kundgebung kommen, um ihre Rede zum Thema „Die Stuttgarter Justiz hält friedliche Parkschützerinnen für Gewalttäter“ vorzutragen. Da sie beruflich verhindert war, wurde ihre Rede verlesen. Empört zeigten sich die TeilnehmerInnen an der Kundgebung von der Tatsache, dass Nina und ihre Mitstreiterin vom Amtsgericht sowie vom Landgericht wegen „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ nach ihrer friedlichen Ankettung an einen Parkbaum verurteilt worden waren. Nina beschrieb beeindruckend, dass es zwar für Diebstahl viele Abstufungen des Schweregrades gibt, dass aber der Gewaltbegriff auf Zivilen Ungehorsam gleichermaßen wie für einen heftigen aktiven Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gilt. Dass hier das Bundesverfassungsgericht tätig werden müsste, leuchtet jedem ein. Auch Nina betonte in ihrer Rede: „Ihr könnt die Bäume zu Fall bringen, aber nicht unseren Widerstand!“

Weiter ging es mit Baum-Gedichten, vorgetragen von Seniorinnen, denen in spürbarer Stille zugehört wurde. Werden Bäume und damit ihre Wurzeln gerodet, so werden auch Wurzeln in den Bürgern gerodet - diese Botschaft von der Bedeutung von Heimat wird in der Stuttgarter Rathauspolitik jedoch nicht verstanden.

Die Kopfbahnhofsingers, die sich jeden Montag nach der Demo in der Bahnhofshalle treffen - und bei denen jeder mitmachen kann, der vorbeikommt -, trugen dann das  textlich veränderte und auf den verlorenen Park abgestimmte Lied „Sag mir, wo die Bäume sind" vor, gefolgt von einem weiteren gemeinsamen Lied mit den DemoteilnehmerInnen.

Am offenen Mikrofon erinnerte Parkschützer Bruno Baumann an die hohe Bedeutung von Bäumen in einer von Feinstaub gebeutelten Großstadt wie Stuttgart. Legendär sind Brunos Baumführungen, die im Jahr 2011 vielen Menschen den Park unter botanischen Gesichtspunkten nahe brachten. Nicht nur der Freizeitwert des Mittleren Schlossgartens wurde damals deutlich, sondern die erstaunliche Artenvielfalt. Ein Park ist eben nicht eine bloße Ansammlung von Bäumen, sondern ein ganz bewusst gepflanztes Ensemble von botanischen Individuen, die – wie wissenschaftlich belegt – miteinander kommunizieren, aufeinander angewiesen sind, sich gegenseitig schützen und Kraft geben. Seit Brunos Parkführungen sieht so mancher „Bäume“ aufmerksamer an.

Parkschützerin Dagmar, die jede Woche – und das seit sechs Jahren! – von Bonn aus anreist, um die Parkschützerbewegung in ihrer ehemaligen Heimatstadt zu unterstützen, schilderte sichtlich bewegt ihre Aktivitäten, Bemühungen und Erlebnisse in den Jahren 2010 bis Februar 2012: vom Baggerbiss über den Abriss von Nord- und Südflügel bis zur Vertreibung aus dem Park. Viele Parkschützer hatten Ähnliches erlebt, standen damals an Dagmars Seite. Mit ihren Erinnerungen holte sie verschüttete und verdrängte Erinnerungen hervor.

Einen Blick über den Tellerrand machte Ursel Beck. Sie berichtete von scharfen Verurteilungen mit langjährigen Haftstrafen in Irland wegen einer Sitzblockade, die von der Justiz als Freiheitsberaubung eingestuft wurde. In Dublin war es um eine Boykottbewegung anlässlich der Einführung von Wassergebühren gegangen. Eine andere Protestbewegung hatte sich in Österreich formiert, da nahe Graz ein überdimensioniertes Wasserwerk geplant ist, wofür 16 000 Bäume gefällt werden sollen. In  Solidaritätsadressen an die Widerstandsbewegungen in Irland und Österreich erinnerte Ursel daran, dass heute im Stuttgarter Schlossgarten eines Ereignisses gedacht wird, in dem durch einen Polizeieinsatz und nachfolgenden Strafen der Widerstand gebrochen werden sollte.

Während der Kundgebung wurden rund um die Lusthausruine Lichter aufgestellt, mit Plakaten und kleinen und großen Bannern – hier seien die satirisch bemalten Stoffbahnen hervorgehoben – wurde das Thema dieses Tages angezeigt: Gedenken als Form des Widerstands.

Um 19:00 begann der Demozug, angeführt von dem Banner „Wenn Bauen Bewährtes zerstört, ist was verkehrt – Baustopp sofort“ und der Trommler- und Capella-Gruppe. (Dies animierte den Reporter der Stuttgarter Zeitung dazu, seinem Bericht von der Demonstration die Überschrift „Mit Trommeln und Rasseln gegen Bagger“ zu geben.) Der Demozug ging über den Steg der Baustelle und hoch zur Schillerstraße, die für den Autoverkehr gesperrt wurde. An der Mahnwache erreichte der Zug die Königstraße. Hier wurden mehrmals Stopps eingelegt, bei denen in Parolen das Thema der Parkräumung erweitert wurde. Durch das Aufzeigen massiver Probleme von S21 machten die Demonstranten deutlich, dass sie am heutigen Tag zwar zurückschauen, aber weiterhin die „Gefahren und Risiken von S21“ thematisieren. Hätte man den gesamten Murks von S21 aufgezeigt, der Demozug hätte mehrere Stunden gebraucht. Jedes Problem wurde mit einem vielstimmigen „Unser Widerstand geht weiter!“ bekräftigt.

Angekommen am Schillerplatz, versammelten sich die DemoteilnehmerInnen unter Schillers Augen zur Abschlusskundgebung. Der ehemalige Vorsitzende Richter am Landgericht, Dieter Reicherter, stellte in einer Rede noch einmal heraus, wie akribisch die Parkschützerbewegung in den letzten Jahren von der Stuttgarter Politik, von Polizei und Justiz beobachtet und dokumentiert wurde. Gerade diese Dokumentation – in die Reicherter Einblick hatte - zeigt, dass die Parkschützerbewegung offensichtlich als politische Kraft wahr genommen und misstrauisch observiert wurde bzw. wird.
Es ist erstaunlich, welche Personen in der Stuttgarter Verwaltung und Justiz sich bereitwillig in den Dienst einer Überwachungsmaschinerie gestellt haben. Doch gilt es auch festzustellen, wie wichtig die Bewegung offensichtlich war – und ist –, dass sich Politik und Justiz mit großer Akribie mit den Parkschützern befassen. Angebrachter wäre allerdings, wenn sich vor allem die Justiz mit den wahren Tätern von S21 befassen würde. Es gäbe anderes zu tun, als Daten über Parkschützer zu sammeln. Der Rahmenbefehl ist hier in Kombination mit vorauseilendem Gehorsam eine unheilige Allianz eingegangen. „Nicht wer den Schmutz macht, wird angeklagt, sondern der, der auf den Schmutz hinweist“ - so ähnlich hatte es Kurt Tucholsky in den 1920er Jahren formuliert. Fast 100 Jahre später gilt das auch für „Stuttgart21“.

Werner Ott von den Senioren beschloss die Rednerliste an diesem Gedenktag. Er schlug die Brücke zu dem Vermächtnis des großen deutschen Dichters Friedrich Schiller. Schiller, der selber vor der Allmacht, vor der Ungerechtigkeit und der Verfolgung des Herrschers in Württemberg, Herzog Karl Eugen, geflohen war; Schiller, der in seinem Stück Wilhelm Tell für die Freiheit des Denkens und das Abschütteln einer ungerechten Obrigkeit eingetreten war, der den Widerstand gegen Unterdrückung den Schweizern mit "Wilhelm Tell" ins Stammbuch schrieb und dessen Botschaft – vor mehr als 200 Jahren - auch an diesem Abend auf dem Schillerplatz in Stuttgart sehr wohl gehört wurde: Widerstand gegen machtgierige Obrigkeit ist Bürgerpflicht.

Die Kundgebung wurde gegen 19:30 mit dem gemeinsamen Lied „Freunde schöner Kopfbahnhöfe“ beendet, ein Lied, dessen Melodie von Ludwig van Beethoven geschrieben und von Schiller mit „Freude schöner Götterfunken“ vertextet worden war. Dazu funkelten Wunderkerzen in der Dunkelheit; ein Bild, das für sich sprach.

(Text: Petra B., Fotos der Kundgebung von Fotograf Wolfgang Rüter als Link:

http://reporterderstrasse.de/fotogalerie/index.php?/category/65

 

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Ein Kommentar zu Gedenken der Parkräumung – Kundgebung am 14.2. 2017

  1. B. Stichling sagt:

    Hallo Petra,
    ein fantastischer Artikel. Im Schwäbischen sagt man… die lässt nix aus…und alle von uns kriegät ä Gutsle. So fein! Danke.
    Grüße
    Barbara

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