7 Jahre Mahnwache, 7 Jahre Durchhalten – über den langen Atem

Rede von Dr. Angelika Linckh, auf der 377. Montagsdemo am 17.7.2017

7 Jahre Mahnwache, 7 Jahre Durchhalten – über den langen Atem

Liebe Freundinnen und Freunde,

Heute möchte ich über unsere Beharrlichkeit und unseren langen Atem reden.

Über die Menschen an der Mahnwache und über uns alle, die dabeigeblieben sind, die den S21-Protest in Bewegung halten: über Euch alle hier auf dem Platz, alle an den Ständen, an den Sammelbüchsen, an den Trommeln und Musikinstrumenten, Bürgerbrief-Schreiber, Demoteam, Theolog*innen, Ingenieur*innen, Architekt*innen, Aktionsbündnis, Senior*innen, cams21, bei abriss aufstand.de, parkschuetzer.de, barrierefrei und alle anderen Initiativen.

Zu dieser Ausdauer können wir uns beglückwünschen, denn man muss buchstäblich weit laufen, um Vergleichbares zu finden, etwa bis ins Val di Susa im Piemont zur NoTAV-Bewegung.

Beim Thema Ausdauer fällt mir sofort das Marathonlaufen ein. Marathonlaufen war bis in die 70er Jahre eine ausschließlich männliche Domäne. Die erste Frau, die es wagte, trotz Verbot für Frauen, 1967 den Boston Marathon mitzulaufen, Katharine Switzer, sagte einmal: „Das Leben ist nicht zum Zuschauen da, sondern zum Mitmachen“, und dieser Satz könnte auf uns alle und die Mahnwache gemünzt sein.

Und um beim Marathonlauf zu bleiben: Paula Radcliffe, die britische Langstreckenläuferin, rät allen, die für lange Strecken großes Durchhaltevermögen brauchen „Schränke Dich nicht selbst ein, verfolge Deine Träume, habe keine Angst, die Grenzen zu verschieben. Und lache viel – das ist gut für Dich!“

„Lache viel, “ das klingt nach „leichter gesagt als getan“. Denn was wir und besonders die Mahnwächter*innen uns manchmal anhören müssen, macht nicht unbedingt gute Laune.

Und beim Blick durch die Guckfenster im Bahnhof und in die Baugrube oder in die Stuttgarter Presse oder auch in die desinteressierten Augen mancher Passanten hat wahrscheinlich jede von uns schon einmal dieses Gefühl beschlichen, dass einem die Luft ausgehen könnte bei unserem politischen Langstreckenlauf gegen Tunnelwahn und Stadtzerstörung!

Jede von uns kennt frühere Mitstreiter*innen, denen die Luft inzwischen ausgegangen ist, und die sich zurückgezogen haben. Sie bringen zur Zeit nicht die Ausdauer, die Kraft und die Motivation auf, die uns und die Mahnwache nach wie vor antreibt: dass es sich lohnt, um etwas zu kämpfen, was man liebt und was uns wichtig ist. Der Sozialpsychologe Erich Fromm hat das so ausgedrückt: „Man liebt das, wofür man sich müht, und man müht sich für das, was man liebt.“

Und Motivation und Antrieb für uns ist natürlich auch,

  • dass wir wissen, dass dieses schädliche Projekt zum Scheitern verurteilt ist und scheitern wird es, früher oder später,
  • dass wir dieses „absehbare Scheitern“ (wie es so zutreffend im Titel von Winfried Wolfs nächste Woche erscheinenden Buchs heißt,) nicht als überraschte und passive Zuschauer erleben, sondern dass wir bis dahin Woche für Woche tatkräftig dazu beitragen wollen.

Motivation und Antrieb ist auch, dass wir nicht bereit sind, die alten und neuen Verantwortlichen für das „abgrundtiefe und bodenlose“ Projekt, von Körner über Kuhn bis Merkel, ungeschoren davon kommen zu lassen, wenn sie dann eines Tages alle behaupten werden, das S21-Desaster sei völlig überraschend über sie gekommen.

Schon der Dichter Heinrich Heine kannte dieses Bedürfnis und schrieb: „Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind eine bescheidene Hütte, Milch und Butter, vor der Tür einige schöne Bäume – und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, lässt er mich die Freude erleben, dass an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden.“

All denen, die da gemeinsam dranbleiben und sich ausdauernd engagieren, um zu informieren und aufzuklären, wie den Mahnwächter*innen mit ihrem friedlichen Ort der Kommunikation und Aufklärung, möchte ich sagen: Machen wir weiter! Halten wir durch, denn nach Nackenschlägen für uns, nach Niederlagen und Zweifeln, wird für die Stuttgart 21-Betreiber die nächste Pleite, der nächste Offenbarungseid kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche! Und wir werden dann da sein und sie nicht durchkommen lassen.

Hilfreich zum gesunden und wohlbehaltenen Durchhalten sind emotionale Schutzwesten, die wir uns anlegen können, ein offenes Sprechen über unsere Belastungen, dass wir die Trauer zulassen und aushalten und den Zorn wach halten und dass wir uns immer darüber klar sind, wie wertvoll unsere Arbeit und die Arbeit unserer Mitstreiter*innen ist.

Noch einmal ein Zitat von Erich Fromm, der immer auf der Suche nach Wegen aus der kranken kapitalistischen Gesellschaft war. Er schreibt im Jahr 1951: „Ich glaube, dass die Erkenntnis der Wahrheit nicht in erster Linie eine Sache der Intelligenz, sondern des Charakters ist. Dabei ist das Wichtigste, dass man den Mut hat, nein zu sagen und den Befehlen der Machthaber und der öffentlichen Meinung den Gehorsam zu verweigern; dass man nicht länger schläft, sondern menschlich wird; dass man aufwacht und das Gefühl der Hilflosigkeit und Sinnlosigkeit verliert.“

Wenn wir über Durchhalten und Aufgeben nachdenken, über Wert und Sinn des langen Atems, sollten wir uns die Anti-AKW-Bewegung genauer anschauen, ein Musterbeispiel für einen Erfolg, nach Jahrzehnten langen Atems! In der Entwicklung dieser Bewegung sehe ich viele Parallelen zu unserer. Ich wage diese Parallele, auch wenn selbstverständlich ein ruinierter Bahnhof und eine versaute Stadt nicht dieselbe schreckliche Qualität hätte wie die atomar verseuchten Dörfer, Städte und Menschen um Tschernobyl oder Fukushima.

Fünf Parallelen will ich nennen:

Erstens gab es einen ersten großen Erfolg der wachsenden Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren, dass das AKW Wyhl nicht gebaut wurde. Aber danach auch große Ernüchterung, dass über viele Jahrzehnte nichts an der Atomstrompolitik geändert wurde, dass gegen ständig wachsende Proteste von Wackersdorf bis zum Wendland und Neckarwestheim die Atompolitik weiter durchgezogen wurde.

Zweitens: dass versucht wurde, den Widerstand gegen AKW und Endlager zu kriminalisieren, so wie wir es auch hier auch erlebt haben.

Drittens erinnern wir uns an den damaligen CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann, 1986, nach Tschernobyl. Der AKW-Befürworter versuchte, sich aus der Verantwortung zu stehlen mit der frechen Behauptung, der Tschernobyl-Super-GAU habe „ganz Europa wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen.“ Auch mit solchen Vertuschungsmanövern können wir hier in Stuttgart rechnen, wenn es mal eng wird für die S21-Unterstützer! Wir müssen deshalb dran bleiben und dafür sorgen, dass sie nicht ungeschoren davonkommen.

Viertens haben beide Protestbewegungen, unsere und die gegen Atomkraftwerke, großen Anteil am Aufstieg der Grünen: erst an ihrer Entstehung, dann bei uns an ihren Wahlerfolgen in der Stadt und im Land. In ihren Anfängen hatten die Grünen in den Parlamenten sich noch verstanden als parlamentarischer Arm der außerparlamentarischen sozialen Bewegungen. Angekommen an der Macht haben sie dieses Selbstverständnis leider über Bord geworfen und inzwischen die früher mit den Bewegungen geteilten Ziele eins nach dem anderen hinterher geworfen.

Und wir, mit unserem langen Atem auf der Straße, haben dabei gelernt, wie wichtig es für außerparlamentarische Bewegungen ist, die eigenen berechtigten Ziele konsequent zu verfolgen und in jeder Hinsicht unabhängig von jedem Parteiinteresse und ihrem Schielen nach Wählerstimmen zu bleiben!

Übrigens sind wir nur politisch unabhängig und können unbeirrt mit langem Atem weitermachen, wenn wir auch finanziell unabhängig sind. Das haben wir über all die Jahre mit unseren Spenden für Umkehrbar e.V. geschafft, liebe Freund*innen.

Klar ist, dass mehr Spendengelder zusammen kommen, wenn 10.000 Leute demonstrieren als 1000. Momentan decken die Spendeneinnahmen also die wöchentlichen Kosten unserer Kundgebungen kaum! Unser politisch langer Atem, unser Durchhaltevermögen braucht aber auch ein finanziell solides Fundament, wenn uns dabei nicht unterwegs die Luft ausgehen soll! Und dazu brauchen wir Sie hier auf dem Platz, und wir brauchen Ihre Spenden in die Spendensammlerdosen.

Zum Schluss jetzt noch die 5. Parallele zur Anti-AKW-Bewegung: beide haben über die Jahre und Jahrzehnte Höhen und Tiefen durchlaufen. Massendemonstrationen mit zehntausenden Aktiven, und dann auch Perioden, wo nur die Menschen mit dem Blick über den Tag hinaus und mit langem Atem aktiv und auf der Straße geblieben sind. Gegen alle Ignoranz und Verantwortungslosigkeit in der Politik haben sie durchgehalten, das Ziel weiter verfolgt, das Feuer bewahrt. Bis zur Möglichkeit eines neuen Aufbruchs.

Auch wir haben das alles erlebt, und erleben diese Periode des Feuer-Bewahrens noch heute, in der jeder einzelne Mensch mit dem langen Atem, jeder von Ihnen(!) so unendlich wertvoll ist!

Die Anti-Atomkraftbewegung hat mit dem abrupten Wechsel Angela Merkels von der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke zum Atomausstieg auch erlebt, dass wir in der Politik immer mit unvorhersehbaren Wendungen rechnen können. Das können sich die Verzagten, denen die Luft bei unserem politischen Langstreckenlauf ausgegangen ist, wohl gar nicht vorstellen.

Solche plötzlichen Kurswechsel sind genauso bei Stuttgart 21 möglich. Karl Valentin wird folgender schöne Satz zugeschrieben: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

Wir bleiben dran, wir bewahren beharrlich das Feuer, wir werden beim Baustopp dabei sein. Wir lassen uns nicht beeinflussen von den miesen Versuchen bestimmter Medien, Stimmung zu machen. Und lassen uns nicht anstecken von den Verzagten, sondern umgekehrt: Wir stecken sie wieder mit Widerstandsgeist an!

Unser langer Atem wird sich auszahlen – und wir werden oben bleiben!

 

Dann noch ein Hinweis:

Zum Thema Atmen fällt uns in Stuttgart natürlich die dreckige Luft ein, die uns wirklich den Atem raubt. Übermorgen, am Mittwoch, den 19.07., um 12 Uhr findet im Verwaltungsgericht (Augustenstraße 5) die Verhandlung der Deutschen Umwelthilfe gegen das Land Baden Württemberg statt. Es geht um die Untätigkeit unserer Verantwortlichen beim Thema saubere Luft.

Deshalb die herzliche Bitte, dass möglichst viele von uns Betroffenen spätestens um 12 Uhr in die Augustenstr. 5 kommen! Land und Stadt kommen laut Jürgen Resch mit 35 (!) Vertretern.

Danke!

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Ein Kommentar zu 7 Jahre Mahnwache, 7 Jahre Durchhalten – über den langen Atem

  1. m.g.-b. sagt:

    Liebe ParkschützerInnen,
    eine wunderbare Rede war das, allergrößter Respekt ist euch treuen WächterInnen zu zollen! Bei ganz vielen Demos seit Mai 2010 war ich dabei. Und ich werde auch weiter dabei sein, weil ich es einfach muss! Weil es oft bei allem Frust auch viel zum Lachen gibt, wenn uns UNABHÄNGIGE Experten die verkorksten „Pläne“ der DB erklären. Und damit diese echten Experten unser großes Interesse auch sehen. Weil der Protest gegen all die infamen Lügen nicht erlahmen darf! Der Irrsinn S21 wird früher od. später sowieso scheitern. Dann werden sich leider viele der Strippenzieher von PolyTück u. DB verkrümelt haben. Nein, sie haben keinen Dreck am Stecken: Sie sind der Dreck. (Der Diesel-Betrug scheint ja auch allmählich an Fahrt zu gewinnen.) Auf die Justiz wird noch allerhand zukommen. Hoffentlich rührt sie sich bald – mit den dringend nötigen Konsequenzen.
    Ihr seid jedenfalls spitze, tausend Dank für euren „langen Atem“!
    OBEN BLEIBEN!

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