Kein Müllpark im Travertin und Mineralquellenschutzgebiet!

Rede von Barbara Kern und Barbara Drescher, Initiative gegen den Recyclingpark Neckartal, auf der 392. Montagsdemo am 6.11.2017

Schönen guten Abend alle,

in Stuttgart nehmen die Problemthemen kein Ende: Die Mineralquellen in Stuttgart sind das zweitgrößte Vorkommen Europas. Ein ungeheurer Schatz. Die Mineralquellen zu erhalten und zu schützen gehört zu den obersten Pflichten Stuttgarts.

Über die Gefährdung der Mineralquellen durch die noch im Antragsverfahren befindliche Erweiterung des Müllparks im ehemaligen Laustersteinbruch und den hohen archäologischen Wert des Travertingeländes wird Barbara Drescher sprechen. Ich spreche über die beantragte Ausweitung des Müllparks‚ der sich ‚Recyclingpark Neckartal GmbH‘ nennt.

Beantragt sind ca. 1000 LKW und auch Lieferwagen pro Tag. Laut Antrag der Firmen Karle, Degenkolbe und Fischer-Weilheim sollen jährlich bis zu 670.000 Tonnen Müll aller Art hier angeliefert werden, davon 56.000 Tonnen gefährliche Abfälle. Hierzu gehören: Bleibatterien, Leuchtstoffröhren und andere quecksilberhaltige Stoffe, Geräte, die Fluorchlorkohlenwasserstoffe enthalten, Dämmmaterial, das aus gefährlichen Stoffen besteht oder diese enthält, asbesthaltige Stoffe, usw. 179 Tonnen gefährliche Stoffe pro Tag. Wer kann garantieren, dass bei Lagerung von Gefahrenstoffen dieser Menge keine Giftstoffe ins Grundwasser und damit in die Mineralquellen gelangen?

Am 1. Oktober lagen im Recyclingpark-Gelände unter freiem Himmel, dem Regen ausgesetzt, Elektronikschrott, Computerplatinen, Computer, angestrichene, behandelte Hölzer, mit anderen Worten: Sondermüll. Sieht so ein verantwortungsvoller Umgang mit Schadstoffen aus? Und das noch Im Mineralwasser-Schutzgebiet?

Bei den beantragten Müll-Mengen handelt es sich nicht um Stuttgarter Müll, sondern um Müll aus dem weitesten Umland. Kann sich die Feinstaubhauptstadt Stuttgart auch noch Mülltourismus leisten?
Der im Müll-Park ‚Neckartal‘ aufgehäufte Abfall soll an Spezialfirmen in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und bis nach Ostdeutschland gehen. Mülltourismus! Über das gesamte Recycling- besser Müllproblem muss endlich eine gesellschaftliche Diskussion stattfinden!

Die benachbarte EnBW-Müllverbrennungsanlage – die größte Giftschleuder in Stuttgart – erhält auf diese Weise eine ausgelagerte Abteilung, die ihr den Brennstoffmüll zuliefert – möglicherweise von den problematischen Stoffen getrennt – oder auch nicht.

EnBW steigert die Müllverbrennung von Jahr zu Jahr und hat 2016 750.000 Tonnen Müll verbrannt, 2013 waren es noch 480.000 t. Wohl ein Super-Geschäft. Letztes Jahr wurden täglich unglaubliche 1308 t Müll als nicht filterbare Nanostaubteilchen in die Stuttgarter Luft entsorgt. Jeden Tag ! Das ist auch eine Art Recycling.

In Hamburg wurde 2013 ein großer kommunaler Recyclingbetrieb eröffnet, der modernste in Deutschland – mit geschultem Personal, das mit Giftstoffen und Müll verantwortungsvoll umgehen kann. Hier dürfen nur Hamburger Bürger und Gewerbetreibende ihren Müll anliefern. Hamburg lehnt Mülltourismus ab.

Wir meinen, unsere kommunalen Wertstoffhöfe in den Stadtteilen reichen aus für unseren Stuttgarter Sondermüll. Gefahrenstoffe dürfen nicht in die Hand von privaten Geschäftsleuten, die Gewinn machen müssen.

Die Genehmigung auf Ausweitung des Recyclingbetriebs darf nicht erteilt werden. Die zurzeit schon bestehende Teil-Genehmigung muss schnellstmöglich aufgekündigt werden!

Liebe Freunde der Schiene und des Mineralwassers,

Joe Bauer hat einmal gesagt, die Montagsdemo sei ein Marktplatz schwer erhältlicher Nachrichten. Auch das hier folgende liest man nicht in der Presse.

Es ist – neben S21 – ein weiterer gravierender Anschlag auf das Mineralwasser im Gange: Der ‚Recyclingpark Neckartal‘ im Steinbruchgelände, und übrigens auch das Müllheizkraftwerk, liegen mitten im ‚Schutzgebiet für die Heilquellen‘. 2002 wurde die Verordnung vom Regierungspräsidium erlassen. Darin werden strikte Vorgaben gemacht zum Umgang insbesondere mit flüssigen wassergefährdenden Stoffen. Dort, wo die Quellen austreten, gibt es keine schützende Deckschicht über der Mineralwasser-führenden Muschelkalk-Schicht. Man kann daher auch nicht eben mal verseuchte Böden abtragen, wenn es zu Verunreinigungen kommt. Dass das Mineralwasser im Gestein ein kommunizierendes System ist, weiß man spätestens seit dem 19. Jahrhundert, als für industrielle Zwecke immer mehr Brunnen gebohrt wurden: die Schüttung der vorhandenen Brunnen ging zurück.

Travertingestein, in dem der Recycling’park‘ eingerichtet werden soll, ist ein poröses Gestein, in dem es senkrecht verlaufende Klüfte gibt, die mindestens bis auf die Basis der Travertinschichten reichen. Und darunter sind die Quellen. Die Travertinquelle kommt direkt aus dem Gelände.

Nun sagen manche, insbesondere die Antragsteller für den Recycling’park‘, dass man alles korrekt mache. Alle Sammel-, Sortierungs- und Müllbehandlungsarbeiten sollen auf betonierten oder asphaltierten Flächen stattfinden (derzeit aber zum großen Teil auf gestampftem Travertinschutt). Das Abwasser wird gesammelt und ordnungsgemäß der Kanalisation zugeführt usw. usf.

Aber: was passiert, wenn es brennt? – Was in Recyclinganlagen bekanntlich ab und an vorkommt… Die Grundwasserschicht ist an dieser Stelle die Mineralwasserschicht!

Angenommen, die Betreiber der Anlage bekämen „alles in den Griff“: die Arbeitsflächen sind befestigt, alle Materiallager und -umschlagplätze eingehaust. Dann hätten wir im Ergebnis, dass von dem historisch bedeutsamen Ort, dem ehemaligen Steinbruch mit den großen und prachtvollen Industriehallen, die wie Kathedralen gebaut sind, nicht mehr viel zu sehen sein wird. Die Hallen und die Fabrikantenvilla hoch oben auf einem Felssporn sind alle aus Travertin gebaut und stehen seit 1987 unter Denkmalschutz! Sie stammen aus der Ära, als der Travertinabbau im Steinbruch Lauster einer der bedeutenden in Deutschland und Europa war. Der qualitativ hochwertige Travertin von hier wurde weltweit gehandelt und verbaut.

Nicht zuletzt ist der Steinbruch Lauster eine archäologische Fundstätte von Weltrang. Auf Tafeln im Travertinpark oberhalb erfährt der geneigte Spaziergänger, dass das Quellgebiet der Mineralwässer Lebensraum war von Waldelefant, Mammut, Riesenhirsch und Höhlenlöwe u.a.m. Auch Zeugnisse der frühen Menschheitsgeschichte von vor 300.000 Jahren sind dort im Sauerwasserkalk eingeschlossen. Bisher sind etwa 3000 Fundstücke von Steinwerkzeugen aus Feuerstein u.a. geborgen.

Wir haben hier eine archäologische Stätte von Weltrang! Und was machen wir draus? Wir missbrauchen sie für den Umschlag von Müll!

Wir wollen, dass hier etwas Vergleichbares entsteht wie in der Grube Messel bei Darmstadt, die 1995 in die Liste des UNESCO-Weltnaturerbes aufgenommen wurde, und heute zur vielbesuchten und gefeierten Museumsstätte geworden ist. 20 Jahre währte dort der Streit um eine zentrale Mülldeponie für Südhessen. Hoffentlich dauert das bei uns hier nicht so lange!

Mineralwasser und Travertin sind unser gemeinsames Naturerbe, das geschützt und präsentiert gehört!

Termine:

Einspruchsmöglichkeit besteht bis zum 6. Dezember. Die Genehmigungsunterlagen können bis zum 22. November im Cannstatter Rathaus eingesehen werden. Am Dienstag, 21. November, 19 Uhr, findet im Kursaal Cannstatt die Veranstaltung: ‚Kein Müllplatz im Travertinsteinbruch‘ statt. Am 15.11. berichtet kontext online.

Rede von Barbara Kern und Barbara Drescher als pdf-Datei

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Ein Kommentar zu Kein Müllpark im Travertin und Mineralquellenschutzgebiet!

  1. Steffen Hans sagt:

    „Letztes Jahr wurden täglich unglaubliche 1308 t Müll als nicht filterbare Nanostaubteilchen in die Stuttgarter Luft entsorgt“ da hat man sich wohl um einige Potenzen vertan. Dann wäre Stuttgart inzwischen von einer dicken Staubschicht bedeckt. Aus dem Kraftwerk kommen aber keine Staubwolken. Bitte etwas exakter recherchieren.

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