Rede von Peter Grohmann, Kabarettist und AnStifter, auf der 427. Montagsdemo am 6.8.2018

Wessen Stadt? Wessen Geld? Wessen Recht?
Wessen Luft? Wessen Wälder? Wessen Erde?

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

seit dieser Woche leben wir auf Pump bei der Erde. Zu den ganz großen Pump-Stationen gehört Stuttgart 21, das schlecht geplante, unnütze und überteuerte Angeber-Projekt. Zum Kotzen, Herr Major, würde meine Omi Glimbzsch in Zittau sagen

Vor ein paar Tagen war der globale „Erdüberlastungstag“. Der nennt den Zeitpunkt, an dem wir die natürlichen Ressourcen der Erde fürs gesamte Jahr 2018 verfressen, verbrannt, verramscht, zerstört, vernichtet haben. Was wir ab jetzt an Wasser, Wäldern und Ackerland verbrauchen, kann sich nicht mehr regenerieren. Schuld daran ist dieses profitorientierte Wirtschaften ohne Rücksicht auf Verluste, nach dem Prinzip der Bahnhofsbauer, der Flughafenbauer. Ohne Rücksicht auf Verluste heißt ohne Rücksicht auf Mensch und Tier, ohne Rücksicht auf die Natur. Wer die vielfachen Krisen unserer Zeit verstehen will, wer ehrliche Antworten sucht, wer keine Angst vor der Wahrheit hat, sollte das Buch von Ulrich Brand lesen: „Imperiale Lebensweise – Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus“.

Kapitalismus war ja viele Jahre lang ein Wort, das man am liebsten verboten hätte. Kapitalismus war etwas, das woanders war, ganz ganz weit weg, vielleicht bei den Schwarzen, bei den Amerikanern. Kapitalismus und Demokratie, die zwei Worte nahm man nie gern gemeinsam in den Mund. Und dann auch noch Imperialismus! Imperialismus und Kapitalismus und Demokratie – das ging ja gar nicht. Höchstens zu Zeiten der Kolonialisierung, bei Anno Kruck, wie meine Omi Glimbzsch wusste. Als uns noch viel, viel Afrika gehörte, Deutsch Südwestafrika, Deutsch Ostafrika, Kamerun, Togo, Elsass-Lothringen und Südtirol, und die Deutsche Bank und Daimler noch ehrlicher waren als VW.

Imperialismus, Kapitalismus: Diese ganz schlimmen Worte verfaulen im Maul. Holt uns jetzt also der alte Kaiser Wilhelm wieder ein? Haben wir die Zeiten des Imperialismus nicht längst hinter uns gelassen? Wenn Sie in dieser Sommerhitze nur einen Augenblick Ihren kühlen Kopf bewahren und überlegen, wie frech, gewalttätig und rücksichtslos sich der globale Norden (wir!) wie vor 100 Jahren an den ökologischen und sozialen Ressourcen des globalen Südens bedient, dann ahnen wir, was Imperialismus und Kapitalismus ist.

Die totale Ausbeutung von Mensch und Natur hält nach wie vor an – und nimmt weiter an Fahrt auf. Nein, keine Fahrt mit der Bahn, obwohl das auch passen würde, denn auch die Vergeudung bei Stuttgart 21 ist ja Teil dieser imperialen Lebensweise und baut darauf, dass verdient wird, auf Teufel komm raus, baut darauf, dass scheißegal ist, was ein Bahnhof oder ein Flughafen kosten, baut darauf, dass die Menschen, wo auch immer, das Maul halten und sich damit begnügen, alle paar Jahre mal hier und mal da und mal dort ihr Kreuzle zu machen.

Wenn die Sonne brennt, nicht nur wie bei uns im August, wenn es nicht nur an ein paar Tagen 30, 40 Grad heiß ist, sondern monatelang, manchmal über Jahre wie etwa in Afrika, wenn die Felder vertrocknen, kein Korn mehr reift, letztes Jahr schon nicht und die Jahre davor, wenn die Quellen versiegen und das Vieh verreckt, wenn es nichts mehr zu essen gibt dort und keine Arbeit und keine Vesperkirche dort und auch keine Care-Pakete ankommen und Bibeln, sondern höchsten massenweise Waffen von Heckler & Koch und Kampfpanzer von Kraus-Maffei und Liebesgaben für die Oligarchen, dann ist das auch Kapitalismus. Dann machen sich die dürstenden Menschen auf. Dorthin, wo es Wasser gibt für die Kinder, einen Brotkanten nur, und die Chance zu überleben. Das ist bei uns die Zeit der Söder und Seehofer und Konsorten. Das ist bei uns die hohe Zeit der Populisten. Das ist die hohe Zeit von Pegida und Bürgerwehren, von schwarzen, geheimen Listen, und das ist heute, am 6. August 2018, vor 14 Tagen, als auf einer Pegida-Kundgebung in Dresden, der alten deutschen ehrwürdigen Kulturstadt, die Menschen „Absaufen! Absaufen!“ riefen, als der Redner über ein Rettungsschiff der Lifeline spottete...

Ja, Mensch, Grohmann, Dresden!!! Das ist doch nicht hier ... Doch, hier. Hier bei uns, gleich nebenan, 300 Meter von von hier, in der Stadt eines Hegel und Schiller und Kuhn. Sorry, hier, wo der Feinstaub um den Landtag herum einem Marcel Grauf das Hirn vernebelt. Das ist die Zeit von Marcel Grauf und Konsorten. Marcel Grauf ist Mitarbeit AFD-Landtagsfraktion, und ihm wird sinngemäß das Zitat zugeschrieben, dass wir jetzt so viele Ausländer im Lande hätten, „dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde.“

Zu den unveräußerlichen Rechten in einer Demokratie gehört die Versammlungs-, die Meinungs- und Pressefreiheit, Rechte, die uns die Rechte gern nehmen würde. Kontext, unsere Wochenzeitung, ist eine von vielen Antworten auf mangelnde Information, auf unterdrückte und auf unterbliebene Nachrichten der dünner werdenden hiesigen Lokalpresse, auf fake news und den lustigen, lausigen Blätterwald.

Ich gebe zu: Menschen, die sich für mehr Demokratie, für Gerechtigkeit und eine solidarische Welt engagieren, für Vielfalt und eine freie Presse, Menschen wie Ihr, wir sind nicht nur der AFD ein Dorn im Auge. Vergesst es nicht: Die schrägen Brüder und ihre Schwestern sitzen längst in fast allen Landtagen. Sind sie Trendsetter der neuen Zeit? Sind sie eine Folge von Politikverdrossenheit, die oft einhergeht mit dem Wunsch nach einem starken Mann, der dem links-grün-versifften Haufen und uns endlich mal so richtig „den Rost runter“ tut?

Marcel Grauf, Neo-Nazi und einer von vielen AfD-Mitarbeitern, hat Kontext verklagt und gesagt, so was sagt er nicht. So was wie: Wir hätten jetzt immerhin so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde. Die Wochenzeitung Kontext hat diese Aussage und viele ähnliche Passagen aus Facebook in 10 Leitzordnern der Pressekammer des Landgerichts Mannheim vorgelegt, aber wir wissen ja, dass es bei uns fast keine Richter gibt, die sich da ein Bild machen wollen, können, dürfen, müssen bei 10 Leitzordnern in sooo kurzer Zeit. Und vom NSU-Prozess z.B. wissen wir ja, dass auch höchste Gerichte nicht alles zu sehen bekommen, was sie gern sehen würden, nicht einmal die höchsten Repräsentanten, die Ihr gewählt habt, die Abgeordneten, weil man ihnen misstraut. Und so werden auch die 10 Ordner an Beweismaterial selbstverständlich gesichtet, aber wann, aber wann, mein Kind? Und wie? Das weiß nur Gott, und dem vertrauen wir, aber bis dahin muss Kontext die Schnauze halten, sagt das Gericht. Sonst wird's teuer für Kontext.

Liebe Kontext-Leute, bleibt standhaft! Wir Widerständler gegen den dümmsten und tiefsten Bahnhof der Welt, wir AnStifter gegen Hass im Netz und auf der Gass' stehen an Eurer Seite: Als Förderer, AbonnentInnenn, als Leser. Wir würden für Euch auch in den Knast gehen, mit Grohmann, der es wirklich verdient hätte! Das Schöne an unserer Bürgerbewegung ist, dass wir uns im Gegensatz zu den Rechtsradikalen nicht bewaffnen. Höchstens mit Musik. Das Schöne an der Zivilgesellschaft ist, dass wir den Herrschenden nicht nach dem Maul reden, dass wir selbst unter uns streiten, ganz kräftig oft, darum, was schlecht und was gut und was besser wäre. Das Schöne an uns ist, dass wir so viele Meinungen haben und uns meistens zuhören und wissen, dass wir nicht immer Recht haben, aber doch sehr oft. Das Gute an uns ist, dass wir gut aussehen und aufrecht gehen können und heiter bleiben, dass wir unabhängig sind, politisch und finanziell, dass wir auf Eure Spenden angewiesen sind, um unabhängig zu bleiben, dass wir auf Eure Ausdauer und Fantasie angewiesen sind und dass wir Kontext brauchen wie der Cannstatter den Sprudel.

Kontext, wir rufen Euch zu: Oben bleiben!

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Ein Kommentar zu Rede von Peter Grohmann, Kabarettist und AnStifter, auf der 427. Montagsdemo am 6.8.2018

  1. Gerd Jungmann sagt:

    Ach Peter
    Du hast mir mit Deiner Rede am
    letzten Montag auf der Demo wieder richtig
    aus der Seele gesprochen. Weiter so , denn
    wir bleiben standhaft , kritisch und OBEN !

    Gerd Jungmann
    Mahnwache

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