Grußwort von Dr. Franz Alt auf der 445. Montagsdemo am 10.12.2018

Liebe Freunde,

im April dieses Jahres hatte Bahnchef Lutz einen Geistesblitz, als er im Deutschen Bundestag sagte: „Mit dem Wissen von heute würden wir Stuttgart 21 nicht mehr bauen“. Dazu fällt mir eine ganz einfache Frage ein: „Lieber Bahnchef, Sie haben doch das Wissen von heute. Warum bauen Sie dann weiter? Wozu haben Sie denn das Wissen von heute?“

Es ist ja kein Fehler, wenn Menschen Fehler machen. Aber es ist ein ganz großer Fehler, wenn Menschen aus Fehlern nichts lernen. In der Bibel ist das die Sünde wider den Geist, die nicht verziehen werden kann.

Mit seinem Eingeständnis vor dem Deutschen Bundestag möchte man dem Bahnchef zurufen: Wie gut, dass nach dem Maschinenbauer Mehdorn und nach dem Flugzeugbauer Grube endlich jemand an der Spitze der Bahn steht, der etwas von Wirtschaft versteht. Denn was hier bei Stuttgart 21 gebaut wird, ist das größte Milliardengrab in ganz Europa. Und das leistet sich ein Konzern, der sein Geld weiß Gott sinnvollerweise einsetzen sollte. Wer oft mit der Bahn unterwegs ist, der weiß, dass die Bahn zurzeit vor allem ein Problem hat: Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter.

Ich war vor einiger Zeit in Österreich beim Internationalen Anti-Atomgipfel. Dabei habe ich mit Aktivisten gesprochen, die vor 40 Jahren das AKW Zwentendorf verhindert haben. Dieses österreichische Atomkraftwerk ist ein Lehrstück erfolgreichen Widerstands gegen unsinnige Großprojekte, aber auch ein Lehrstück dafür, dass es nie zu spät ist für Widerstand und Protest.

Zwentendorf ist weltweit das einzige Atomkraftwerk, das komplett fertig gebaut war, aber auf Grund einer Volksabstimmung nie in Betrieb genommen wurde. Im Herbst 1978 stimmten 50,4 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher gegen die Inbetriebnahme. Und weil Zwentendorf durch intelligenten und dauerhaften Protest gestoppt wurde, sind in Österreich drei weitere geplante AKWs nicht gebaut worden.

Meine Damen und Herren: Das AKW Zwentendorf war komplett fertig gebaut, es war ein Milliarden-Projekt wie Stuttgart 21, aber es ging nie in Betrieb, weil das Volk klüger war als seine Regierung.

Vier Dinge können wir aus der Geschichte von Zwentendorf lernen:

  1. Obwohl eine dumme Regierung schon gebaut hatte, hat kluger Bürgerprotest den Unsinn noch verhindert.
  2. Wenn ein zu 100% fertig gebautes AKW noch gestoppt werden kann, dann kann ein zu vielleicht 40% fertig gebauter Bahnhof erst recht noch gestoppt werden.
  3. Dass Stuttgart 21 ökologisch unsinnig ist, haben wir schon oft gehört, aber Stuttgart 21 ist auch ökonomisch mindestens so unsinnig wie die von der Bundesregierung geplante Ausländer-Maut auf deutschen Autobahnen.
  4. Heute ist das AKW Zwentendorf das sicherste Atomkraftwerk der Welt.

Die Bahn sagt uns ja: Kopfbahnhöfe seien nicht mehr zeitgemäß. Aber seltsamerweise kommen Frankfurt, Leipzig, London, Wien oder Paris mit Kopfbahnhöfen ganz gut zurecht. Nur Stuttgart 21 soll damit überfordert sein. Wie provinziell ist denn dieses Argument!

Als häufiger Bahnfahrer mit einer Bahncard 100 mache ich der Bahn diesen Vorschlag: Steckt die vielen Milliarden , die ihr bei Stuttgart 21 jetzt noch sparen könnt, so rasch wie möglich in verlotterte Bahnhöfe und in die Infrastruktur einer modernen, wirklich zukunftsfähigen Bürgerbahn. Bürgerbahn in ganz Deutschland statt Größenwahn in Stuttgart!

Deutschland braucht neben der Energiewende eine intelligente Verkehrswende! Nur dann wird aus dem Stauland endlich das Bahnland Deutschland. Unsere Zeit ist geprägt von einem rastlosen Gigantismus. Was wir aber brauchen ist eine Rückkehr zu menschlichem Maß. Small is beautiful. Ökonomie muss dem Gemeinwohl dienen, nicht der Raffgier und dem Größenwahn weniger. Die Bundeskanzlerin hat schon vor einige Jahren den starken Satz gesagt: „Stuttgart 21 muss sich aber auch rechnen“. Frau Bundeskanzlerin, Wenn Sie diese Erkenntnis ernst nehmen, dann hat sich Stuttgart 21 von selbst erledigt!

Wenn Wackersdorf, Wyhl und Brokdorf gestoppt werden konnten, weil der Widerstand zu groß wurde, dann kann auch Stuttgart 21 noch gestoppt werden. Das Konzept der Gegner von Stuttgart 21 ist viel überzeugender.

Herzlichen Dank!

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1 Response to Grußwort von Dr. Franz Alt auf der 445. Montagsdemo am 10.12.2018

  1. Wagenmann sagt:

    Noch etwas hat Dr. Alt vergessen. Den Brandschutz. Wenn etwas passiert kommt
    keiner lebend aus diesem Tunnelgewirr mehr raus. Es ist unverantwortlich sowas zu bauen. Alle 500 m Fluchtweg. In der Schweiz alle 200 m ! Was kann der einfache Bürger für Konsequenzen ziehen? Nie mit dem Zügle fahren ausser man geht freiwillig in ein Krematorium. Merkel sagte noch an S 21 hinge die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Prosit Mahlzeit!

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