Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und ihre Ziele für Eisenbahner und Fahrgäste

Rede von Danny Grosshans, 2. Stellv. Vorsitzender GDL-Bezirk Süd-West, auf der 636. Montagsdemo am 14.11.2022

Sehr geehrte Organisatoren, Gastredner und Demonstranten,

herzlichen Dank für die Einladung zur 636. Montagsdemo hier in Stuttgart!

636 – eine Zahl, die sich jeder mal auf der Zunge zergehen lassen soll: 636 mal aufstehen und die Stimme erheben, 636 mal unbeirrtes Durchhaltevermögen, 636 mal sinnlose Prestigeprojekte der Eisenbahn an den Pranger stellen, 636 mal das Milliardengrab Stuttgart 21 – zu Recht – immer und immer wieder kritisieren.

Herzlichen Dank für Euer Durchhaltevermögen!

Auch die GDL hört nicht auf, immer wieder ihre Stimme zu erheben. Schon seit vielen Jahren legen wir immer wieder den Finger in die Wunden und fordern ein Umdenken bei den Verantwortlichen in der Politik. Dass ein „Weiter so“ die längst überfällige Verkehrswende nicht voranbringt, können wir täglich am eigenen Leib spüren. Der Sparwahn der Börsenbahn holt uns langsam aber sicher ein, und das Kartenhaus fällt immer mehr zusammen. Marode Infrastruktur, Fachkräftemangel, Beteiligungen auf dem gesamten Erdball und der Fokus auf Leuchtturmprojekte lassen die Eisenbahn als klimafreundliches Verkehrsmittel immer mehr in den Hintergrund geraten.

Da bringt auch ein 49-Euro-Ticket nicht den gewünschten Effekt, wenn dieses vor der Ertüchtigung der Eisenbahn eingeführt wird. Ein 49-Euro-Ticket, das die Eisenbahn und die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner an seine Grenzen bringen wird. Erneut hat die Politik verkehrt herum entschieden und lockt mehr Menschen in ein System, das momentan dieser Aufgabe nicht gewachsen ist.

Das Herzstück der Eisenbahn – die Infrastruktur – muss neu organisiert werden. DB Netz, DB Energie, DB Station&Service und die Werkstätten müssen von der Gewinnorientierung losgelöst und in eine gemeinnützige Unternehmensform zusammengeführt werden. Nur so kommen Gewinne aus den In­fra­strukturunternehmen da an, wo sie benötigt werden – beim Aus-, Neu- oder Umbau der Eisenbahninfrastruktur in Deutschland. Nur mit einer losgelösten Infrastruktur und einer besseren Überwachung der Gelder des Bundes ist die längst überfällige Verkehrswende erst möglich.

Als eine der ältesten Gewerkschaften in Deutschland sind wir mittlerweile bei 60 Eisenbahnunternehmen Tarifpartner. Die GDL hat es innerhalb von wenigen Jahren geschafft, ein Einkommensdelta von bis zu 40 Prozent auszugleichen. 95 Prozent der direkten Eisenbahner in den Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland fallen somit unter die tariflichen Regelungen der GDL. Der Wert der Arbeit – also Entgelt im Verhältnis zur Arbeitszeit – kommt bei 95 Prozent der Kolleginnen und Kollegen an.

Wer jetzt behauptet, die GDL streikt ja nur, der soll mal in sich gehen und überlegen, wo die GDL in den letzten Jahren zur „Ultimo Ratio“ greifen musste? Richtig, bei der Deutschen Bahn AG – dem bundeseigenen Mobilitäts- und Transportkonzern – und aktuell bei der SWEG, die zu 95 Prozent dem Land Baden-Württemberg und zu jeweils 2,5 Prozent den Landkreisen Sigmaringen und dem Zollernalbkreis gehören. Die großen Konflikte spielen sich also ausschließlich bei Eisenbahnen ab, die sich in öffentlichen Händen befinden.

Das, was gerade bei der SWEG passiert, ist eine große Sauerei. Ein landeseigenes und mit Steuergeldern finanziertes Unternehmen verweigert die Verhandlungen über Verbesserungen in Entgelt und Arbeitszeit mit der GDL. Es tritt die Bedürfnisse und die grundgesetzlichen Rechte ihrer Mitarbeiter durch ihre Blockadehaltung buchstäblich mit Füßen. Es schreckt nicht davor zurück mit „Wer streikt, fliegt zuerst!“ die hohe Streikbereitschaft unserer Kolleginnen und Kollegen zu unterwandern. Und was macht der „grüne“ Verkehrsminister Herr Hermann? Er schaut zu und mit ihm die gesamte Regierung des Landes Baden-Württemberg. Herr Minister – Eigentum verpflichtet!

Leider haben die zurückliegenden fünf Arbeitskämpfe nicht dazu geführt, dass die SWEG zurück an den Verhandlungstisch gefunden hat. Sie lehnt es weiterhin ab, konzernweite Regelungen im Sinne ihrer Mitarbeiter mit der GDL zu verhandeln – im Gegenteil. Sie möchte die Zweiklassengesellschaft innerhalb ihres Konzerns weiter etablieren und bietet für die SBS (alt Abellio) Verbesserungen über unseren eigentlichen Forderungen an und möchte die Kolleginnen und Kollegen im Mutterkonzern der SWEG weiter an der langen Leine verhungern lassen.

Sollte diese Ignoranz des Arbeitgebers so weiter gehen, sehen wir uns abermals dazu gezwungen, eine weitere Eskalationsstufe der Arbeitskampfmaßnahmen auf den Weg zu bringen. Die Mitglieder der GDL sind sich jedenfalls nicht zu schade, sich dieser Konfrontation zu erneut zu stellen – wie Ihr hier auf Eurer 636. Montagsdemo.

Wir wünschen Euch, den Fahrgästen und den Eisenbahnern in Deutschland längst überfällige kluge politische Entscheidungen, die die Verkehrswende spürbar voranbringen. Die Eisenbahn in Deutschland hat das Potential, die Klimaziele positiv zu beeinflussen. Die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner stehen dazu bereit!

Eure Bewegung erfährt die Solidarität der GDL von Beginn an, und wir hoffen, dass wir als GDL und unsere Mitglieder auch die Solidarität von dem einen oder anderen aus Euren Reihen erfahren. Ihr könnt uns glauben, ein Streik ist immer verbunden mit Stress, Konfrontation und Einkommensverlust. Hier streikt nicht Claus Weselsky, sondern hier kämpfen unsere Kolleginnen und Kollegen für angemessene Arbeitsbedingungen – nicht mehr und nicht weniger!

Rede von Danny Grosshans als pdf-Datei

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1 Antwort zu Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und ihre Ziele für Eisenbahner und Fahrgäste

  1. Alexander Abel sagt:

    Man kann weder die DBAG noch die SWEG isoliert betrachten!
    Jedes der unzähligen Verkehrsunternehmen in dem
    Augiasstall D ist nämlich nur ein Glied in einer Transportkette, und eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.
    Um die DBAG, auch die vielen Privatunternehmen, die am S-Hbf verkehren, überhaupt zu erreichen,
    brauche ich zuerst mal die SSB. Und am Zielort
    brauche ich dann mindestens einen Abbringer + in den meisten Fällen eine Tagesnetzkarte, um mich am Zielort frei bewegen zu können.
    Egal ob 9- oder 49€-Ticket, die Anfahrt in den
    Regionalzügen dauert viel zu lange.
    S-HD / -UL geht gerade noch, aber bis ich mit 3 Bummelzügen M erreicht habe, ist der Tag vorbei. Zusätzlich haben die Regio’züge noch den Nachteil unrealistischer, zu kurzer, gebrochener Laufwege.
    Herr Grosshans hat natürlich recht, dem mit einem Einheits-Billig-Ticket zu erwartenden Ansturm wäre die Infrastruktur nicht gewachsen.
    Das alles ist eine Folge der Bahnreform, die die öffentlichen Verkehrsmittel, sogar nur die DB in lauter Fetzen zerrissen hat.
    Wenn wir die „Verkehrswende“ wollen, müssen wir sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel sozialisieren und nach den Grundsätzen der Gemeinnützigkeit führen – nicht nur einzelne Sparten der DBAG.
    Und wenn wir S21 im letzten Moment noch stoppen wollen, muss die GdL klarstellen, „wir fahren nicht durch die lebensgefährlichen Tunnels“.
    Hat doch erst vor ein paar Tagen im Kölner Flughafen-Tunnel schon wieder ein ICE gebrannt!
    Zum Abstellbahnhof U’türkheim:
    Wer in U’türkheim hat denn sein Kreuzchen NICHT
    bei S21-Parteien gemacht?
    Wieviel % hat Herr Rockenbauch in U’türkheim erreicht?
    Und jetzt bekommen die Denkverweigerer die Quittung für ihre Gedankenlosigkeit + ihren Kleinmut, mit denen sie S21 unterstützt + mich auch ganz persönlich geschädigt haben.
    Dummheit wird halt doch bestraft – mit 120dBA zur Schlafenszeit. Geschieht denen recht!

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