Rede von Tom Adler, Demoteam, auf der 788. Montagsdemo am 5.1.2026
Liebe Freundinnen und Freunde,
danke, dass Ihr auch nach sechzehn Protestjahren wieder hier seid, dass Ihr durchhaltet, widerständig und widerspenstig geblieben seid – und dass Ihr für einen Bahnknoten Stuttgart mit funktionierendem Kopfbahnhof samt Anbindung der Gäubahn einsteht!
Und ich kann Euch eins sagen – ich bin stolz darauf, einer von Euch hartnäckigen, nicht zu brechenden zu sein, von Euch, die Ihr über all die Jahre auch verstanden habt: dass der Kampf um den Kopfbahnhof auch ein Kampf um soziale und Klimagerechtigkeit ist, ein Kampf um eine Menschen- nicht profitgetriebene Stadtentwicklung! Dass wir also in voller Überzeugung in dieser Stadt hinstehen können und sagen: wir verstehen nicht nur ‚Bahnhof‘. Wir verstehen auch die Zusammenhänge! Und die Machtstrukturen, die bisher verhindern, dass sich die Politik wirklich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.
Widerständig, widerspenstig und dabei zielorientiert zu bleiben, ist in diesen Zeiten ja nicht so einfach. Nach über 15 Jahren Protest gegen Faktenresistenz und Politikversagen haben ja manche von uns sehr hohe Erwartungen in Evelyn Palla gesetzt. Erst recht, nachdem sie den Eröffnungstermin 2026 abgesagt und abgelehnt hat, einen neuen zu verkünden. Wenn „jeder Stein umgedreht wird“, wie sie sagte, dann müsse sie im Lenkungskreis doch Klartext gegen die lächerliche, aber folgenschwere Fehlplanung Stuttgart 21 und die Kappung der Gäubahn reden – das war die Erwartung.
Manche von uns haben dann ganz große Augen bekommen, als sie in der Pressekonferenz des Lenkungskreises diese Erwartungen überhaupt nicht erfüllt hat. Klaus Gietingers Film „7 Minuten mit Frau Palla“, den ihr auf parkschuetzer.de ansehen könnt, zeigt das.
Umgekehrt zeigen große Enttäuschungen auch, dass die Erwartungen übergroß waren. Und das wiederum zeigt auch, dass Frauen in solchen Führungspositionen um ein Vielfaches härter beurteilt und kritisiert werden als Männer in denselben Positionen. Oder war etwa irgendjemand von Richard Lutz, ihrem Vorgänger, so maßlos enttäuscht wie jetzt von Evelyn Palla? Der hatte bei seinem Amtsantritt erst gesagt, dass „mit dem Wissen von heute Stuttgart 21 nicht gebaut würde“, um dann aber das Projekt weiter zu treiben und eine Lüge auf die andere zu türmen!
Was ich damit sagen will: Evelyn Palla ist Chefin eines riesigen Konzerns mit den meisten Mitarbeitern in Deutschland, vorgeschlagen von einem CDU-Verkehrsminister. Wer in so eine Position kommt, kann kein radikaler Kämpfer gegen all die Lobbys und Verbände sein, die die Verkehrswende zur Schiene verhindern wollen. Auch wenn die Deutsche Bahn und unsere Gesellschaft das so dringend nötig hätte, wie wir alle wissen!
Evelyn Palla ist deshalb – natürlich! – keine Top-Managerin, die sich vor laufenden Kameras anlegt mit all diesen unsäglichen Männern, alle Repräsentanten der Autogesellschaft, die nichts, aber schon gar nichts von Bahn verstehen, aber der Welt seit 20 Jahren erklären, dass Stuttgart 21 das best geplante Projekt ever sei und alles supergut wird.
Evelyn Palla weiß, was die Stuttgart-21-Lügenbarone und ihre Konzern-Lobby mit ihr machen, wenn sie das täte: sie würde schnell ausgetauscht gegen einen neuen Lügenbaron. So wie damals Johannes Ludewig ihr Vor-Vor-Vorgänger geschasst wurde. Den hatte die Schröder/Fischer-Regierung durch den Auto-Mann Mehdorn ersetzt, weil Johannes Ludewig Stuttgart 21 auf Eis gelegt hatte. Wir müssen mit unseren schnellen Urteilen also etwas aufpassen, aber grundsätzlich völlig illusionslos sein, nicht auf mächtige Männer oder Frauen hoffen, die es für uns schon richten werden. Was Frau Palla vor den ganzen rückwärtsgewandten Gestalten aus der Autogesellschaft auszeichnet: sie versteht etwas vom Bahnverkehr – und das weiß die Presse.
Völlig illusionslos müssen und werden wir also jede Weichenstellung, die Frau Palla eventuell hinter den Kulissen einleitet, mit unseren Maßstäben bewerten. Und die heißen: Erhalt der oberirdischen Kopfbahnhofgleise mit Anbindung der Gäubahn! Dafür gehen wir jeden Montag auf die Straße, wir werden hartnäckig Druck machen, wo nötig konfrontativ aber auch gerne unterstützend, wenn es in die richtige Richtung gehen sollte. Denn die sogenannten „Entscheider“ reißen das Ruder nicht in die richtige Richtung herum, nämlich in Richtung sozialer, ökologisch nachhaltiger und Friedenspolitik! Siehe 15 Jahre Regierung Kretschmann! Das passiert erst dann, wenn von außen aufgebauter Druck groß genug wird. Wir müssen also alles auf die Kraft außerparlamentarischen Drucks setzen, wie wir es seit Beginn unsrer Bewegung tun.
Wir sind dabei aber nicht naiv: wer von uns hätte heute denn keine bangen, wenn nicht sogar Ohnmachtsgefühle, wenn man die kaltschnäuzigen Weichenstellungen gegen Klimaschutz und Sozialstaat sieht, damit unser Land bis auf die Zähne bewaffnet werden kann und uns „bereit machen soll für einen Krieg wie zu Zeiten der Großeltern“– Zitat Mark Rutte, Generalsekretär der NATO.
Oder wenn wir die Klimagerechtigkeitsbewegung anschauen. Sie ist nach Jahren, denen sie den politischen Stempel aufgedrückt hatte, momentan ein Schatten ihrer selbst, was Mobilisierungsfähigkeit und Einfluss in der Gesellschaft angeht, obwohl es nicht mehr fünf vor zwölf ist, sondern mindestens schon zwölf, wenn dramatische Klimaveränderungen noch abgemildert werden sollen!
Kein Zweifel, liebe Mitstreiter*innen: von Washington über Europa bis Moskau geben die Menschenfeinde den Ton an. Die Profit-Junkies der Fossil-Wirtschaft dominieren. Wir sind nicht naiv. Wir sehen dieses Rollback. Aber einige von uns und unsere Eltern und Großeltern haben es schon erlebt, was uns Bertolt Brecht 1943 im „Lied von der Moldau“ poetisch mitgegeben hat – über die Vergänglichkeit herrschender Zustände: „Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine – die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag!“.
Ich kann keine bewegende poetische Rede über den Zustand unserer Welt halten wie unser Peter Grohmann es könnte. Der sammelt heute noch Kräfte am Bodensee. Sei gegrüßt, Peter, alter Freund!
Doch schauen wir uns, mit Grohmann und Brecht im Hinterkopf, noch mal an, wie wir gemeinsam daran arbeiten, damit „das Kleine nicht klein bleibt“ und dass die Nacht vielleicht sogar noch ein bisschen kürzer wird als 12 Stunden: so schlecht haben wir uns mit unseren begrenzten Kräften dabei nicht geschlagen und auch 2025 einigen Staub aufgewirbelt:
- Unsere Statements, unsere Kritik werden in den Medien nicht mehr einfach unterschlagen, was jahrelang im Stuttgarter Pressehaus üblich war und nicht nur dort. Es gab jetzt sogar Presse für die von Christoph Engelhard und Roland Morlock enttarnten, hingetricksten Wirtschaftlichkeitsberechnungen für den Pfaffensteigtunnel.
- Wir waren eingeladen zu Podiumsdiskussionen der Volkshochschule und in „Zur Sache Baden-Württemberg“, und konnten Herrn Huber kontra geben, damals im Bahnvorstand für moderne Märchen zuständig.
- Dieter Reicherter und Angelika Linckh sind nominiert und in der engeren Wahl für den Umweltpreis, den unsere wichtige Verbündete, die DUH ausgelobt hat.
Bescheiden wie wir sind, neigen wir dazu, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Oft erleben wir mehr Wertschätzung von Aktiven aus Berlin, Hamburg oder München, als in Stuttgart selber. Unser gemeinsamer Ankerpunkt ist die Erhaltung der oberirdischen Kopfbahnhofgleise und die Gäubahnanbindung, aber unsere Themen sind vielfältiger, weil wir wissen: ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keine Akzeptanz von Klimaschutz, ohne Umverteilung von oben nach unten gibt es keine soziale Gerechtigkeit. Und Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.
In diesem monströsen, Milliarden teuren Tiefbahnhofsprojekt überschneiden sich so viele gesellschaftliche Missstände – und wir thematisieren sie! Wer hat über so viele Jahre ein interessantes wöchentliches Demoprogramm mit diesen Themen am Laufen? Das sind doch wir!
Bekanntlich gilt der Prophet im eigenen Land nicht viel, deshalb halten sich außer der DUH und Robin Wood und Peter Grohmann viele in Stuttgart aktive Gruppierungen immer noch fern von uns, milde lächelnd über die widerborstigen „Weißköpfe“, obwohl doch alle verstanden haben sollten, dass wir momentan eines brauchen, um den Menschenfeinden widerstehen zu können: Bündnisse und Bündelung heute zersplitterter Kräfte!
Und last but not least: wir haben im letzten Halbjahr 2025 eine Kampagne für einen Bürgerentscheid über das A2-Gelände gestemmt! Hätten wir uns das denn noch im Frühjahr 2025 zugetraut? Wir haben die gläserne Mauer durchbrochen und sind wieder mit den Menschen in der Stadt in Diskussion gekommen. Und trotz aller Hindernisse haben viele der Sammler*innen dabei festgestellt: wir stoßen dabei auf viele offene Ohren! Der Stadtrat hat letztlich wegen wenigen fehlenden Unterschriften einen Bürgerentscheid abgelehnt. Den Vertrauensleuten wurde das am 31.12.2025 schriftlich mitgeteilt. Seit 31.12. läuft die Frist, in der Widerspruch eingelegt werden könnte. Alle rechtskundigen Mitstreiter*innen, nicht zuletzt Dieter Reicherter, halten aber die Formulierung von Widersprüchen für vergebliche und auch noch kostenpflichtige Mühe ohne Aussicht auf einen Erfolg. Der Erfolg unserer Kampagne in der Stadtgesellschaft überwiegt bei weitem, was noch so gut formulierte Widersprüche jetzt erreichen könnten. Genau an diesem Erfolg sollten wir 2026 also anknüpfen: raus aus der eigenen Blase, rein in die Diskussion in der Stadt um den Kopfbahnhoferhalt!
Denn das Projekt hat wichtige mediale Bündnispartner verloren, die früher dem „Augen zu und durch“ das Wort geredet hatten. Keines der Leitmedien mit Einfluss auf die Bundespolitik wie die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung unterstützt die Stadt- und Landespolitik mit ihrem „Weiter so!“. Die SZ schreibt: „Der Niedergang der Deutschen Bahn, er ist eine Geschichte des kollektiven Nicht-wahrhaben-Wollens.“ Und dass Frau Palla „das Versagen der eigenen Leute bei Stuttgart 21 untersuchen lässt, ist überfällig – und hoffentlich nur der Anfang.“
Die Chancen, dass die Kombination von Bahnkrise, Stuttgart-21-Scheitern und politischen Krisen die Möglichkeit für einen Kurswechsel erhöhen, stehen nicht schlecht. Und die kassierten Eröffnungs- und Gäubahnkappungs-Termine verschaffen uns die Zeit, am Ball zu bleiben – auch bei den Themen, die bei Kombibahnhofsdiskussionen unter den Tisch zu fallen drohen, wie Überflutungsrisken und der Brandschutz – die Katastrophe in Crans-Montana zeigt, wie wichtig das bleibt!
Unser Freund und Unterstützer Winfried Wolf, den wir so oft vermissen, hat seinem Standardwerk zu Stuttgart 21 den Titel gegeben: „Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands“. Dieses „absehbare Scheitern“ hat er aber nie als automatisches Scheitern des Projekts an den eigenen Problemen verstanden. Er wusste als kluger Analytiker und Aktivist genau, dass dieses Scheitern Geburtshelfer braucht.
Er hat uns deshalb immer ermutigt, nicht aufzugeben, sondern dranzubleiben mit unserer „Kultur des Widerstands“, als Geburtshelfer dieses Scheiterns von Stuttgart 21 und damit als einer von vielen Geburtshelfern für eine bessere Bahnpolitik in Stuttgart und darüber hinaus!
Das machen wir, Winnie, auch 2026 und wenn nötig 2027. Und in Stuttgart klingt das dann so:
Oben Bleiben!
* Winfried Wolf: Abgrundtief und Bodenlos. Stuttgart21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands“ Papyrossa Verlag






