Rede von Tom Adler, Demoteam, auf der 797. Montagsdemo am 9.3.2026
Liebe Freundinnen und Freunde des oberirdischen Kopfbahnhofs und der direkten, ununterbrochenen Anbindung der Panoramastrecke und der Gäubahn,
ich darf heute 24 Stunden und 10 Minuten nach Schließung der Wahllokale zu euch sprechen, obwohl ich kein neutraler Kommentator bin. Sondern – wie ihr natürlich wisst – von Anfang an Mitglied der LINKEN.
Ihr könnt euch vorstellen, dass ich nach dem Wahlergebnis nicht gerade glücklich vor euch stehe. Es hat halt nicht gereicht, auch wenn die Linken-Ergebnisse in Stuttgart selbst ermutigend sind und die AfD deutlich unter dem Landesergebnis bleibt.
Die Eröffnung des Tunnelbahnhofs ist um fünf Jahre verschoben. Ich und viele Freund*innen auf dem Platz hier hatten gehofft, dass wir in diesen wichtigen fünf Jahren endlich eine Fraktion im Landtag bekämen, die unsere Anliegen im Schulterschluss mit unserer Bewegung unterstützt, mit Anfragen, Reden, Anträgen, öffentlichen Auftritten. So wie es Luigi Pantisano für uns im Bundestag macht.
Das wird im Landtag nun leider nicht stattfinden. Ich will euch gleich an dieser Stelle sagen, was mich sehr beunruhigt. Die LINKE ist angetreten, um der AfD im Landtag das Ticket zur Wählertäuschung zu entziehen. Und ich fürchte, dass die Rechtsextremisten der AfD als Oppositionspartei im Landtag nun versuchen könnten, diese Situation auszubeuten.
Das haben auch ihre Vorgänger, die „Republikaner“ getan und Stuttgart 21 kritisiert. Die AfD im Landtag und im Gemeinderat hat dagegen mit den Tunnelparteien immer vehement das „Weiter bauen“!“ vertreten.
Die Krise des Projekts, die Glaubwürdigkeitskrise seiner Unterstützer ist so groß wie lange nicht mehr – ein regelrechtes Signal-Ereignis!
Die Ausbeutung von Signal-Ereignissen für ihre Propaganda ist das Geschäftsmodell der AfD. Die Rechtsextremisten verkaufen sich als Sprecher der Menschen, die von schwarz-rot-grüner Regierungspolitik an den Rand gedrängt und in gefühlte und echte Nöte gebracht werden. Wer aber ihr Programm und ihre Praxis im Bundestag anschaut: ihre Lösung ist an keinem Punkt eine solidarische; keine Umverteilung und soziale Politik für alle, sondern Entlastung von Überreichen, keine Vermögenssteuern. Sie verkaufen sich als Verteidiger von Freiheitsrechten, tatsächlich unterstützen sie die autoritäre faschistoide Politik Marke Donald Trump.
Sie leugnen die Klimakrise, die sich – Meldung von heute – seit 2015 bedrohlich beschleunigt hat, und unterstützen unverdrossen Fossilindustrie und deren politischen Arm dabei, unsere Welt noch schneller an die Wand zu fahren.
Gestern am 8. März und heute kämpfen Frauen wieder und weiter für gleiche Rechte – und die AfD zwinkert ihnen rehbraun zu, dass sie sich doch besser auf ihre „weiblichen“ Aufgaben konzentrieren sollen. WHAT? In welchem Jahrhundert leben die denn?
Für uns, liebe Freund*innen, muss das also heißen: immer ganz (!) genau hinzuschauen. Sich nicht von Propaganda-Reden blenden zu lassen, die uns Stuttgart-21-Gegner verunsichern sollen. Den rechten Fischern im Trüben keinen Fußbreit Nähe zu uns erlauben!
Denn wir verstehen nicht nur Bahnhof, sondern Zusammenhänge in einer profitgetriebenen Gesellschaft! Und wir wollen eine soziale, ökologische, humanistische Politik mit gutem Bahnverkehr statt Beton und Auto, eine Politik, die alle einschließt – alle außer die Partei der Rechtsextremisten!
Die Landtage haben in Deutschland viel politisches Gewicht verloren. Die allerwesentlichsten Entscheidungen und Richtungsvorgaben fallen im Bundestag. Kommunen und Länder zahlen dann die Rechnung. Liebe Mitstreiter*innen, trotzdem müssen wir uns mit zwei fast gleich großen künftigen Regierungsparteien zwei Fragen stellen:
Erstens: Kann hier jemand einen ernsthaften Unterschied zwischen Schwarz-Grün und Grün-Schwarz feststellen? Würde es für uns Kopfbahnhoffreund*innen einen Unterschied machen, ob der Ministerpräsident Cem oder Manuel heißt? Viele Wähler*innen haben diese Frage auf den letzten Metern offenbar nicht durchdacht, sondern wollten nur die „Pfeife“ Hagel verhindern. Deshalb gibt es jetzt keine LINKE-Fraktion im Landtag. Und wer taktisch Grün gewählt hat, bekommt jetzt sogar noch weniger Ökologie, Klimaschutz und Demokratie als mit den Kretschmännern und -Frauen.
Manuel Hagel wird zu Stuttgart 21 und Gäubahn weiter jedem nach dem Maul reden, je nachdem, ob er grad an der Gäubahnstrecke oder hier in der Region vor schwarz-gelb-grün-roten Hardcore-Leugnern der Stuttgarter S21-Katastrophe redet.
Cem Özdemir und seine Parteifreunde lassen uns durch Winfried Hermann schon mal ausrichten, dass jede Landesregierung vor allem eins will: dass jetzt endlich fertig gebaut und der klimaschädliche, überflüssige Pfaffensteigtunnel gebohrt wird, damit Herrenknecht und die Baukonzerne mit den Milliarden aus Steuergeldern ihre Profitmargen sicher einplanen können. Ein neuer Verkehrsminister wird also wohl dort weiter machen, wo Winfried Hermann aufhört.
Und sie erteilen deshalb „allen eventuellen Ausstiegsphantasien“ (Zitat Winfried Hermann) eine Absage. Ja, natürlich: er versucht damit, uns als Phantasten zu denunzieren – uns auf der Straße, unsere Leute im Stadtrat, unseren Bündnispartner, die DUH, die am 18. März wieder vor dem VGH gegen den Pfaffensteigwahnsinn vorgeht, und unsere Bündnispartner beim Bürgerbegehren „Mehr Bahnhof- Mehr Zukunft“ samt den 24.000 Unterzeichnern! Normalerweise werden wir ja einfach unterschlagen.
„Ausstiegsphantasien“, denen man im Stuttgarter-Zeitungs-Interview eine Absage erteilen muss? – das ist doch spannend! Zeigt das nicht auch, dass ihnen schwäbisch gesagt, „der Kittel anfängt zu brennen“? Es zeigt, dass Umstieg, Denkpause, Moratorium, Neupositionierung in der Luft liegt, nicht borniertes Tunnelbauen!
Und wir müssen und werden jetzt die Finger auch an ganz praktischen Stellen in die Wunden legen: als erstes mit der Forderung, dass den Reisenden künftig die unsäglichen Fernwanderwege erspart bleiben! Die müssen weg! Der direkte bequeme Zugang zu den Kopfbahnhofgleisen muss wieder ermöglicht werden. Darüber wird in Kürze Norbert Bongartz hier sprechen.
Jede, aber wirklich jede der Behauptungen über die Segnungen von Stuttgart 21 für uns und unsere Stadt sind wie ein Kartenhaus eingestürzt. Es ist ein grotesker Aberwitz der Stuttgart-21-Geschichte, dass immer wieder die Rettung durch den „Digitalen Knoten Stuttgart“ herbeiphantasiert wird. Das wird unverdrossen in S21-Werbefilmen propagiert, während eben erst durchgesickert ist, dass die Eröffnung nicht vor 2030 oder 2031 sein kann.
Während die Bahn selbst begonnen hat, ihr Personal, das Digitalisierung angeblich beherrscht, abzubauen! Wir werden also noch massive Kostensteigerungen und Terminverschiebungen erleben – nicht aber diese funktionierenden digitalen 8.Weltwunder.
(funfact, sagt man auf Denglisch: der Präsident der Region Stuttgart hat das kürzlich beim Gespräch mit Dieter Reicherter eingeräumt, dass er und Dieter das beide leider nicht mehr erleben werden…)
Wir sehen, dass ihre Glaubwürdigkeit massiv angeschlagen ist. Aber machen wir uns nichts vor: wo es um so viel Milliarden potenzieller Konzernprofite geht, wird nicht so leicht eingelenkt. Sie werden also keineswegs aufhören, die Öffentlichkeit weiter zu täuschen und eine rosarote digitale Zukunft des Bahnfahrens zu versprechen.
Sie alle hatten die Lektion von Jean-Claude Juncker für aufstrebende Politiker längst gelernt. Ihr schwarzer Koalitionspartner kennt die ja schon immer: Jean-Claude Junker, der Vorgänger von Frau von der Leyhen, hat sie – sagen wir mal – offenherzig formuliert: „Wenn’s ernst wird, musst Du lügen“!
Liebe Freund*innen, die erste Frage am Anfang der Rede hieß: Cem oder Manuel als Ministerpräsident – macht das für uns Kopfbahnhoffreunde wirklich einen Unterschied? Und meine Antwort ist eindeutig: NEIN.
Die zweite Frage, die gestellt und beantwortet werden muss, lautet: Welche Konsequenz hat es jetzt für uns Kopfbahnhoffreund*innen, dass weder Klimaschutz noch zuverlässiger funktionierender Bahnverkehr bei den beiden Koalitionsparteien eine Priorität haben? Während wir leider keine LINKE-Opposition im Landtag haben, die Grün-Schwarz immer und immer wieder mit Reden, Anfragen, Anhörungen, Anträgen quälen und uns unterstützen könnte?
Liebe Freund*innen, schauen wir zurück auf die Zeit seit der ersten Kretschmann-Regierung. Sind wir nicht in einer Situation, die wir schon kennen? Es ist die Situation außerparlamentarischer Opposition! Und auch außerhalb des Landtags konnten wir immer wieder die Debatte aufmischen, unterstützt von wichtigen Bündnispartnern, so dass Winfried Hermann sich sogar gezwungen fühlt, „evtl. Ausstiegsphantasien“ anzugreifen!
Wir stehen Woche für Woche auf der Straße und legen Finger in die Wunden und zeigen: der Kaiser ist peinlich, unehrlich und splitternackt!
Wir haben hochqualifizierte Kritiker der Bahnpolitik in unseren Reihen, die immer und immer wieder propagandistische Lügengebäude enttarnen können!
Wir haben die Expertise für einen guten Bahnverkehr und für eine solidarische Gesellschaft! Und wir brauchen deshalb auch keine vergiftete Zustimmung vom rechtsradikalen Rand im Landtag.
Liebe Freund*innen, das Projekt strauchelt. Es verliert mediale Zustimmung. Es kollabiert aber nicht von alleine an sich selbst. Denn manchmal sind die drohenden Gesichtsverluste so groß, dass sie den Punkt verpassen, um eine rationale Denkpause mit Debatten über Alternativen zu führen.
Damit dieser Punkt kommt, braucht es außerparlamentarischen Druck von uns und unseren Bündnispartnern – qualifizierten Druck mit unserem sensationellen Durchhaltevermögen!
Die Antwort auf die Frage: welche Konsequenz es für uns Kopfbahnhoffreund*innen hat, dass eine klima- und bahnignorante Koalition ohne solidarische linke Opposition regieren wird, lautet also unmissverständlich:
Oben bleiben!






