Die Herrschaften oder: Personen im Gleis – eine Schauerballade der Zukunft

Gedicht von Timo Brunke, Poet und Wortkünstler, auf der 800. Montagsdemo am 30.3.2026

Im soundsovielten Jahr seiner Verbauung
wurde das Projekt abgeschlossen.
Der Bahn waren trotz immenser Verdauung
die Kosten zu sehr ins Unkraut geschossen.

Als nach Jahren in der Kelchstützenhalle
Boden und Wände zu quellen begannen,
da erkannten sie das Ausmaß dieser Falle
Da schickte die Bahn alle Menschen von dannen.

„Wie verwenden wir das gewinnbringend final,
was nicht mehr zu retten ist?
Wir verkaufen das Loch samt Tunnelareal
bevor es noch weitere Löcher frisst.“

Und die Bahn bot ihr Loch als Lagerstätte
für atomaren Müll zum Verkauf.
Ob die Bundeszentrale fürs Nuklare das gern hätte?
Die Bahn hielt schon mal die Hand auf.

Zwei staatliche Akteure wurden handelseinig,
Unser Geld wurde glücklich verschoben.
Beim Preis waren beide nicht kleinlich.
Wer nachfragte, galt als verschroben.

So kam noch glücklich der Deckel auf den Topf,
S 21, das war's!
Der Stuttgarter Bahnhof behielt seinen Kopf.
Überleben macht immer Spaß.

Ich klopfte von außen an die Betonhülle
„Milliardengrab, gluckse sanft.“
Und stieg in den Regionalzug. Mein Wille:
hinauszufahren aufs Land.

So weit ist bis hier meine Geschichte
noch überhaupt nicht schauerlich.
Doch was im Folgenden ich berichte,
Steht mir bei, gleich schaudert's mich.

Ich ruckel und zuckel aus Gleis sechzehn
Nach Cannstatt hinaus aus der Kesselstadt.
Da höre ich seitwärtslich ein Ächzen.
Was es wohl damit auf sich hat?

Ich dreh mich um, doch seh ich nur Leute,
wie immer, auf Bildschirmchen fixiert.
Hmm, was könnt' das Ächzen bloß bedeuten?
Und dann hab ich ums Eck gestiert.

Ums runde Eck der Waggontoilette,
(gelb prangt der Zettel drauf: „Defekt“ –
Und sehe eine Silhouette!
Und werde auf den Tod erschreckt:

Der schwarze Umriss, jener Schatten,
birgt bei dem schnöden Neonlicht
eine Gestalt, sie trägt Krawatte,
doch redlich menschlich scheint sie nicht.

Wiewohl im Zug sich alles zwängt –
um diesen „Herrn“ herum ist Luft.
Ein Moderduft sich an mich drängt –
Verfault, verdorben, wie aus der Gruft.

Da ächzt der Schattenkerl erneut!
Ich wag zu ihm noch einen Schritt –
Und hab ich auch den Schritt bereut,
Es musste sein, o holy Shit! –

Wer bist du, Mann im Schattenhoody,
mit Anzug, Schlips, die Haut so fahl –
Ist denn in dir 1 Tropfen Blut – iih!
Ich kenn den Herren auf ein Mal:

Bahnchef Heinz Dürr – als Wiedergänger!
Gestorben längst und doch nicht tot?
Der hier vor mir als Fliegenfänger
sich zeigt. – Was plagt ihn, welche Not?

Er wird, Heinz Dürr, sein Leid gleich schildern,
doch vorher sag ich was voraus:
Der Schauder, den ich hier bebilder',
er ist noch nicht der wahre Graus.

Was er, Heinz Dürr, gleich WIRD berichten,
DAS lässt das Blut uns erst gefriern.
Hier mein Drumrum ist nur ein Dichten. –
Doch was er jetzt sagt, muss euch rührn:

„Weh mir, Heinz Dürr, dem Bahnmonarchen,
der ich die Bahn AG erschuf. –
Wie gern würd' ich im Grabe schnarchen,
wie plagt mich untot mein Beruf.“

Kurz wieder ich: um's zu erklären:
Heinz Dürr, ihn rissen sie aus dem Grab.
Die unterird'schen Mächte wehren
es ihm, dass seine Ruh' er hab'.

„Weh mir, Heinz Dürr, was muss ich büßen!
Was hab ich Schlimmes denn verübt!
Was muss ich Schatten meine Füße
durch alle Lande schleppen. Liebt

das Schicksal mich denn ewig nimmer?
Vor allen Strafen fürcht ich mich.
Doch eine widert mich für immer:
Im Zug zu fahren – ÖFFENTLICH!“

Als ich die Worte da vernommen,
da fasste das Entsetzen mich:
„Heinz Dürr, welch Strafmaß ist auf dich gekommen:
ewig bahnfahren – ÖFFENTLICH.

Und auch noch in der Zweiten Klasse!
Und ausgeliefert, ohne Wehr,
der Deutsche-Bahn-Zug-Abwrackmasse,
maroden Gleisen, ich kann nicht mehr!“

Da sprach der Geist zu mir die Worte:
„Kopf hoch, Poet, und Oben bleiben,
sind doch – wie ich – an andern Orten,
Kollegen ähnlich zu beschreiben.“

Und dann hob Dürrs Geist an, zu melden,
wen alles aus dem Grab es zog.
wer, fern der eigenen Grabeskälte,
noch alles so um Ecken bog.

Er nannte mir die armen Seelen,
die düster teilten sein Geschick.
Sie alle müssten so sich quälen,
die Schuld säß' allen im Genick.

Zwar, mancher streite, hadere
und stoße sein Ego vor sich her.
Und manchen aber martere
was er verübt. – Dürr, bitte sehr!

„Kennst du den Hartmut Mehdorn, Brunke?
Der hat noch ärger es getan.
Der sprach: ‚Wer sich das dämliche Ticket nicht leisten kann,
ist halt zu arm für meine Bahn!‘

Seine Strafe: er muss WARTEN
auf Anzeigen schauen, auf dass er erstarrt:
‚Für alle, die wir noch nicht narrten –
Es gibt Verzögerung aus vorheriger Fahrt.‘

Schlimm ergeht's Rüdiger Grube,
Hartmuts Nachfolger, der wartet gequält
An zugigem Bahnsteig, nix „Sarg Gute Stube“,
‚Zug fällt aus – der Lokführer fehlt.‘“

„Du liebes Gespenst, ich kann's nicht glauben!
Aber Grube besaß doch seinen Chauffeur!“
„Im Jenseits taten sie ihm den rauben.
Auch er fährt ÖFFENTLICH! Quel Malheur!

Den Herren Minister geht es nicht besser.
Matze Wissmann sagt, er könne nicht mehr
Das Jenseits liefere ihn ans Messer.“
„Doch wie?“ „Mittels Schienenersatzverkehr!

Auch der Tiefensee, Ramsauer, der Alex Dobrindt
Sie stöhnen, klappern, seufzen, klagen
auf offener Strecke: „Bitte, den Tod!“ Find'
Ich verständlich, bei so viel Stellwerkschaden.

Der Volker Wissing, der Andreas Scheuer,
erzählten mir die Hölle, durch die sie gehn:
Jeder für sich macht es durch, ungeheuer:
Sie müssen ganze Fahrten lang stehn!

Sie sagen es, ich sag es dir, Herr Barde:
Die bitterste, höchste Lehre, die es für uns gab:
Teurer als alle Stuttgart-Milliarden
am kostbarsten isch doch ein eigenes Grab.“

„Der Mappus? Der Oettinger?“ – „Fahren jetzt Bus!
Und klopfen ans Glas in jeder Kurve!
‚Ewige Vernichtung, bitte mach Schluss,
wir können so nicht über Dörfer schlurfen!

Was haben wir verbrochen, wer tut uns das an?
Wir haben nur unser Bestes getan!

Die einen planen, die anderen blechen
Ich versteh nicht, wofür die sich rächen!

Mehrkosten? Heißt; soviel kostet das Meer.
Und das Meer ist nun mal riesig, ungefähr.

Ich wollte für das Land doch immer nur das Beste
Bitte, gebt mir hier draußen so ne orangene Knallweste!

Ich wollte doch nur mit meinen Klüngelbrüdern gehn
Dienstwagen!, Dienstwagen, bleib er doch stehn! ...

Ich hab immer geschaut, wer mich unterstützt,
und es war nie schlecht, es hat mir stets genützt!

Wir liebten die Lobby, sie war unser Hobby,
wir waren die Pfiffigsten, tippitoppi!

Was hätten wir langfristig denken sollen
wer hätte uns je können Beifall zollen!?

Ein Auto hat man, das ist deutsches Gebot
Wer kein Auto hat, der ist zu doof oder tot.

Die Luft ist rein und Autos sind Bonheur,
In Ewigkeit – wo bleibt denn mein Chauffeur?!

Ihr Kritiker, immer reflektieren!
Wer kann sich so lange schon konzentrieren!

Ein Deutschland der Bahnfahrer, was sollte das werden?
Ich musste hier handeln, weg mit den Beschwerden!

Wohlstand für alle, so ein Quatsch!
Wo bleibt mein Fahrer, ich zerfall hier zu Matsch!

Da traf der Zug in Plochingen ein.
Der Geist Heinz Dürrs verduftete sich,
er zuckte zum Waggon hinaus, ich mein',
Auch im Jenseits nahm er sich immer noch wichtig.

Ich hört' ihn noch bruddeln: „So ein Scheiß“
und über die Schienen entschwinden im Nu
Im Hintergrund sah ich: Personen im Gleis ...
Untote ... Schatten ... auf der Suche nach Ruh.

Gedicht von Timo Brunke als pdf-Datei

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