Rede von Dr.Norbert Bongartz, Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, auf der 807. Montagsdemo am 1.6.2026
Sind Sie in Ihrem Musikunterricht mit dem in der Barockmusik häufigen Phänomen der Fugen vertraut gemacht worden? Ein melodisches Thema wird zeitversetzt und in Quintenabständen durch drei und mehr Stimmgruppen geführt. Die kunstvoll verwobene zunächst ziellos erscheinende Durchführung mündet in eine Verdichtung der Themen, kurz vor dem Ausklang in der Engführung.
In diesem Stadium steckt, so sehe ich das, derzeit das tragische Großprojekt Stuttgart 21: Auf der Baustelle passiert derzeit nicht viel, umso mehr gärt es im Hintergrund, umso mehr spüren nicht nur wir, sondern auch die Projektpartner und die Spitze der Bahn die Zuspitzung der Lage. Frau Palla will im Juni öffentlich erklären, wie es mit der Bahn und mit S21 weitergehen soll.
In diesen Wochen, vergleichbar mit einer Ruhe vor dem Sturm, stoßen wir mit unserer aktuellen Initiative „Direktzugang zum Hauptbahnhof Stuttgart statt Fernwanderwege“– aber flott! – auf den Nerv der Nervösen...
Das Ergebnis unserer Forderung führt die Bahn in eine geradezu groteske Zwickmühle: Soll sie den Tiefbahnhof deutlich früher öffnen als sie ihn öffnen oder er-öffnen kann oder will? Soll die ebene Durchwegung über die Verteilerstege den Tiefbahnhof vor seiner Eröffnung in die Rolle eines Foyers, einer Vorhalle für den Kopfbahnhof zwingen?
Wie peinlich ist das für die Bahn, wenn ausgerechnet wir, die Kritiker, ja Gegner des Projekts eine vorzeitige Teil-Öffnung des Tiefbahnhofs fordern! Peinlicher für sie geht‘s nicht, denn der Einbau der noch fehlenden Aufstiegs-Elemente hinauf zum Kopfbahnhof wäre ja ein ganz wichtiger Schritt in Richtung des bislang hartnäckig verweigerten offiziellen Bekenntnisses zu seiner dauerhaften Erhaltung!
Unsere Initiative wird mit einer breiten Zustimmung verärgerter Bahnkunden rechnen können. Sie kann sogar von S21-Befürwortern befürwortet werden, wenn möglichst viele Bahnreisende bald von unserer Kurzweg-Initiative erfahren!
Daher ist es wichtig, dass wir möglichst viele vom Bahnhof gestresste Menschen in der nächsten Zeit gut informieren, unsere Botschaft mittels der gelben Flyer verbreiten und unsere Initiative unter die Leute bringen.
Zur guten, vertieften Information von Ihnen und uns soll der heutige Abend im Rathaus dienen, gleich im Anschluss an unsere Demo.
Was uns dort erwartet?
Erst einmal Johanna Tiarks, als Vertreterin der veranstaltenden Fraktion, die uns begrüßen wird. Ob der eingeladene Hausherr Dr. Frank Nopper anwesend sein wird, ist immer noch ungewiss…
In jedem Fall ist Hans-Jörg Jäkel dabei als zentraler Vermittler und Referent.
Im oberen Foyer erwartet uns ein ziemlich großes, ausgeliehenes Teil-Modell des Bahnhofs, das die beiden Direktzugänge zu den Gleisen des Kopfbahnhofs maßstabsgerecht darstellt. Modellbauer der neuen Ergänzungen des Modells waren Jörg Jäkel; ich war sein Assistent.
Und auf dem Podium werden neben Jörg Jäkel weitere kompetente Informanten sitzen.
Was erwartet uns noch? … etliche Flaschen Wein vom Weingut der Stadt plus Brezeln … und wir erwarten uns gegenseitig zum entspannten Gedankenaustausch!
Zu unserer Modell-Vision hat uns der Grafiker Johannes Christian Rost ein vorausschauendes, visionäres Bild beigesteuert, das die von uns ausüberlegten Übergänge von den Verteilerstegen hinauf zu den Bahnsteigen des Kopfbahnhofs anschaulich vor Augen führt.
Da die Aufstiegszone auf Dauer wettersicher, wie ein Lichthof überdeckelt werden muss, werden weitere bauliche Maßnahmen folgen müssen. Ich denke an eine Neugestaltung der oberen Eingangshalle im Eingangsbereich des Kopfbahnhofs.
Das Aktionsbündnis ist derzeit auf der Suche nach jemandem, der uns einen Testentwurf für eine neuartige Halle liefern kann, welche selbstbewusst, vielleicht sogar kontrapunktisch neben dem Tiefbahnhof in Erscheinung treten soll. Wen könnten wir für diese reizvolle Aufgabe gewinnen? Er oder sie sollte sich bald bei mir melden, denn wir wollen mit einer weiteren Vision für den künftigen, hoffentlich rund-erneuerten Kopfbahnhof werben.
Mit anderen Worten: wir bleiben weiter dran, mehr mit guten Argumenten, also eher mit Sog als mit Druck. Unser Fernziel heißt weiter: Der Kopfbahnhof muss bleiben, weil er unersetzbar ist.
Wir müssen die Bahn und ihre Projektpartner weiter in die Enge treiben. Die Zeit ist reif...
Denn wir wollen: OBEN BLEIBEN!






