Rede von Johanna Tiarks, Fraktionsvorsitzende ‚Linke SÖS Tierschutz, auf der 815. Montagsdemo am 27.7.2026*
Liebe Freund*innen,
am letzten Freitag hat sich mal wieder ein absurdes Schauspiel im Ausschuss für Wirtschaft und Wohnen abgespielt.
Aber zurück: 1983 wurde die Hanns-Martin-Schleyer-Halle eröffnet. Aber bereits im September 2021 forderte Martin Körner, damals noch SPD-Fraktionsvorsitzender, in der Abrissdebatte ein „architektonisches Ausrufezeichen“! Gleich darauf stand dann in der Stuttgarter Zeitung, Helene Fischer und Ed Sheeran würden Stuttgart „links liegen lassen“ Da waren sie ein bißle voreilig, kam doch Helene Fischer inzwischen nach Stuttgart. Jedenfalls nahm die Diskussion dann an Fahrt auf. Die Halle wäre zu klein, man brauche unbedingt 18.000 Plätze, und sie wäre auch zu niedrig.
2023 im Mai kam dann Helene Fischer – 5 Tage hintereinander und hat einen Besucherrekord gefeiert. Insgesamt waren 50.000 Zuschauer*innen in dem Konzert.
Dann sollte 2023 eigentlich endlich eine Vorlage kommen. Da sie für die Sitzung Ende Juni 2023 noch nicht fertig war, wurde erst mal nur die Machbarkeitsstudie und ein Werbefilmchen präsentiert. Tenor: man braucht dringend eine neue Halle, weil man sonst international abgehängt sei. Auf den berechtigten Hinweis von Hannes, dass solche Projekte nicht mehr in die Zeit passen würden, wenn wir Klimaneutralität wollen würden, wurde er freundlich darauf hingewiesen – und ich zitiere, dass „diese alte Dreckschleuder Schleyerhalle“ in Angriff genommen werden muss.
Interessant, schon damals ging man von Sanierungskosten in Höhe von 150 Millionen aus – die gleiche Zahl wird auch noch heute genannt – kann eigentlich nicht sein. Wobei die damals genannten Neubau- und Abrisskosten damals bei 420 Millionen – jetzt bei 500 Millionen sind.
Jedenfalls gab es dann kurz eine Vorlage, zu der wir auch einen Antrag gestellt hatten. Insbesondere mit Fragen, welche ökologischen und ökonomischen Folgen ein solches Neubauvorhaben hätte. Tja, die Vorlage verschwand wieder und mit ihr unser Antrag von damals – der dann natürlich auch nie beantwortet wurde.
Und schon damals haben die Architects for Future kritisiert, dass das Klimaneutralitätsziel 2035 nicht mit Abriss- und Neubau-Großprojekten vereinbar sei. Auch der Städtebauausschuss positionierte sich kritisch gegenüber der Vernichtung von „grauer Energie“ und sprach sich für eine transparente und öffentlich nachvollziehbare Entscheidung aus. Das war schon Ende 2023.
Im Herbst – jetzt schon im Jahr 2025 – fanden sich dann im Verwaltungsvorschlag für den Haushalt 45 Millionen Euro für die Schleyerhalle. Das sollte als Schmankerl für noch zu findende Investoren dienen. Naja. Das fanden wir natürlich nicht so gut, Geld für irgendwelche Investor*innen bereitzustellen.
Dann im Februar auf einmal die Aussage: Es reichen nun doch 16.000 Plätze in der Schleyerhalle – so große Hallen entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist. Aha, jetzt also nur noch die zu niedrige Decke? Im Mai 2026 wurde klar – die Stadt will einen Investor suchen, mit dem sie die Schleyerhalle abreißen und neu bauen kann.
Und dann ging die Diskussion weiter: Am 3. Juli hat die Verwaltung im Ausschuss für Wohnen tatsächlich eine Vorlage eingebracht. Da wollten sie als Punkt 1 einen Grundsatzbeschluss zu Abriss und Neubau. Im 2. Punkt wollten sie sich eine Markterkundung beschließen lassen, damit sie sich auf die Suche nach Investoren machen können. Der Vorschlag war: Es wären ja 150 Millionen „Sowieso-Kosten“ für die Sanierung notwendig. Diese könnte man in eine gemeinsame Gesellschaft mit einem Investor geben. Der gibt nochmal 150 Millionen mit dazu und gemeinsam nimmt man dann einen Kredit von 200 Millionen auf, damit die Kosten für Abriss und Neubau von 500 Millionen finanziert sind.
Die Argumentation war: eine Sanierung kostet war sehr viel, bringt aber keinen wirklichen Mehrwert. Es braucht deswegen eine moderne Ersatzhalle, damit sich auch die Umsatzrentabilität steigert. Und weil die Stadt keine 500 Millionen hat, um das selbst zu machen, muss ein Investor her – als ob diese Public Private Partnerships je wirklich eine gute Entscheidung gewesen wären. Der Investor muss ja auch in diesem Fall sein Geld – also die 150 Millionen Euro – wieder hereinbekommen und dazu die 200 Millionen Kredit zurückzahlen. Und dann kommen noch die „notwendigen“ Gewinne dazu und die für den Kredit zu zahlenden Zinsen. Da müssen zukünftig große Umsatz gemacht werden, um das wieder hereinzubekommen. Heißt auch, die Ticketpreise werden ganz sicherlich saftig steigen. Und was dann noch für die Stadt übrigbleibt, steht irgendwo in den Sternen. Aber vermutlich wird sich ein Investor auf Kosten der Stadt ein goldenes Näschen verdienen.
Fun fact – es gibt auch keine 150 Millionen „Sowieso-Kosten“ die im Haushalt eingeplant sind. Bisher sind lediglich 45 Millionen drin. Klar ist, Stuttgart soll mitmachen bei dem Wettbewerb, um immer höher, besser, toller und was weiß ich nicht alles zu werden, was es im Kapitalismus halt alles so braucht, damit er auch schön weiter überlebt.
Bei der Vorstellung der Vorlage sind tatsächlich auch bei den anderen noch einige Fragen aufgetaucht. Also war klar, dass es eine nächste Runde geben wird. Vor allem sollte nochmal die CO2-Bilanz vorgestellt werden. Und wir wollten einen Antrag gegen den Abriss stellen.
Dann kam also der nächste Ausschuss für Wirtschaft und Wohnen, der gemeinsam mit dem Ausschuss für Stadtentwicklung am letzten Freitag stattfand. Am Donnerstag davor haben wir dazu noch einen Änderungsvorschlag der Verwaltung bekommen. Und jetzt stand da auf einmal nicht mehr der Abriss-Neubau drin, aber dafür ganz schön viel Geschwurbel, was uns als Kompromissvorschlag der Verwaltung präsentiert wurde.
Tja, und dann kam der Freitag. Die Linke hat Fuhrmann 1907 Unterschriften gegen den Abriss – Neubau überreicht. Das war wirklich eine großartige Leistung von allen Sammelnden. Hier nochmal ein großer Dank! Leider wurde das im Folgenden geflissentlich ignoriert. Aber die Verwaltung war groß da: OB Nopper, Fuhrmann und Pätzold!
Was allerdings wirklich lustig war, dass Pätzold über den Kompromissvorschlag überhaupt nicht informiert wurde. Und er hat das auch mal gleich dem gesamten Ausschuss kundgetan. Ein Schelm, wer dahinter Absicht vermutet.
Jedenfalls wurde dann aus dem „Punkt 1 Abriss“: „Zur Stärkung der internationalen Relevanz des Veranstaltungsstandortes Stuttgart beschließt der Gemeinderat anstelle der bisherigen Hanns-Martin-Schleyer-Halle die Schaffung einer zukunftsfähigen Veranstaltungshallen-Infrastruktur. Stuttgart soll damit im globalen Wettbewerb der Metropolregionen bei der Gewinnung von Großveranstaltungen bestehen können. Zudem soll der Wettbewerbsvorteil eines Verbund-Ensembles bestmöglich bewahrt bleiben.“
Und das ist schon ein ziemlich durchsichtiges Manöver. Jetzt steht da zwar nicht mehr Abriss, aber jeder weiß, dass da der Abriss mit enthalten ist. Aber alle können sich die Hände reinwaschen und sagen: wir haben ja keinem Abriss zugestimmt. Aber unserem Antrag, den Abriss rauszunehmen, hat dann nur die Puls-Fraktion zugestimmt. Die anderen nicht.
Und dazu gab es noch eine Machbarkeitsstudie im Angebot, bei der Themen wie Kreislaufwirtschaft und Nutzung Grauer Energie, Nutzung von Aquathermie, PV-Ausbau in der unmittelbaren Umgebung sowie ein Mobilitätskonzept und Neuordnung oder Optimierung des Parkierungsangebots einfließen sollen. Und leider haben dann bis auf die Puls Fraktion und uns alle zugestimmt.
Dabei gab es von Architects for Future nochmal eine sehr gute Stellungnahme: Wir haben eine globale Verantwortung auch in Stuttgart und sollten beim Bauen in der Klimakatastrophe anerkennen, dass es planetare Grenzen gibt! Es bedeutet anzuerkennen, dass die Stadt der Zukunft bereits heute gebaut ist und wir nur umbauen, sanieren und ergänzen. Und es heißt anzuerkennen, dass ein Abriss und Neubau der Schleyerhalle enorm CO2-intensiv ist. Rund 40% der deutschen CO2-Emissionen und ca. 90% des Ressourcenverbrauchs von mineralischen/nicht nachwachsenden Rohstoffen werden durch den Bau- und Immobiliensektor verursacht.
Wir können uns einen Abriss und Neubau der Schleyerhalle nicht leisten, wenn wir an dem Ziel Stuttgart 2035 klimaneutral festhalten wollen. Und genau das müssen wir tun. Jede eingesparte Tonne CO2 ist wichtig!
Wir werden weiter dafür kämpfen!
Oben bleiben!
* vorgetragen von Angelika Linckh






