Der Kampf um den Bahnhof – Panorama-Poem

Gedicht von Timo Brunke, Poet und Wortkünstler, auf der 822. Montagsdemo am 14.9.2026

Werte Besucherinnen und Besucher, hier im Stadtmuseum,
Wir stehen jetzt im „Panorama-Raum“.
Sie sehn das Wandgemälde. Nun, es geht um
Den Bahnhofskampf. Es lohnt sich, drauf zu schaun.
Ja, legen Sie den Kopf tief in den Nacken,
Denn dieses Riesenfresko, es ist reich.
Ich höre Ihre Halswirbel schon knacken –
Was drauf zu sehen ist, erklär’ ich gleich:

Festgemauert in die Höhe
Ragt, Sie sehn’s, der Bahnhofsturm.
Links davon, mit Krach und Wehe –
Seht, die Bürgerschaft läuft Sturm! –
Reißt ein Bagger tiefe Wunden
In die Bahnhofs-Nordwand ein,
Und die Bürger stehn geschunden,
Alles will nur rufen, schrei’n!
Links daneben – Demonstranten
Halten noch den Bau besetzt,
Schwingen Fahnen von der Kante,
Und die Menge steht ergötzt,
Transparente, Trillerpfeifen,
Winken, trällern ihnen zu,
Bahn und Polizei begreifen:
Rockenbauch, das war dein Coup!

Und während hier die einen klettern üben,
Vertrauen andre dem geschwungnen Wort
Man hört den Rednern an, wie sehr sie lieben,
Von was sie sprechen, denn in einem fort
Erschallt der Beifall, sei’s für die Expertin,
Die für den guten Städtebau entbrennt,
Sei’s für den Liedermacher – hört ihn, hört ihn,
Der Lug und Trug der Mächtigen benennt.
Und wenn Sie Ihren Kopf ein wenig drehen,
Halt, nicht so weit, ein kleines Stück zurück,
Da können Sie die Volksbetrüger sehen,
Nur rätselhaft verpackt. – Ein alter Trick:
Die Maler aller Zeiten, sie benutzten
Ihn, um der Falschheit Wesen aufzuzeigen,
Es aus dem Hinterhalt hervorzuputzen –
Machen wir uns des Malers Sicht zu eigen:
Wir sehn ein Ungetüm mit vielen Köpfen
Doch keinen Kopf: dies Tier ist ein Polyp.
Versuche, diese Hydra stracks zu schröpfen –
Gleich wächst ein neues Haupt, bereit zum Krieg.

Dies Monster heißt „Der Grinser“. Allegorisch
Ist dieser Name, und er ist „Programm“.
Es grinst – und streckt die Hand dabei notorisch
Nach Stuttgarts Baugrund aus, mit Krallendrang.
Nur manchmal hält die Hand es vor die Zähne,
Um gut verhohlen falsch mit sich zu tuscheln.
Dann streckt die Hand sich neu, zeigt falsche Pläne,
Und grinst und will mit Stuttgarts Bürgern kuscheln.
Zu kuscheln wäre möglich, denn aus Filz
Besteht das Untier, und in allen Teilen.
Es lagert sich am untern Rand des Bilds
Auf einer Liege, um sich aufzugeilen,
Verkehrt herum, so dass es „voll falsch liegt“.
So sitzt es, lügt und hält in weit’ren Klauen
Solch einen Bohrerphallus, damit piekt
Der Grinser in die Erde, um zu „bauen“.

Ein Grab ist das, was du da siehst, Betrachter,
Ein Betonsarg an Paragraphenketten,
Sonst würd’ er fortgespült wie’n lecker Frachter,
Doch ist die Grube baulich nicht zu retten:
Der Leiter des Desasters flieht, Herr Azer,
Dort unten rechts – doch quillt schon auf der Gips.
Im Grabbeton, da wird es nass und nasser,
Es rauscht im Anhydrit, ein Höllenschwips!
Derweil schießt mittels rostig blauer Rohre
Das Wasser in den Park, hier rechts im Bild.
Und schwarz gepanzert über beide Ohren
Füllt Polizei die Wasserwerfer. Gilt
Hier Notwendigkeit für Schlachtgemälde?
Ja, der Maler hat sich so entschieden,
Malt den Bürgerkrieg mit aller Kälte
Wirbt mit rohen Szenen für den Frieden:
Schüler, in den Würgegriff genommen,
Schirme, von dem Wasserstrahl zerfetzt!
Hominiden, scheint’s, sind hier gekommen,
Beugen jeden, der sich widersetzt.
Blut mischt in den Augen sich mit Tränen,
Wer kann dieses Handgemenge wollen?
Man beginnt sich, für den Staat zu schämen,
Dem sie auf der Welt sonst Beifall zollen!

Und doch: die Kunst, ihr kann’s zum Glück gelingen,
Sie schließt um diesen Wahnsinn einen Reif.
Und zwar taugt ihr ein Sitzungstisch als Schlinge,
Die diese Schlacht rein räumlich schon umgreift:
Hier hat der Künstler fleißig portraitiert;
Es siegen rings im Ring der Argumente
Da Boris Palmer, der die Bahn skalpiert
Und spricht: „Der schöne Schwan ist eine kranke Ente!“
Da sprechen Stocker, Hopfenzitz, Dahlbender und Conradi,
Und Bodack punktet, weil er rechnen kann.
Die Bahn, gezerrt wie Diebe vor den Kadi,
Sie grinst – ihr geht’s ans Eingemachte dran.

Doch Heiner Geißlers purgatorio
Liegt – wie das ganze Werk – in Malers Hand:
Die Schlichtungsrunde wird verortet wo?
In Walter Sittlers Baum des Widerstands!
In dessen Krone auch der Stresstest-Showdown,
Mit Puttes Bollerwagen im Geäst!
Das Flügel-Fernsehn, digital, will zuschau’n,
Ein Robin Woodler hält den Wagen fest.

Nun rutsche unser Blick den Stamm hinunter,
Um dort die Demonstranten zu beschauen:
Das Volk in Stuttgart: laut und bunt und munter,
Auf dieses „Wahrheitspack“ kann Stuttgart bauen:

Dort auf der Bühne –
Der Bürgerchor,
präzis-ungestüm grolln
Worte ins Ohr,
Im knallroten Anzug
Steht Volker Lösch,
Wird scharf wie ein Bannfluch
Die Wahrheit gezischt!
Was bedeutet die Uhr
Im Gemenge sogleich?
Potz alle sieben –
S’ist Schwabenstreich!
Es klöppelt und huit
Es schwirret und pfeift,
Es gellet und schellt,
Sirent und tönt –
Ein orphischer Lärm
Unterm Daimlerstern!

Da wird probehalber
Polizei imitiert:
Ein Baum liegt in Ketten,
Mit Beschützern verziert,
Mit Plüschbärn, Girlanden,
„Viel Baum – viel Freund“,
Und wenn spät am Abend
Der Mond in den Park scheint,
So grüßt ihn von dort
Ein Kerzenheer,
Verwandelt der Ort
In ein Lichtermeer,
Da trommeln im Gehschritt
Die Trommler vorüber –
Die Lokomotive
Stuttgart, komm, geh mit!
Und hör nur: Charisius
Greift in die Saiten
Der Kora, er spielt sie
für vielseitige Zeiten.

Was hör ich Partisanenklang,
Urwüchsig wie eh und je?
Die Compagnia Sackbahnhof!
Musik, du gute Fee,
In noch so mancher Glücksgestalt
Begleitest du den Zug,
Der tausendfachen Schrittes hallt
In schrägem, schönem Flug!
Dort auf zwei Stelzen gibt er Halt,
Ein treuer Demokrant.
Wie oft hob er beschwichtigend
In Zorn und Wut die Hand,
Wer schwingt da gleich beim Rednerpult
Die Fahne in hellem Grün?
Sein Vollbart rauscht – der Mann ist Kult,
Timo heißt er, auch ich kenn’ ihn!
Wie überhaupt mit tausend Wimpeln
Die Szenerie bebildert ist,
Mit Konterfeis erlauchter Gimpel
Die man mit spöttischen Sprüchen disst:

Schau, den da mit den Lauscherohren,
Nein, selbst ein Spitzel fehlt hier nicht,
Vom großen Grinser auserkoren –
Hier zu verlieren sein Gesicht.
Doch Luftballons und Transparente
Versperren ihm den scheelen Blick.
Mopst er auch Digicams – am Ende
Fehlt ihm zum Sieg der wahre Trick:
Wie Peter Grohmann und die andern
Mit Bauchladen und Menschenslust
Menschwerberisch umherzuwandern,
Mit vierzig Buttons auf der Brust.

Da du dies alles siehst, dies tolle Treiben –
Frag dich, was dieser weiße Fleck bedeutet,
Der wie ein zweiter Mond als bleiche Scheibe
Unter Platanen irrlichtert und leuchtet.
Hier hat der Maler um Pardon gebeten,
Dass er nicht alle abzubilden schaffte,
Nicht malte die, die eher leiser treten
Doch ohne die schmerzliche Lücken klafften.

Wenn sie nicht wär’n, die Ordner und Verwalter,
Handpacker, Technik, Organisatoren,
Der Bahnhofskampf hätt’ nie erreicht das Alter,
Museumsreif zu werde, er hätt’ verloren.
Den Fleck mög’ jeder Demokrant ergründen,
Und seinen Widerstand drin wiederfinden.

Findig, wie unser Maler nun mal war,
Verwendete er diesen weißen Klecks,
Um schließlich zukunftshell und sonnenklar
Den Sieg der Bürger jenseits dieses Flecks
Zu zeigen wie auf einem Karneval:
Ja, Stuttgarts neues Bürgerfest erkennen
Wir hier, mit Umzugsfahnen, Maskenball,
Sehn Juchtenkäferhäs-Paraden rennen
Sehn Wasserwerfer – doch als Narrenfahrzeug,
Sehn Mappus-Schnappus-Echsen aus Kleisterpapp’,
Sehn einen heliumgefüllten Bahnsteig
Und auch ein Schmiergeld- und Amigograb.

Und dieser lange Festzug strebt nach hinten,
Nach oben-hinten in dem Rundgemälde,
Um in den Bahnhofssüdflügel zu münden,
Um zwischen Gleisgebirg und ungefällten
Platanen lustzuwandeln auf Terrassen,
Von Parklokalen angenehm bevölkert,
Um sich entlang der Gleise falln zu lassen,
In einer Stadt, die mit sich selber flirtet.
Da laufen Bouquinisten um die Tische,
Verkaufen Buttons, Flyer und Reliquien
Aus Bahnhofkampfes Zeiten – „fette Fische“
Für alle Fremden, die die Stadt besichtigen.

Doch, was dort oben, über allen Köpfen glänzt
Und blitzt? – Des Gleisgebirges Gletscher!
He, Grinser Filzpelz, links im Bild, du brennst,
Und aus dem Zähneblecken wird ein Fletschen;
Denn von des Bahnhofs Sonnenströmezellen,
Die überm Bahnhofsdach sich blendend drehen,
Schießt eine Zelle Blitzesonnenwellen
Von oben auf das Untier – kannst du’s sehen?
Der Sonnenstrahl – das sind die Argumente,
Die brennen sich der Falschheit in den Pelz.
Wer schickt solch’ Argumente-Sonnenbrände?
(Mir als Museumsführer, mir gefällt’s!) –
Es ist die neue Schutzpatronin Stuttgarts,
Die Göttin „Frau Argumentatia“!
Die nie mit Klugheit dort aus ihrem Mund spart!
Ja, die Figur, dort, ganz dort oben – ja!

Mit ihr schließt die Betrachtung des Panoramas.
Ich hoffe sehr, Sie hatten was davon.
Und warn Sie auch nicht Teil des Bahnhofdramas
Sehn Sie im Eck links oben den Balkon?
Dort hat der Maler genau Dich verortet. –
Ist das nicht witzig? Hättest Du’s gedacht?
Dich einzumischen hat er Dir verordnet:
Beim nächsten Mal bist Du dabei, das wäre ja gelacht!

Verfasst im September 2012 – für die Zukunft der Bewegung

Gedicht von Timo Brunke als pdf-Datei

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