Schluss mit dem sinnlosen Konzept von Stuttgart 21. Stuttgart 31 mit dem Kopfbahnhof als attraktiver Knoten im Deutschlandtakt!

Rede von Claus Weselsky, ehemaliger Bundesvorsitzender und jetzt Ehrenvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), auf der 823. Montagsdemo am 21.9.2026

Lieber Tom, vielen Dank für die einleitenden Worte. Ich weiß, dass auch du auf unseren Demonstrationen hier in Stuttgart gewesen bist, und ich habe an der Stelle auch Danke zu sagen all denjenigen, die in der Vergangenheit mit uns, mit unseren Arbeitskämpfen, Solidarität bewiesen haben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, Mitstreiterinnen und Mitstreiter und überzeugte Kämpfer für ein Eisenbahnsystem, das nicht nur sinnvoll ist, sondern zukunftsorientiert,

Tom hat mich im Vorfeld gefragt, was ich für eine Überschrift für meine Ansprache sehe. Meine Überschrift lautete: „Schluss mit dem sinnlosen Konzept von S21. S31mit dem Kopfbahnhof als attraktiver Knoten im Deutschlandtakt.“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist eben ein großer Unterschied, ob man gegen etwas ist oder für etwas streitet. Und deshalb freue ich mich sehr, dass die vielen Jahre Eures Kampfes gegen diesen Tunnelbahnhof mittlerweile nicht nur angedauert haben und durchgehalten wurden, sondern dass Ihr euch auch dem neuen Konzept gewidmet und zugewandt habt: jetzt dafür zu sein, dieses unabänderliche Tunnelprojekt als gegeben zu nehmen – auch wenn es weh tut und viele Milliarden verschlungen hat und noch verschlingen wird –, aber als Grundlage zu nehmen und jetzt für den Erhalt der Gleise im Kopfbahnhof Sorge zu tragen. Weil nur das in Verbindung, nämlich oben und unten oder anders: unten und oben, tatsächlich ein attraktiver Eisenbahnstandort werden kann.

Ohne Kopfbahnhof wird Stuttgart 21 niemals im Deutschlandtakt ein Null-Knoten werden. Eine Landeshauptstadt, die abgekoppelt ist vom Deutschlandtakt – ich kann mir das nicht vorstellen. Und deswegen geht mein Appell auch an die Verantwortlichen, sich darum zu kümmern und Fehlentscheidungen aus der Vergangenheit auch zuzugeben.

Fehler, die man macht, sollte man nicht vertuschen, sondern sollte sie offen und ehrlich zugeben, dann erhält man auch Verständnis. Das ist das, was wir in der Bundespolitik und auch in vielen Landespolitiken eben wahrnehmen. Die Arroganz der Macht und das Nicht-Zugeben von Fehlentscheidungen ist etwas, was diese Entwicklung hier in Stuttgart die ganzen Jahre befördert hat.

Ich will noch mal neu starten und sage: Der da oben hat schon verstanden. Die heutige Montagsdemo im Sonnenschein – was will man mehr? Ein gutes Zeichen. Die da oben, sowohl in Ihrem Land als auch in Berlin und im Bahn-Tower, haben bis einschließlich heute immer noch nicht verstanden, was die Stunde geschlagen hat!

Und es bedarf harten Vorgehens und solch stolzer und auch standhafter Menschen wie mein Freund Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe, der sich nicht scheut, im Klageweg gegen Irrsinn vorzugehen und Umweltziele in unserem Land auch weiterhin zukünftig zu erhalten beziehungsweise zu erreichen. Und deswegen, meine Damen und Herren, stehe ich heute hier.

Sie wissen, dass ich als GDL-Vorsitzender zum Thema S21 irgendwann gesagt habe: Wir nehmen die Gewerkschaft jetzt raus, weil wir nichts mehr tun können. Es war mein Nachfolger Mario Reiß, der als Einziger im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG bei den Entscheidungen zu S21 dagegen gestimmt hat.

Es war nie das Ziel der Regierenden und auch das Ziel des Bahnvorstandes, zuzugeben, was alles falsch gelaufen ist. Auch an der Stelle bedarf es mutiger Menschen, die diese Vertuschung aufdecken und angehen.

Ich bin stolz, dass solche Menschen auch zu meinem Freundeskreis gehören. Und ich darf an der Stelle klar und deutlich sagen: Jetzt als Bundesehrenvorsitzender unserer GDL kann ich natürlich mehr Zeit aufbringen und kann mich auch der Sache widmen, die wir gemeinsam versuchen zu erreichen: Ein Stuttgart 31, das den Kopfbahnhof mit dem Tiefbahnhof verbindet und – ähnlich wie das Modell in Zürich – einen tatsächlichen Eisenbahnknoten bekommt, der die Zukunft des Eisenbahnsystems beinhaltet. Und kein wahnsinniges Umsteigen in Regionalverkehrsverbindungen, kein Kappen der Gäubahn. Das ist nicht das Ziel, weil es die Verkehrssituation für alle Beteiligten verschlechtert über einen Zeitraum, der bis einschließlich heute nicht definiert ist, der unüberschaubar ist.

Und wenn wir von S21 jetzt zu S31 umsteigen, dann wage ich nicht darüber nachzudenken, wie ein Pfaffensteigtunnel an der Stelle jemals das Verkehrskonzept bereichern soll. Wir sollten diesen Wahnsinn nicht begleiten, sondern ihn verhindern und den Kopfbahnhof erhalten.

Es ist an der Zeit, Ausdauer, Überzeugung, Mut, Standhaftigkeit und Sachverstand anzuerkennen! Es ist an der Zeit, die Flickschusterei im gesamten Knoten Stuttgart endlich zu beenden!

Die Zukunft der Eisenbahn im Ländle darf nicht an den Kunden vorbei ausgerichtet werden, sondern sie muss immer im Sinne derjenigen sein, die dieses Verkehrsmittel nutzen und damit die Umwelt tatsächlich schonen.

Es ist an der Zeit, dass nicht die DB entscheidet, was hier im Stuttgarter Knoten passiert, sondern die aktuelle Landesregierung, allen voran ihr Ministerpräsident. Cem Özdemir ist lange Verkehrspolitiker gewesen, hat falsche Entscheidungen gekannt und hat sie nicht korrigiert. Jetzt ist er an der Macht und könnte dafür sorgen, dass auch die Landesregierung sich dem Thema widmet und falsche Entscheidungen der Vergangenheit korrigiert und nicht dabei beteiligt ist, Milliarden an Steuergeldern hier in sinnlosen Projekten zu vergeuden.

Es ist an der Zeit, dass das Bundesministerium für Verkehr die Kontrolle und die Entscheidung darüber übernimmt, wann, wo und wieviel Steuergelder in die Eisenbahninfrastruktur fließen.

Und wenn das Projekt, was hier als der sogenannte Digitale Knoten bezeichnet wird, überprüft wird, dann sehen wir, dass es alles nur Flickschusterei ist, um zu verheimlichen und zu verhindern, dass alle Welt erfährt: Im Deutschlandtakt spielt Stuttgart 21 keine Rolle. Deswegen: Stuttgart 31 mit Kopfbahnhof!

Es hat mich auch besonders gefreut, dass diese Bewegung in der Lage war, den Tiefbahnhof als Fakt zu akzeptieren und darüber hinaus in die Zukunft zu schauen.

Und ich hoffe – und es ist an der Zeit – dass wir hoffentlich 2031 mit diesem Tiefbahnhof fertig sind, der in Verbindung mit den Gleisen des Kopfbahnhofes steht, und wir dann tatsächlich Eisenbahnverkehr in einem Knoten durchführen, der auch später im Deutschlandtakt eingebunden werden kann. Der Tiefbahnhof ist zu klein, um als Knotenpunkt wirksam zu werden. Das haben die Fachleute schon damals gesehen und gewusst. Und jetzt, meine Lieben, jetzt trauen sie sich auch, das zu sagen.

Und ich will an der Stelle niemanden in Schutz nehmen. Auch bei mir gilt: Als Ehrenvorsitzender und als Teilzeitrentner kann ich anders und klarer sprechen, als ich das als Bundesvorsitzender einer Gewerkschaft tun konnte. Und deshalb war es mir eine Freude, mich heute hier nach Stuttgart zu bewegen.

Ich will an der Stelle auch mal etwas Gutes sagen. Ich war exakt, wie im Fahrplan verankert, um 15:11 Uhr in der Einfahrt zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Ehre, wem Ehre gebührt: Der Lokführer hat die zwölf Minuten Verspätung, die wir unterwegs hatten, rausgefahren und ist auf die Minute pünktlich hier gewesen.

Es ist also an der Zeit, die Kapazität des Kopfbahnhofs zu bemessen. Und ich bin sehr dankbar – Jürgen Resch hat das vergangenen Montag auf der großen Veranstaltung am 14.9.26, auf dem Fest kundgetan: Er vergibt einen Studienauftrag, der die Kapazität des Tiefbahnhofs und die Kapazität des Kopfbahnhofs miteinander ins Verhältnis setzt und dann daraus ableitet, was wir tatsächlich brauchen, um hier vernünftigen Eisenbahnverkehr zu machen. Ich bin auch hier dankbar, dass Geld in die Hand genommen wird von der Deutschen Umwelthilfe, um dieses Gutachten zu erstellen. Hilfe von Seiten der DB-Infrastruktur werden wir wahrscheinlich dafür nicht erhalten. Aber es gibt genügend Fachleute, die sich im Eisenbahnsegment gut auskennen und die mit Herz und Verstand dabei sind.

S31 muss die Mobilität und die Umwelt vereinigen, nicht konterkarieren. Meine sehr verehrten Damen und Herren, unten und oben ist das Ziel für eine bessere Eisenbahn hier in diesem Bereich.

Und diejenigen, die sich mit dem Betriebskonzept des Tiefbahnhofs befasst haben – und das haben wir Lokomotivführer auch getan –, die wissen heute schon, dass vieles von dem, was als Faktum in die Welt gesetzt wurde, als unglaubliche Beschleunigung, als Zeitgewinn, der auf der Eisenbahnstrecke erwirtschaftet wird, dass vieles davon nicht eintreten wird. Das Betriebskonzept als solches ist noch lange nicht ohne Widerspruch.

Und die Schwierigkeiten, in einem derartigen Gefälle Eisenbahnverkehr sicher zu gestalten, werden auch nicht mit einer Digitalisierung oder mit ETCS gelöst. Im Gegenteil: Derzeit ist ETCS noch gar nicht tauglich, im Bahnhof exakt an der Stelle zum Stehen zu kommen, wo man zu halten hat.

Von daher setzen wir bitte auf menschlichen Verstand, auf menschliche Intelligenz und nicht auf künstliche, die am Ende des Tages nur existieren kann, solange menschliche Intelligenz vorhanden ist.

Ich bitte deshalb alle Initiativen, sich auf das neue Ziel zu konzentrieren: S21 wird zu S31 – nicht durchgestrichen. Weil wir nicht gegen S31 sind, wenn es den Kopfbahnhof mit beinhaltet – von unten nach oben, oben und unten gemeinsam. Das sollte die Zielsetzung sein.

Und wenn wir dann gemeinsam dafür weiterkämpfen, dass wir die Entscheider auffordern, endlich ehrlich zu sein, Fehler der Vergangenheit zuzugeben, den Mut zu haben, aus Fehlern zu lernen, falsche Entscheidungen zu korrigieren und das Beste aus S21 mit S31 zu machen, dann sind wir erst am Ziel.

Bis dahin, sage ich offen und ehrlich, ist es wahrscheinlich immer noch ein langer Weg. Wir sehen die Arroganz der Macht, die oftmals durch wirkliche Ignoranz den Willen der Menschen einfach nicht akzeptiert und Dinge tut, die mit unserem Geld sinnlos Milliarden verschleudern. Es sind Steuergelder, meine Damen und Herren, die hier verbuddelt werden. Es ist nicht das Geld derjenigen, die solche Entscheidungen treffen.

Und deswegen tut mir oftmals das Herz weh, wenn ich Fehlentscheidungen im Eisenbahnsystem sehe, sie anspreche und dann trotzdem hinnehmen muss, dass einfach weitermarschiert wird, als wäre nichts gewesen. Das ist ein Vorgehen, warum die Menschen in diesem Land nicht mehr die angeblichen Demokraten wählen, die nichts anderes im Kopf haben, als Menschenwillen, Wählerwillen zu ignorieren.

Von daher eine klare Botschaft.

Und weil diese Bewegung über Jahrzehnte eigentlich nur auf der Basis von Solidarisierung lebt, erlaube ich mir heute hier eine Minute für Solidarität zu verwenden und mich bei denjenigen zu bedanken, die in der Saarbahn GmbH – 100 tapfere Lokomotivführer – seit Monaten ihr Recht auf einen eigenen Tarifvertrag erkämpfen. Ich bitte die Bewegung, Solidarität zu zeigen und zu verstehen, dass sich ehrenwerte Lokomotivführer nicht ausbooten lassen. Ich war hier auf diesem Platz und habe mit unseren Streiks für Verständnis und für Akzeptanz gekämpft, und ich bitte einfach um Solidarität für die Saarbahner. Ein wildgewordener Geschäftsführer verschwendet Millionen an Steuergeldern, und die Politik – SPD-geführt – und auch die Kommunalpolitik schauen zu beziehungsweise schauen weg. Das muss auch ein Ende haben. So wie die Fehlentwicklung hier in Stuttgart.

Und an der Stelle, meine sehr verehrten Damen und Herren, läuft mein Timer ab. Ich habe 15 Minuten bekommen von Tom. Ich habe 15:30 verwendet.

Ich darf mich recht herzlich bei Ihnen bedanken für Ihre Standhaftigkeit, dass Sie mir zugehört haben und vor allen Dingen, dass Sie in die Zukunft hinein für einen Kopfbahnhof, verbunden mit einem Tiefbahnhof hier in Stuttgart, kämpfen.

Recht herzlichen Dank!

Rede von Claus Weselsky als pdf-Datei

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.