Seid realistisch – verlangt das Unmögliche

Rede von Peter Grohmann, Kabarettist, Autor und Publizist, auf der 829. Montagsdemo am 2.11.2026

Ein herzliches Hallo Euch und Ihnen allen! Willkommen, Ihr Obenbleiber und Streiterinnen gegen die Tunnels von Dummheit und Ignoranz, willkommen, ihr BürgerInnen, die aufstehn für Demokratie und eine bessere Stadt. An morgen denken, an gestern erinnern!

Morgen – da ist der 9. November 2026 gemeint, der nächste Montag. Das ist ein herausragender und durchwachsener Erinnerungstag unserer deutschen Geschichte, ein Erinnerungstag an Menschen und Ereignisse.

Die Geschichte hatte hier in Stuttgart wie dort, also anderswo, auch ihre Orte, ihre Namen. Manche sind vergessen, verschwunden im Nebel der Geschichte, auch der Nebelwerfer gestern und heute. Manchmal sind die Orte vom Erdboden verschwunden, manchmal sind sie Pilgerorte, Orte, an denen die braunen Säcke von gestern eine Maß Bier trinken und die Dummjodler von heute ein Tässchen Tee, mein Kampf im Hirn und Adolf Hitler auf dem Schoße.

Pommernland ist abgebrannt – wie Hitlers Teehaus auf dem Obersalzberg, Berchtesgaden unter sich und Auschwitz auf dem Buckel. Andere Orte wieder werden zu Fund- und Erinnerungsorten, etwa die Gestapo-Zentrale, allerseits gern als Hotel Silber wortgerecht schöngeredet.

Peitschenhiebe zum Frühstück,
Folter zum Mittagessen,
Stehempfang bei der Gestapo zum Abendbrot.

Natürlich, wer könnte es den Altvorderen verdenken: Man hätte so gern nach dem verlorenen Krieg, der mehr Niederlage als Befreiung war, in der Dorotheenstraße 10 z.B. lieber ein Hotel aufgebaut als einen Gedenk- und Lernort. Ein Hotel wie vorvorgestern, wie Anno Dunnemal, als der Herr König mit anderen Dackeln durch die Stadt spazierte. Es fehlt ja bis heute an führenden Hotels und Führern.

Was das Erinnern angeht: Die antisemitische Mehrheit in Stuttgart hatte ja – wie kaum bekannt – viele Jahre lang verschwiegen, dass Wilhelm Bräuninger, Alfred Däuble, Hermann Medinger und Eduard Weinzierl unter Lebensgefahr und nur mit einem Beilhieb dem Liebling des deutschen Volkes bei seiner Rundfunkrede im März 1933 das Wort entziehen konnten. Kommunisten, die die Demokratie retten wollten, während die berühmte Mehrheitsgesellschaft den Kopf einzog und die Schnauze hielt.

Gewalt geschrien! Wer macht denn so etwas?

Dummheit ist ein Virus, da gibt es auch 2026 keine Impfung. Ach, Grohmann: Manche Menschen sind eben vom Starrsinn befallen, der kann natürlicherweise alle Klassen, alle Völker befallen. Das Virus von oben, von unten, von rechts – es macht auch vor der Polizei nicht halt und nicht vor den Medien, die eine Maske tragen. 100 Millionen Viren lauern, viele im Untergrund, einige in Neukölln, andere in Neugereut oder Sonnenberg. Einige Viren hat der Mensch schon besiegt, damals, gegen die Wasserwerfer der Obrigkeit.

Konstantin Karras, ein Stuttgarter Wissenschaftler aus Griechenland, behauptet: Künstliche Intelligenz gibt es nicht. Menschliche Dummheit hingegen schon. Und er weiß: Um uns herum und in unserem Innerstes gibt’s 100 Mio. verschiedene Viren-Typen. Die werden Mensch und Natur beschäftigen, ja sogar zwingen, uns zu verändern und anzupassen. Bleibt die Frage, was der Mensch mit seiner hohen Intelligenz machen wird. Wird er vielleicht die Natur und sich selbst zerstören? Oder die Natur und sich selbst retten? Und was ist in Stuttgart nicht zu retten?

Fragen über Fragen also auch vor dem Volkstrauertag. Trauern wir über das verlorene Vertrauen? Trauern wir über den Schlossgarten und die vielen hundert Bäume, viele hundert Jahr alt? Trauern wir über die mangelnde Volksbildung eins – zwei – gsuffa!? Trauern wir über die Medien mit Dünnpfiff, mit Durchfall, Medien, die den traurigen Wahrheiten hinterher hinken, jedoch jeden Bratwurst-stand bejubeln, aber abtauchen, tief, tiefer, wenn es um die Nahversorgung in den Stadtteilen geht, um die Fettlebe, Wohlstandsmüll, schlechte Luft oder Vertreibung der kleinen Händler vor Ort? Friss, Vogel, oder stirb! Um einen gefangenen, wilden Vogel gefügig zu machen, gibt man an ihm nur eine bestimmte Art von Futter, das er annehmen muss. Andernfalls drohte ihm der Verhungern, das Verenden.

Trump, Putin, der Rotchinese und die Viren werden uns zwingen, unser Leben, unseren Ernährungsstil zu ändern. Übergewicht schwächt das Immunsystem. Gut für das Virus, schlecht für den Wirt. Wir müssen uns anpassen. Weniger essen, mehr Bewegung, vor allem auf den Straßen, mehr Demos, mehr Denken. Und nebenbei mit den Lebensmitteln vernünftig umgehen. Denn es gibt ja auch Menschen mit Untergewicht. Weil sie zu wenig zum Essen haben.

Auch wieder so ein Thema, das die Befürworter von Glyphosat, Tunnelröhren, S21, Haushaltslöchern und Waffenexporten kaum interessiert. Nein, keine Polemik, es sind Tatsachenbehauptungen – anders als die, dass die USA noch eine Demokratie ist. Wir freuen uns jedenfalls, von hier und heute nach Belgrad zu grüßen, unsere Freunde auf dem Platz das Himmlischen Friedens zu beglückwünschen: Ihnen ist es trotz Polizeigewalt und manipulierten Medien gelungen, eine korrupte Regierung aus dem Amt zu jagen. Weiter so, Serbien, weiter so, Europa, weiter so, Welt. In Belgrad haben übrigens keine Läden gebrannt – komisch. In Belgrad gab es auch keine Straßenkämpfe – komisch. In Belgrad gab es nicht einmal Vermummte, keinen schwarzen Block – komisch. Zu Stuttgart am Wochenende sage ich jetzt aus Trotz gar nichts, sonst gibt's was aufs Maul, Grohmann, hörte ich.

Oder halt, doch, nur so viel: Wir haben ja das seltsame Talent zur reinen Wahrheit. Die Tragik ist nur, dass es bei drei Leuten, die am Tisch sitzen, drei Wahrheiten gibt: Die eine Wahrheit ist die ganze Wahrheit, die andere Wahrheit ist die reine Wahrheit, und die dritte Wahrheit ist die nackte Wahrheit, siehe Kosten 21. Wir Gegner ungewollter Großprojekte haben ja bereits vor mehr als 12 Jahren der Öffentlichkeit eine Kostenanalyse vorgelegt: „...Auf dieser Basis ergeben sich 2014 bei einer Fertigstellung bis 2022 bahnverkehrliche Kosten von mind. ca. € 11,77 Mrd., bei einer Fertigstellung bis 2025 rd. 15,55 Mrd.“ Was schon 1994 jeder wusste, der es wissen wollte, das Projekt S21 war immer auch unter Kosten- und Finanzierungs-Gesichtspunkten ein unseriöses Projekt.

Nun kämpfen wir ja unseren Kampf um die bessere Stadt und die bessere Bahn mit Leuten, denen solche Argumente allesamt am Arsch vorbeigehen. Halbe Wahrheit oder ganze Lüge, es kommt alles aufs gleiche raus, Augen zu und durch: Wenn man reinfährt, wird’s dunkel, wenn man rausfährt, wird’s hell.

Aber blicken wir doch auch mal auf uns selbst, wo es genügend demokratische Besserwisser gibt, die sich um jeden Furz verstreiten, die sich auseinander dividieren lassen und letztlich im Kampf um Recht und Wahrheit den Kürzeren ziehen. Umso mehr freuen wir uns über Erfolge wie in Belgrad. Daher grüße ich mit Euch die Jungen und die Alten in Serbien, die bei allen Unterschiedlichkeiten –Herkunft, Alter, große Ohren, Plattfüße, Geld und Glauben, soziale Schieflagen – zusammen halten und ein korruptes Regime zu Fall bringen.

In Serbien hat der breite, über fast zwei Jahre getragene Widerstand – angeführt von der couragierten studentischen Jugend, aber getragen von Menschen aller Generationen und Schichten – das langjährige, korrupte Regime von Aleksandar Vučić sprichwörtlich in die Knie gezwungen. Zum Teufel damit! Die Menschen in Belgrad haben eben nicht zugelassen, dass ihre Unterschiedlichkeiten in Glauben, Alter oder sozialer Lage sie spalten. Sie haben verstanden, dass die Wahrheit ihres Protests in der geschlossenen Front gegen die Korruption und für Menschenrechte und Demokratie liegt. Wenn die Demokraten die Reihen schließen, stürzen auch die korruptesten Regime! Belgrad ist weiß Gott nicht der Nabel der Welt. Aber was die Leute, die Jungen vorn dran, in Serbien gerade nach zwei Jahren unermüdlichen Protests geschafft haben, ist ein Lehrstück für uns alle.

Also – Beifall her: Von der Stuttgarter Montagsdemo senden wir solidarische Grüße an die Alten und die Jungen in Belgrad! Ihr habt bewiesen – es geht! Ihr habt das Machtgefüge von Zar Aleksandar Vučić aus den Angeln gehoben. Dann spannen wir doch den Bogen zu den großen Bewegungen, die überall gegen Rechtlosigkeit, Sozialabbau, gegen Nationalismus und Rassismus und für Solidarität und ein besseres Leben auf die Straße gehen: „Arsch hoch“ und Zähne auseinander, sagen die Kölner und fordern (mehr) Zivilcourage.

In Stuttgart gibt es für vieles einen Preis: fürs Parken, fürs Wohnen, fürs Warten auf die Bahn. Am 6. Dezember gibt es im Theaterhaus einen fürs Nichtwegsehen. Anna Ohnweiler erhält den Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter. Ihr Engagement zeigt: Ruhestand ist keine demokratische Pflicht. Man hatte sich das Alter vielleicht anders vorgestellt. Ein bisschen Garten, Kreuzfahrt, gelegentlich über die Jugend schimpfen. Nun stehen diese Frauen auf der Straße und verderben den Menschenfeinden die Aussicht auf ungestörte Machtergreifungs-Fantasien. Unerhört!

Da hat man jahrzehntelang Ordnung verlangt, und plötzlich bestehen die Omas auf der demokratischen. Ohnweiler gründete am 27. Januar 2018 in Nagold die erste Gruppe der Initiative, am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Das Datum ist keine Dekoration, es ist eine Arbeitsanweisung: Erinnern heißt wider-sprechen, solange Widerspruch noch keine Mutprobe mit ungewissem Ausgang ist. Die bequemste Form der Vergangenheitsbewältigung bleibt die Kranzniederlegung. Der Kranz liegt, das Gewissen sitzt, anschließend gibt es Häppchen. Schwieriger wird es, wenn die Vergangenheit nicht liegen bleibt, sondern frisiert zur Wahl antritt. Dann braucht es Menschen, die aufstehen, auch wenn das Knie knackt. Den Frieden verwechseln manche mit Ruhe. Ruhe im Saal, Ruhe im Land, Ruhe vor denen, die immer von Menschenrechten anfangen. Aber Friedhofsruhe ist noch keine Friedenspolitik. Wer Menschen einschüchtert, ausgrenzt oder ihre Würde zur Verhandlungsmasse erklärt, stört den Frieden auch ohne Kriegserklärung. Und wer dagegen demonstriert, ist nicht das Problem, sondern ein Teil der Antwort. Dass zugleich das Projekt „Käthe Kollwitz heute“ den Jugendpreis erhält, passt.

Demokratie ist kein Erbstück, das man staubfrei hinter Glas verwahrt. Sie muss von jeder Generation benutzt werden. Möglichst gemeinsam, bevor jemand auf die Idee kommt, sie wegen angeblicher Gebrauchsspuren abzuschaffen. Am Nikolaustag also Friedensgala. Anderswo werden Stiefel gefüllt, hier wird Haltung ausgezeichnet – mit Eurer Hilfe. Eine schöne Bescherung für alle, die gehofft hatten, die Alten würden endlich stillhalten. Anna Ohnweiler hält nicht still, sie hält dagegen. Das ist der Unterschied zwischen älter werden und einer Gesellschaft beim Erwachsenwerden helfen. Der Preis würdigt deshalb keine gemütliche Lebensleistung, sondern eine unbequeme Gegenwartsaufgabe: Menschenwürde verteidigen, jeden Tag, überall und ohne Feierabend. Auch nach der Gala.

Am Sonntag, den 6. Dezember, dabei sein im Theaterhaus, da erhält Anna Ohnweiler in unserem Theaterhaus den Stuttgarter FriedensPreis der AnStifter – 5000 Euro. Wessen Preis? Unser Preis! Sie gehört zu uns, zu Euch. Mit den Jungen von Belgrad grüßen wir die Älteren von Stuttgart-Rot und Gaisburg und jenseits der Täler.

Danke fürs Älterwerden, fürs Klügerwerden,
fürs Obenbleiben.

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