So funktionieren Großprojekte

Rede des schweizer Alt-Bundesrats Moritz Leuenberger zum Durchschlag des Gotthard-Basistunnels am 15. Oktober 2010:

Der Berg ist gross. Wir sind klein

Durchschlag Gotthard-Basistunnel
von Moritz Leuenberger

Liebe Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger,
Liebe Mineure, Bauarbeiter, Vermesser und Ingenieure,
Liebe Verkehrsminister aus der EU, zugeschaltet aus Luxemburg,
Liebe Sissi,
Liebe heilige Barbara,

der Berg ist gross. Wir sind klein. Gemeinsam haben wir Grosses gewagt. Gestern wollten wir den Berg versetzen. Heute durchbohren wir ihn und schaffen den längsten Tunnel der Welt,

  • zum Zeitpunkt, wie wir ihn planten,
  • zu den Kosten, wie wir sie rechneten.
  • Kein privates Unternehmen hätte dieses Risiko auf sich nehmen können. Nur eine politische Gemeinschaft ist dazu in der Lage.

Die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben den Mut zu diesem Tunnel an der Urne bezeugt.

  • Sie haben JA gesagt zum Gotthardtunnel und zum Lötschbergtunnel.
  • Sie haben JA gesagt zur Finanzierung, nämlich
  • JA zu einem Fonds und
  • JA zur Schwerverkehrsabgabe, die ihn speist.
  • Sie haben JA gesagt zum Abkommen mit der EU.


Der heutige Tag beweist, wie nachhaltig, wie konsequent, wie effizient unsere direkte Demokratie ist.

  • wenn alle Betroffenen beteiligt werden,
  • wenn mit ihnen Kompromisse gesucht und gefunden werden,
  • wenn sich also auch Minderheiten in den Beschlüssen wieder erkennen,
  • dann müssen sie nicht auf Proteste und Demonstrationen ausweichen,
  • und dann kann die Demokratie Berge versetzen.


Natürlich gab es Zweifler,

  • die nicht daran glaubten, dass wir es schaffen würden,
  • die immer wieder den Abbruch der Arbeiten forderten,
  • die warnten, dass die Kosten aus dem Ruder laufen würden.

Doch wir wollen ihnen das heute nicht vorhalten. Zum Mut gehört auch Grossmut. Es braucht die Warner. Auch wegen ihnen haben wir die Kosten minutiös berechnet und beaufsichtigt. Deswegen, liebe Kritiker und Mahner: Willkommen bei uns in der Festgemeinde.

Mit diesem Tunnel bauen wir mit an den Infrastrukturen Europas und beweisen so: Wir gestalten unseren Kontinent mit, solidarisch und nachhaltig, indem wir die Verlagerung von der Strasse auf die Schiene vorantreiben.

Hier, inmitten der Schweizer Alpen, entsteht eines der grössten Umweltprojekte des Kontinents.

Zweitausenddreihundert Meter über uns scheidet sich das Wasser, es fliesst entweder über den Po in das Mittelmeer oder über den Rhein in die Nordsee. Doch hier unten, inmitten von Tausenden Tonnen Gestein, öffnet sich in wenigen Minuten ein Tunnel, der die beiden Meere direkt miteinander verbindet.

Grosses haben wir gewagt - gemeinsam.

Grosses haben wir geschaffen - gemeinsam.

Weil wir wissen: Der Berg ist gross. Wir sind klein.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu So funktionieren Großprojekte

  1. Bananenbieger sagt:

    Beeindruckende Rede. Neid auf die Schweizer für solche Politiker. Und Freude, weil der Herr Bundesrat a.D einen ganzen Abschnitt unserem Protest gewidmet hat! 🙂

  2. Markus sagt:

    Hallo,

    wollt ihr damit sagen, dass wenn es einen Bürgerentscheid gibt und dieser Zugunsten S21 ausfällt jeder sich diesem beugen wird und das Projekt akteptiert?
    Das bezweifele ich persönlich sehr stark!

  3. Heiner Jäger sagt:

    sondern? weiterdemonstrieren?

  4. W.H. sagt:

    Hallo Markus,

    bezweifle was Du willst – ich zumindest wünsche einen Volksentscheid und beuge mich auch dessen Ergebnis. Und damit spreche ich sicherlich für die große Mehrheit des Protestes, zumindest für alle, mit denen ich bisher zu diesem Thema diskutieren durfte.

    Natürlich muss man sich dem Ergebnis beugen, außer man will dasselbe wie die Regierung – dass man seine Entscheidung über die Menschen stellt anstelle sie mit den Menschen gemeinsam zu treffen.

  5. Frank sagt:

    Die Bürger haben ihre Zustimmung zu Stuttgart 21 ebenfalls an der Wahlurne bezeugt, immer und immer wieder. Und die Planung in einem Planfeststellungsverfahren ist die demokratischste Europas, an der jeder, aber auch wirklich jeder, den es betrifft über seinen Einspruch an der Planung mitwirken kann. Warum, W.H., beugst Du Dich dann nicht dem Ergebnis dieses hochdemokratischen Vorgangs?

  6. Aufgeklärter sagt:

    Die Schweizer können wirklich stolz auf ihr Projekt und auch auf den eigenen Mut sein. Mutig zum großen Tunnelprojekt zu stehen fiel ihnen schon deshalb leichter, da sie von den Projektverantwortlichen so gut es ging über die technischen und finanziellen Belange aufgeklärt und auch begleitet wurden. Das ist eben wichtige Voraussetzung überhaupt, um ein Volk darüber abstimmen zu lassen! Das ist der ganze Unterschied zu uns Deutsche bzw. S21. Hier wurde getrickst, verheimlicht, vernebelt und größtenteils Unwahrheiten über das hiesige Projekt verbreitet. Und damit versucht man es uns mit aller Gewalt aufs Auge zu drücken. Wir Gegner haben diese Machenschaften nach und nach ans Tageslicht gebracht und können nun den Projektverantwortlichen kein Vertrauen mehr schenken. Das Projekt „Stuttgart 21“ ist kaputt, zerredet, nicht mehr legitim, das Vertrauen erschüttert, es ist nicht mehr zu retten! Ob das nun Merkel, Mappus, Schuster und Grube paßt oder nicht, es ist eben so. Der „Blutige Donnerstag“ hat allen hier in Deutschland gezeigt, wie man mit Großprojekten eben nicht umgehen sollte. Ein Großprojekt ist entgegen den Aussagen von Tante Merkel und unserem Intelligenzbolzen Westerwelle (FDP will noch liberal sein??? Lachhaft!!!) sehr wohl durchsetzbar, wenn die Voraussetzungen, wie sie die Schweiz uns vormacht, erfüllt sind. Wenn es vom Volk bzw. den Bürgern mit seiner Legitimation mitgetragen wird, übersteht ein Großprojekt auch mehrere unterschiedliche Legilaturperioden.

    Wir bleiben oben! Oben ist besser mit Kopf als unten ohne. Oben ist Leben, Licht und Sonnenschein, unten ist nur Langeweile, Dunkelheit und der Tod!

Kommentare sind geschlossen.