Die Männer, die zu viel wussten – Pfingstbescherung bei STRABAG

Rede von Dieter Reicherter, Vorsitzender Richter am Landgericht a.D., Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, auf der 807. Montagsdemo am 1.6.2026

Liebe Freundinnen und Freunde,

gibt es in eurer Familie auch jemanden, der beim Spielen immer den anderen in die Karten schaut? Den nennen wir mal Onkel Gustav. Bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen ist die Ausschreibung streng geregelt. Große Vorhaben müssen europaweit ausgeschrieben werden. Das Wichtigste ist, dass sich die Bieter nicht in die Karten schauen lassen. Wer sich nicht daran hält, muss mit strengen Strafen rechnen.

Bei großen Bauvorhaben – wie zum Beispiel dem Pfaffensteigtunnel – ist der österreichische Baukonzern STRABAG unser Onkel Gustav. Er musste gerade in Österreich wegen verbotener Absprachen die Rekordsumme von 146 Millionen Euro bezahlen. Am besten aber gefällt mir unter den vielen Skandalen rund um diesen Konzern, dass er einen Mann, der wegen Annahme von Bestechungsgeld im Gefängnis saß, als Finanzexperten einstellen wollte.

Zu Pfingsten sollte eigentlich der Heilige Geist wehen. Stattdessen war das Christkind unterwegs und bescherte STRABAG drei Vergabepakete für den Pfaffensteigtunnel in nicht bekannter Höhe.  Es dürfte aber um Hunderte von Millionen Euro gehen. Insgesamt sind die Baukosten derzeit – allerdings viel zu niedrig – auf knapp 1,7 Milliarden Euro veranschlagt.

Das Geschenk kam nicht unerwartet. Denn STRABAG und die Bahntochter DB Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm GmbH (PSU), welche im Auftrag des Bundes das Vorhaben plant und bauen lässt, saßen von Anfang an bei den Planungen an einem Tisch. Das wird als großer Fortschritt verkauft und nennt sich „Partnerschaftsmodell Schiene“. Es funktioniert so, dass sich die Mitspieler gegenseitig in die Karten schauen und die besten Karten aussuchen dürfen. Eine normale Ausschreibung der Aufträge gibt es nicht.

Das Modell wurde 2019 erfunden. Der damalige Bundesverkehrsminister hieß Andreas Scheuer und hat dieses Modell vergessen. Leider hat er auch vergessen, dass ihn die Firma Herrenknecht AG im Wahlkampf mit 30.000 Euro unterstützt hat.

Das hat natürlich gar nichts mit den Aufträgen für den längsten Eisenbahntunnel Deutschlands zu tun. Für den braucht man viele billige Arbeiter aus aller Herren Länder. Deshalb hat STRABAG die deutsche Tochter Züblin mit ins Boot geholt. Züblin wiederum bildet dabei eine Arbeitsgemeinschaft mit der Baufirma Wayss & Freytag Ingenieurbau AG. Als ich das bei meinen Recherchen gelesen habe, klingelten die Ohren. Denn kurz davor stand in der Zeitung, dass zwei führende Mitarbeiter der PSU, also des Auftraggebers der Bauleistungen, in den Vorstand von Wayss & Freytag wechseln.

So ein Zufall aber auch! Denn deren interne Kenntnisse sind Gold wert. Ich finde, dass die berühmten Filmtitel „Der Mann, der zu viel wusste“ und „Der Spion, der zu viel wusste“ sehr gut ins Bild passen. Es handelt sich zum einen um den Vorstand Technik der PSU Michael Pradel. Der äußerte schon vor einigen Jahren bei einer Führung für die Ingenieure22, wenn er die Nase von der PSU voll habe, gehe er zurück in die Bauindustrie, von der er gekommen war, und nehme seine Kollegen mit. Der zweite Seitenwechsler ist Robert Berghorn, bei der PSU Leitender Ingenieur für den Pfaffensteigtunnel.

Nun fragt man sich natürlich, wie es zu diesem Wechsel unmittelbar im Zusammenhang mit der Auftragsvergabe kommen konnte. Vielleicht geht es darum, mit den internen Kenntnissen den Auftraggeber, letztlich den Steuerzahler, auszunehmen wie eine Weihnachtsgans? Vielleicht werden später Nachträge gefordert, weil Leistungen bei der Auftragsvergabe gefehlt hätten?

Für mich sieht das einmal mehr nach Filz aus, und ich tue alles dafür, dass diese Verstrickungen bekannt werden. Den Bundesrechnungshof habe ich schon informiert.

Auch deshalb bin ich sicher, dass wir

Oben bleiben!

Rede von Dieter Reicherter als pdf-Datei

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