Rede von Steffen Siegel, Schutzgemeinschaft Filder e.V., auf der 814. Montagsdemo am 20.7.2026
1994, vor 32 Jahren, also vor einem halben Rentnerleben, kamen Politiker auf die Idee, das unterirdische Leuchtturmprojekt „Stuttgart 21“ aus der Taufe zu heben. Frage: Kann ein Leuchtturm unterirdisch überhaupt leuchten? Man machte aus dem pünktlichsten Bahnhof Deutschlands das unsinnigste Projekt aller Zeiten. In jedem Jahr kam neuer Irrsinn dazu. Der Berliner Flughafen BER ist ein Klacks dagegen. Ein Höhepunkt in den letzten Jahren ist der Pfaffensteigtunnel (PT).
Hier nur ganz wenige Fakten. …
- Der PT ist bahntechnischer Unsinn, er ist viel zu teuer, schadet dem Klima, der Bau dauert weit über das Jahr 2033 hinaus.
- Es erging für den längsten Eisenbahntunnel Deutschlands ein Planfeststellungsbeschluss ohne vorherige öffentliche Erörterung. Auf unsere fundierten Einwendungen gab es keinerlei Reaktion.
- Beim Kostennutzenfaktor KNF wurde schamlos betrogen. Der Tunnel allein hat einen KNF von weit unter 1. Also darf man ihn nicht bauen! Man rechnete deshalb den KNF nicht allein für den Tunnel, sondern mitsamt der Gäubahn von Singen (teilweise eingleisig und für Güterzüge geeignet) dazu. Warum eigentlich nicht die gesamte Schweiz?
- Es wird behauptet, der Deutschlandtakt könne in Stuttgart nur mit dem PT umgesetzt werden. Das ist eine bewusste Lüge. Der Deutschlandtakt scheitert grundsätzlich am zu kleinen, schrägen Tiefbahnhof, unabhängig von all seinen Zufahrtstunneln, ja selbst wenn man alle Gleise aus purem Gold schmieden würde, was natürlich totaler Quatsch ist.
Da kommt Frau Palla und erweckt in uns eine leise Hoffnung – sie will alles neu durchdenken. Nun hat sie aber gerade erst all unsere Hoffnungen begraben. Der PT steht für sie inzwischen außer Frage.
Dort am PT wird bereits wie wild gebuddelt: Der Einstiegsschacht in die zwei, je 11,3 km langen Röhren bei Plieningen wird lautstark vorangetrieben. Es werden beste Filderböden großflächig ruiniert. Das sei nur eine „vorübergehende Beeinträchtigung“ der Landwirtschaft, wieder eine bewusste Lüge. Der Einstiegsschacht ist ein quaderförmiges ca. 38 Meter tiefes Loch, im Querschnitt ein Rechteck 45 x 58 Meter. In diesen Quader hinein sollen zwei Herrenknechtbohrer, jeweils über 90 Meter lang (wie das, bei nur 58 Meter langer Seite des Rechtecks?) und jeweils über 2000 Tonnen schwer, gebracht werden, und dann sollen vom Schachtboden aus zwei Röhren nach Böblingen gebohrt werden, und in der anderen Richtung sollen in einer engen Kurve 2 Röhren bergmännisch zum Messebahnhof geführt werden. Es gibt unendlich viele technische Fragen dazu. Zum Beispiel: Wann kommen die gigantischen Bohrer? Wie zerlegt man sie, um sie mit einem Kran an den Schachtboden zu bringen, und dann?
Deswegen war ich sehr positiv überrascht, als die Bahn vor einigen Wochen ein Info-Büro einrichtete. Ich dachte, hoppla, die denken doch tatsächlich mal um und kommen den Bürgern entgegen. Zitat aus der Zeitung: „Die Deutsche Bahn informiert Anrainer der Baustelle des Pfaffensteigtunnels in einem Info-Büro. Dort können sich Bürgerinnen und Bürger einmal wöchentlich aus erster Hand über den Baufortschritt und die jeweils anstehenden Arbeiten informieren. Das Info-Büro hat immer mittwochs zwischen 15 und 17 Uhr geöffnet.“
Ich meldete mich sofort an einem Montag für den darauffolgenden Mittwoch an und bekam sogleich eine Antwort mit einer Wegbeschreibung. Also alles klar. Denkste! Am Mittwochvormittag nämlich, ich war gerade mit unserem Hund auf dem Weg zum Tierarzt, kam ein kurzer Anruf, sie könnten mich nachmittags nicht zum Informationsbüro zulassen. Ich war zutiefst empört und beschwerte mich sofort. Mein Mitstreiter Frank Distel forderte eine schriftliche Erklärung. Diese kam alsbald: „Das sogenannte Info-Büro soll allgemein zum Gäubahnausbau Nord informieren und insbesondere auch den Betroffenen für ihr individuelles Informationsinteresse zur Verfügung stehen. Sie sind demgegenüber der Vorsitzende einer Umweltvereinigung, die im Planfeststellungsverfahren bereits umfassend Stellung genommen und gegen den Planfeststellungsbeschluss für den PFA 1 Klage zum Bundesverwaltungsgericht erhoben hat... Wir gehen deshalb davon aus, dass Sie über den Gäubahnausbau Nord bereits weitaus besser informiert sind als die breite Bevölkerung. Daher sehen wir nicht, welcher Nutzen für Sie mit einem Besuch des sog. Info-Büros verbunden sein sollte.
Bitte haben Sie außerdem Verständnis dafür, dass wir mit Klageparteien außerhalb des gerichtlichen Verfahrens generell nicht über das von diesen bekämpfte Vorhaben sprechen“.
Unterschrieben von: Jan Dambach, Stellvertretender Leiter Kommunikation, Teamleiter Multimedi DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH.
Das heißt doch wohl: wer schon viel weiß, soll gefälligst keine Fragen mehr stellen dürfen! Frank Distel und Frau Gabi Seiffer (beide Schutzgemeinschaft Filder-Mitglieder) meldeten sich nun auch noch an. Sie bekamen die gleiche Abfuhr wie ich, also ist die Schutzgemeinschaft Filder (SGF) grundsätzlich nicht erwünscht.
Darauf schrieb ihnen Frank Distel: „…wovor haben Sie eigentlich Angst? Oder haben Sie gar etwas zu verbergen? Wir sind keine Träumer; wir erwarten von einem möglichen Gespräch mit Ihnen nicht, dass Sie den Bau dieses Tunnel-Irrsinns aus eigenem Entschluss stoppen. Dafür wären Politik und/oder Verwaltungs-Gerichtsbarkeit zuständig. Allerdings sind wir aus schierem fachlichen Grund interessiert, die Bauweise en detail kennenzulernen.“
Ich meine, hier geht es um eine öffentliche Information von Bürgerinnen und Bürgern, und schließlich bin ich ein Bürger, und so habe ich denn einen unangekündigten Besuch im Info-Büro mit einem befreundeten Rechtsanwalt aus meiner Nachbarschaft durchgeführt. Wir zwei werden freundlich empfangen, dann kommt ein Herr Jannik Walter herein, wir schütteln Hände, und als ich sage, ich heiße Siegel, erstarrt er und sagt: aber wir wollen doch nicht mit Ihnen sprechen. Mein Juristenfreund erklärt ihm, warum einfache Informationen über den Bauvorgang sehr wohl möglich und wünschenswert wären.
Er sagt unsicher: da muss ich mich nochmal kundig machen, geht für ca. 10 Minuten raus, und als er zurückkommt meint er mit fester Stimme: „Nein, mit ihnen, Herr Siegel sprechen wir nicht“. Dann will mein mich begleitender Rechtsanwalt, der nicht Mitglied der SGF ist, eine Frage stellen. Darauf Herr Walter: Nein, im Beisein von Herrn Siegel sagen wir nichts.
Das ist ja wohl die Höhe! Die wollen oder können nicht mit Schutzgemeinschaftsmitgliedern sprechen, ja nicht mal mit jemand anderem, wenn ich nur in deren Nähe bin. Grotesk! (Es gibt keinerlei Hoffnung auf bessere Zusammenarbeit, und auch Nicole Razavi ist gewiss keine neue Hoffnungsträgerin!)
Eigentlich ist das Ganze ja Pipikram. Bei S21 allerdings geht es um die Zerstörung eines hervorragenden Bahnhofs und die Zerstörung bester Zufahrten wie der Panoramastrecke und um die Vergeudung von mindestens 20 Mrd. Euro und um die Zerstörung des Klimas usw.
Was ist dagegen schon die Missachtung meiner Person in einem lächerliche Container-Info-Büro. Ich wollte hier nur deutlich machen, wie die planen und denken. Denken die wirklich so irrational bis in die unterste Ebene?
Was bleibt: Lasst uns mit aller Macht kämpfen gegen den idiotischen Pfaffensteigtunnel, für den Erhalt der Panoramastrecke und des Kopfbahnhofs.
Wir bleiben oben!






