Rede von Bruno Baumann bei der 146. Montagsdemo

Rede von Bruno Baumann, Parkschützer, auf der 146. Montagsdemo am 29.10.2012

Guten Abend, liebe Freundinnen und Freunde des Rosensteinparks,
ich wollte euch heute über vergangene, gegenwärtige und drohende Flächenverluste des Rosensteinparks erzählen, der zu königlichen Zeiten noch über 100 Hektar hatte. Aus aktuellem Anlass, dem Beschluss des Gemeinderates vom 25.10.2012, der den Bau des B10-Rosensteintunnels vorwärtstreibt mit all seinen Gefahren für Menschen, Tiere und Umwelt.

Die SPD-Stadträte haben mit CDU, FDP, Freien Wählern und Reps für den Bau gestimmt, obwohl die eigene SPD-Basis mehrheitlich dagegen ist. Das haben sie auch noch als „gelebte Demokratie und Bürgerbeteiligung“ bezeichnet! Wieso lassen sich das die SPD-lerInnen eigentlich bieten?? Die Wahl-Klatschen allein reichen offenbar immer noch nicht, um zur Vernunft zu kommen – die brauchen noch mehr Nachhilfe in „gelebter Demokratie“ von uns – durch Briefe, Besuche und Demos! Die Atomkraftwerks-Geschichte zeigt, wie schnell dann Beschlüsse zurückgenommen werden können!

Doch jetzt schauen wir kurz in die Vergangenheit des Rosensteinparks mit seinen bisher erlittenen Flächenverlusten:

  • 1908-1915 Bahnbau mit schwerwiegenden Flächenopfern. Danach war der Rosensteinpark auf   85 Hektar geschrumpft!
  • Dann kam der 2. Weltkrieg mit Bombenhagel und künstlichen Vernebelungen mit all ihren schädlichen Nachwirkungen,
  • 1959 die Verbreiterung der B10, mit dem Verlust von 1 Hektar und den dortigen Bäumen,
  • 1962 das Bahnpostamt und wieder waren 2,3 Hektar des Parks weg,
  • 1985 das Museum am Löwentor auf 1,5 Hektar und dem Verlust von 180 Bäumen,
  • und 1993 hat die Wilhelmaerweiterung wegen der Internationalen Gartenbauausstellung den Park nochmals ca. 11 Hektar gekostet!

 

Willkommen in der Gegenwart, im Rosensteinpark mit inzwischen nur noch 70 Hektar!

Und wieder wollen Bahn und Stadt den Park angreifen! Die Bahn oberirdisch mit den geplanten Bau- und Logistikflächen sowie unterirdisch mit den geplanten Fernbahn-/S-Bahntunnels und den massiven Eingriffen in den Wasserhaushalt des Parks. Allein diese Maßnahmen bedrohen akut seinen weiteren Bestand! Und die Gemeinderats-Mehrheit will mit dem B10-Rosensteintunnel noch eins draufsetzen und setzt sich über all die fundierten Einwände einfach hinweg!

Laut der Umweltverträglichkeitsstudie der Stadt Stuttgart bestehen erhebliche Risiken – für die Menschen, Tiere und Bäume, da auf dem Wilhelmagelände die geplante Abluftanlage die ungefilterte Tunnelabluft mittels 3 ca. 8 m hohen Kaminen in die Umgebung blasen soll.

Aber angeblich bleibt das ohne jede nennenswerten Auswirkung auf die nähere Umgebung – das ist eine völlig groteske Behauptung der Tunnelparteien, denn ein paar hundert Meter weiter an der Pragstraße will die Stadt Häuser aufkaufen, weil die gesundheitliche Belastung durch Abgase für die Anwohner so massiv ist!

Der landespflegerische Begleitplan sagt: “... Angestrebt wird die Weiterentwicklung des historischen Landschaftsparks zu einer – den zukünftigen Anforderungen genügenden innerstädtischen Parkanlage ... Der Rosensteinpark und die angrenzenden Grünflächen sind Kaltluftproduktionsgebiete, die inmitten städtischer Klimatope eine hohe Bedeutung als Ausgleichsraum haben!... Die unmittelbar nordwestlich an den Mittleren bzw. Unteren Schlossgarten angrenzenden Gleisanlagen besitzen aufgrund ihrer spezifischen Klimafunktion als Ventilations- und Kaltluftabflussbahn eine sehr hohe Bedeutung!“ Das hörte sich in jüngster Vergangenheit doch ganz  anders an – „Gleisgewurschtel“!

Wenn wir über die Zukunft des Rosensteinparks reden wollen, hilft ein Blick zurück. Widerstand gegen Baupläne im Park hat es nämlich schon 1928 gegeben – und zwar Widerstand mit Erfolg! Damals sah eine Standortuntersuchung für den Neubau der Technischen Hochschule samt Hochschulstadion auch das Rosensteinparkgelände vor. Das hätte schon damals das Ende des Rosensteinparks bedeutet.

Aber dagegen hat seinerzeit die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst, zusammen mit vielen anderen Vereinigungen, eine frühe Bürgerinitiative ins Leben gerufen: mit Veranstaltungen, Flugblättern, Plakaten und einem Sonderdruck der Zeitschrift „Gartenkunst“ von Gartenarchitekt Karl Luz: „Der Rosensteinpark ist die letzte erhalten gebliebene alte Schöpfung in Württemberg, die den Namen eines Parkes verdient, doppelt wertvoll durch ihre Lage im Herzen des entstehenden Groß-Stuttgart. Er muß daher gegen jeden Eingriff nachdrücklich verteidigt werden. Seine künstlerische und kulturgeschichtliche Bedeutung reicht weit über Stuttgart und Württemberg hinaus! (…) Wir rufen unsere Mitbürger auf, alle Gefahren, die dem Rosensteinpark drohen, endgültig abzuweisen. (…) Der Technischen Hochschule und allen, die sich an dem Park für Sonderzwecke vergreifen wollen, rufen wir zu HÄNDE WEG VOM ROSENSTEINPARK!“ Damit wurde so viel öffentlicher Druck gemacht, dass der Rosensteinpark aus den Vorplanungen herausgenommen werden musste.

Stuttgart ist eine Stadt der Gärten und Parks und war nie eine reine Wirtschaftsstadt! Früher hieß das Stadt-Werbe-Motto: „Stuttgart, Großstadt zwischen Wald und Reben!“ Trotz Grün-Roter Regierung – von wegen grün – ist Stuttgart braun und dreckig geworden!

5,5 Hektar Park im mittleren Schlossgarten mitten im Herz Stuttgarts wurden sinnlos zerstört für das Wahnsinnsprojekt S21: Ich sage dazu nur: Brandschutzkonzept, geologische Risiken, Grundwasserentnahme, Mineralquellen und Kostendeckel!

Oberforstmeister Otto Feucht schrieb 1950 in der Zeitschrift „Schwäbische Heimat“: „man kann eine Grünfläche opfern und dafür eine neue, vielleicht schönere anlegen, was man aber nicht kann, das ist, für alte Bäume Ersatz schaffen! Ein Baum, eine Baumgruppe, die in hundertfünfzig und mehr Jahren zu einem wahren Denkmal der Natur herangewachsen ist, verlangt … Achtung… von jedem, sie fordert auch vom Verkehrsplaner, daß er ihr nicht als Nur-Techniker gegenübertritt, sondern als Mensch. .... Und der Mensch und seine Gesundheit ist immer noch wichtiger als der Verkehr, der ihm dienen soll, aber ihn nicht beherrschen, nicht zum Selbstzweck werden darf. Oder sollten wirklich die Stuttgarter heute in den Anlagen nur noch ein Verkehrshindernis sehen, das man nicht schnell genug zum Grünstreifen herabdrücken oder gar einmal ganz beseitigen kann?“

Wie stellen sich die StuttgarterInnen heute zu diesen Fragen? Wir jedenfalls sagen: Was schon 1928 ein Erfolgsmotto war, wird auch 2012 unseres sein: HÄNDE WEG VOM ROSENSTEINPARK!

Oben bleiben, die Natur erhalten und die Zukunft gestalten!

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6 Responses to Rede von Bruno Baumann bei der 146. Montagsdemo

  1. Pingback: Stuttgart 21: Rückschau 146. Montagsdemo vom 29.10.12

  2. MOa sagt:

    Ab 6. November drohen Rodungen auch im Rosensteinpark!
    Jetzt K21-Widerstand organisieren und OBEN BLEIBEN!
    * http://www.bei-abriss-aufstand.de/2012/10/27/ab-november-sind-baumfallungen-und-baustellen-auch-im-rosensteinpark-geplant ;
    * SMS- o/u E-Verteiler: http://www.bei-abriss-aufstand.de/alarm-eintragen;
    => “Der Raub der grünen Perle”: Klaus Gebhard zur S21-Gefahr für den Rosensteinpark, 31.10.12: http://www.fluegel.tv/beitrag/5121 ;

    Die DBAG droht ab 6. November und im Januar 2013 damit, für S21 auch den zweiten Stuttgarter Park zu zerstören!
    Der Stuttgarter Rosensteinpark ist Süddeutschlands größter Park im englischen Stil, steht unter Denkmalschutz, ist als Landschaftsschutzgebiet ausgeschrieben und gehört zum europäischen Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 (FFH-Gebiet).

    Seine Zerstörung droht durch ein Immobilien- & Bahnrückbauprojekt, dessen Finanzierung nicht gesichert ist, das von Experten als „größte[r] technisch-wissenschaftliche[r] Betrugsfall in der deutschen Industriegeschichte“ bezeichnet wird und dessen Brand“schutz“ jedem Krematorium alle Ehre macht – Gutachter sprechen von „Todesfalle“.
    Und: $chummel-Murks21 hat keine „Baugenehmigung“ (durchgehende Planfeststellung).

    Bevor geklärt ist, ob überhaupt gebaut werden kann, soll weiter gerodet werden – während eine grün-rote Landesregierung tatenlos daneben steht und zuschaut, wie weiter Tatsachen geschaffen werden?

    Die Deutsche Bahn AG plant ungerührt umfangreiche Baumfällungen und die Einrichtung großflächiger Baufelder. Gerade der historisch wertvollste Teil des Parks (zwischen Schloß Rosenstein und Wilhelma sowie am Neckarufer) würde besonders schwer getroffen, ebenso der westliche Teil, wo bis 1,3 ha Parkfläche der Zerstörung anheim fallen sollen.
    Außerdem ist eine „Baustraße“ geplant, die sich bis zu den Leuze-Mineralbädern durch den gesamten Park fressen würde ….

    Genaue Infos:
    -> HIER ;
    => Neue interaktive Broschüre: http://www.stuttgarter-schlossgarten.de/broschuere-rosensteinpark/index.html ;
    -> Landschaftsgärtner Bruno Baumann: Rosenstein-Rede auf 146. Montagsdemo, 29.10.12: HIER ;
    => Die Baumpaten zur skandalösen Situation im – von der DBAG – zerstörten Stuttgarter Schloßgarten und im Rosensteinpark: HIER ;
    -> HIER ; Rosenstein in Gefahr: HIER ;

    -> Offizielle Webseiten zum gefährdeten Rosensteinpark: HIER ;

  3. johanna sagt:

    Keine Sorge, diesmal werden wir perfekt vorbereitet sein. Am 11.11.2012 ab 10 Uhr findet gegen eine kleine Spende ein Sitzblockadetraining statt.

  4. johanna sagt:

    Hallo, Hat denn jemand eine Quelle bzw. einen link, mit welchem nachvollziehbar belegt werden kann, dass die Mehrheit der SPD-Mitglieder gegen den Tunnel sind?

    Ich benötige dies ganz dringend für einen Brief an die entspr. Funktionäre.

    Danke für schnelle Hilfe.

    OBEN BLEIBEN!

  5. johanna sagt:

    Noch eine Bitte:
    Kann jemand mit links aushelfen, welche belegen, dass unsere Experten i.S. Brandschutz Herr Keim und i.S. Kapazitäten Dr. Engelhardt auch international bzw. unter Kollegen entspr. Reputation besitzen?

    Ich benötige das dringend für die Erstellung einer Argumentationshilfe.

    Danke für die Unterstützung.

    OBEN BLEIBEN!

  6. johanna sagt:

    Noch eine Bitte:

    hat jemand einen link, welcher belegt, dass der Park zwischen Schloß Rosenstein und Wilhelma sowie am Neckarufer der historisch wertvollste Teil des Parks ist?

    Ich benötige dies dringend für die Erarbeitung einer Argumentation.

    Danke für die Unterstützung und OBEN BLEIBEN

    johanna

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