Fehlende S21-Planfeststellungsverfahren: Grüne Politiker schauen tatenlos Stadt- & Naturzerstörung zu

Einer anderen Mitstreiterin erging es mit ihrem nachstehenden Schreiben vom 22.10.2013 an Oberbürgermeister Fritz Kuhn und die beiden Fraktionsvorsitzenden der GRÜNEN im Stuttgarter Gemeinderat nicht besser als Dieter Reicherter. Sie erhielt bislang gar keine Antwort. Hier das Schreiben im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Sehr geehrte Fraktionsvorsitzende,

Mit Entsetzen beobachte ich die fortlaufende Zerstörung der Stadt Stuttgart, insbesondere der Grünflächen! Es ist sicher kein Zufall, dass proportional zum realen Grünschwund auch der Stimmenverlust Ihrer Partei bei den Bundestagswahlen einherging.

Können Sie sich irgendeinen Zusammenhang vorstellen?

Nun bin ich glücklicherweise keine Bürgerin dieser Stadt, kann diese aber trotzdem aufgrund von persönlichen und beruflichen Beziehungen nicht umgehen. Besonders hart trifft mich der Wahnsinn21 als Pendlerin, egal mit welchem Verkehrsmittel.
Als Baden-Württembergerin betrifft mich vor allem das Schicksal des Stuttgarter Schlossgartens wie auch des Rosensteinparks. Die Damen und Herren, die diese Schenkungen des Königs von Württemberg und vor allem die der Natur verwalten, erscheinen mir damit umzugehen wie ein Volk von Barbaren.

Als Nicht-Stuttgarter Einwohnerin, habe ich ausreichend Distanz, um die Geschehnisse uneigennützig zu beobachten, ebenso wie die politischen Vorgänge in Ihrer Stadt, da ich
stimmtechnisch sowieso keinen Einfluss auf Sie habe.

Sehr geehrter Herr Kuhn, nach Ihrer Wahl haben Sie sich brillant in einer „Talkshow“ der Stuttgarter Zeitungen geschlagen, als ob Sie gleich noch eine Revanche für Winfried Kretschmann gäben, der nach der „Volksabstimmung“ 2011 beim selben Forum ohnmächtig am Nasenring durch die Mange geführt wurde. Leider ist Ihrer verbalen Stärke nicht viel Tatkraft in Sachen S21 gefolgt, ja selbst Ihre Stimme scheinen Sie nicht mehr oft gegen den damit einhergehenden Wahnsinn und zur Wertschätzung der kritischen Bürgerinnen und Bürger zu erheben. Wollten Sie nicht ein OB „für die ganze Stadt“ sein? Und „im Unterschied zu Sebastian Turner“, „Sicherheit vor Schnelligkeit“ gehen lassen?
Nun wäre ein gutes Beispiel dafür Ihr Programm umzusetzen: Immer noch fehlen etliche Planfeststellungsverfahren, sind Einwände von Umweltschutzverbänden anhängig, ist die Finanzierung unklar, technische Mängel nicht behoben, die Risikenliste nicht öffentlich.
Das heißt doch, die Stadt Stuttgart bewegt sich mit dem Projekt S21 in völlig unsicherem Rahmen. Gleichzeitig lassen Sie aber Bahn und Land unter staatlichem Schutz gewähren, schnell irreparable Schäden zu verursachen. Weder ein Baum noch ein Denkmal ist ersetzbar. Es kann allenfalls irgendwann ein neuer gepflanzt werden. Dieser wird aber zeitgleich nie derselbe sein, nicht die selbe Leistung bringen und auch nicht dieselbe Wirkung haben.

Sehr geehrte Frau Fischer, sehr geehrter Herr Pätzold, erlauben Sie mir die Feststellung, dass schon vor 2 Jahren gewaltsam und vorschnell der Mittlere Schlossgarten gerodet wurde. Überhaupt sind nach meiner Beobachtung in 58 Jahren CDU-dominierter Regierung im Land noch nie so viele Bäume und Grünstreifen gerodet worden, wie unter grünem Vorsitz. Das sollte einem doch zu denken geben!! Falls Sie mir jetzt entgegnen möchten, dass das an den Mehrheitsverhältnissen liegt, so kann ich Ihnen nur dringend empfehlen, eigene strategische Analysen vorzunehmen, anstatt Meinungsinstituten zu folgen. Denn könnte es vielleicht zufällig sein, dass Sie sich von Betreiberseite dazu verführen lassen haben, sich von „Protestbewegung“ und Stammwählern abzuschneiden, bis hin zu gegenseitigen Aggressivitäten? Und nebenbei den miesesten aller Jobs, wie die Vernichtung des wertvollsten und ältesten Baumbestandes der Landeshauptstadt erledigen.
Könnte es sein, dass am Ende dieser Rechnung nicht eine grüne Regierungsmehrheit (in Stadt und Land) unter schwarzer Gnaden steht, sondern allenfalls Pfeifkonzerte und politische Bedeutungslosigkeit einer Partei, deren Amtsträger sich nach Ihrer Wahl mehr für Mehrheiten als für Wahrheiten zu interessieren schienen?

Im Falle S21 empfehle ich Ihnen dringend die Lektüre eines alten Märchens: „Des Kaisers neue Kleider“. Noch haben Sie die Möglichkeiten, auch als Minderheit, Lügen aufzudecken, um der Mehrheit, Wahrheiten zugänglich zu machen. Versäumen Sie weiterhin die Chancen, könnte es sein, das auch von Ihnen der eine oder die andere am Ende „ohne Kleider“ da steht?

Es tut mir leid um jeden Baum, der uns verloren geht!
Übernehmen Sie bitte endlich Verantwortung.

Mit freundlichen Grüßen
Sibylle

P.S.: Überhaupt, sind Sie nicht auch der Meinung, dass es angesichts der nuklearen Katastrophe von Fukushima und dem drohenden Klimawandel doch dringend geboten wäre, radikal umzusteuern und an Natur zu retten, was noch zu retten ist, anstatt weiter ignorant Raubbau zu betreiben, als ob nichts gewesen wäre?!?

Wikipedia Hintergrund:
Die Erzählung wird gelegentlich als Beispiel angeführt, um Leichtgläubigkeit und die unkritische Akzeptanz angeblicher Autoritäten und Experten zu kritisieren – vergleichbar mit Kleider machen Leute und dem Hauptmann von Köpenick. Aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf spricht wider besseres Wissen niemand, nicht einmal der treueste Minister des Kaisers, die offensichtliche Wahrheit aus; vor die Entscheidung „Ansehen und Wohlstand oder Wahrheit“ gestellt, entscheidet man sich letzten Endes gegen die Wahrheit und für die materiellen und ökonomischen Vorteile.

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4 Kommentare zu Fehlende S21-Planfeststellungsverfahren: Grüne Politiker schauen tatenlos Stadt- & Naturzerstörung zu

  1. Colère sagt:

    Danke, Sybille, ein sehr guter Brief, Du schreibst mir aus der Seele!

  2. WOLFgang sagt:

    Dieser Brief tut gut – ich habe mich vor einigen Tagen mit ähnlichem Inhalt an FK gewendet,-ebenfalls als „Auswärtiger“ und Nicht-Stuttgarter: http://www.parkschuetzer.de/statements/164194

    Bis jetzt mit NULL-Reaktion, noch nicht mal „Lesebestätigung“…

    Vor Jahren erhielt ich noch aus dem StaMi wenigstens eine Standard-Antwort von einem Referenten Dr.Sowieso. Das war allerdings
    v o r der sogenannten „Volksabstimmung“.
    „Politik des Gehörtwerdens“ ? Grüne Gammelpolitiker können das scheints nicht mehr…

  3. Aufgeklärter sagt:

    Grüne kommen ihren selbstgesteckten Zielen nicht mehr nach!!!

    Bei diesem abgedruckten Brief wird immer deutlicher, daß die Grünen ihrer Aufgabe, Natur zu erhalten, zu pflegen und den Klimawandel aufzuhalten oder wenigstens abzumildern, nicht mehr gerecht werden, ja offensichtlich völlig überfordert sind. Die Grünen haben alleine schon durch ihre Tatenlosigkeit in Sachen S21 für alle Zeiten den Makel am Hals, unter ihrer Regierungsverantwortung die wohl größte Baumfällaktionen, noch hinter einer schwarz-gelben Regierung, verantworten zu müssen. Aus dieser Verantwortung kommen sie nicht mehr so schnell raus. Mit ihrer Tatenlosigkeit wurden Chancen für grundlegende Änderungen einer vernünftigen Verkehrspolitik vertan und damit eigene Chancen, jemals wieder eine Regierungsverantwortung zu erhalten. Liebe Grüne, Ihr seid selbst schuld an Eurem eigenen Debakel. Aber damit habt Ihr auch Hoffnungen zerstört und uns, die die Natur erhalten sehen wollen mit Rücksicht auf die knappen Resourchen in der Welt, weiter schweren Schaden zugefügt, wie sie eine andere Regierungskonstallation nicht hätte tun können. — Dennoch OBEN BLEIBEN!

  4. Nina sagt:

    Danke Sybille,

    ein guter Brief!

    Von Kuhn hatte ich auch noch nie eine Antwort gekriegt.

    Es ist bald wirklich unerträglich,wie die Stadt ihr Gesicht verliert. Nur im Stadtbereich inkl. Feuerbach/Cannstatt werden ca. 800 Bäume wegen diesem mafiösen Drecksprojekt geopfert.
    Nichts kann man mehr ausgleichen. Und diese Lügengeschichte von der Parkerweiterung:
    diese Fläche dient einzig und allein dem Ausgleich der Zerstörungen in der Stadt. Und laut PFA reicht diese Ausgleichsfläche nicht mal aus.
    Also in der Summe weniger Park statt mehr.

    Und dieser Albtraum soll noch mit dem Stadtgarten weiter gehen!

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