Rede von Dietmar Meintel bei der 256. Montagsdemo


Rede von Dietmar Meintel, Bürgerinitiative Talheim21, auf der 256. Montagsdemo am 19.1.2015

Stuttgart 21 zerstört das Land:
Beispiel Talheim 21

Hiermit möchte ich mich zuerst einmal für die Einladung zu dieser Veranstaltung ganz herzlich bedanken und mich kurz vorstellen: Mein Name ist Dietmar Meintel und ich bin Sprecher der Bürgerinitiative Talheim 21.

Wie schon bei der Ankündigung durch Norbert Bongartz gesagt, komme ich aus Talheim, einem Stadtteil von Horb. Dieses Dorf liegt eingebettet an dem kleinen Flüsschen Steinach und ist sehr ländlich geprägt. Durch den sehr schmalen Ortskern führt eine relativ kleine Straße mit einer Breite von teilweise gerade mal 5-6 Meter Breite und teilweise sind nicht mal Gehwege auf beiden Straßenseiten vorhanden. Das Dorf besteht aus zwei Ortsteilen, welche jeweils mit dem alten, sehr schmalen Ortskern und oberhalb auf dem Berg mit zwei Neubausiedlungen bebaut sind. Insgesamt leben 2.600 Bürger in der gesamten Gemeinde. Wir haben eine Grundschule sowie 2 Kindergärten.

Eigentlich kann man zusammenfassend sagen, hier handelt es sich um ein Dorf, welches sich einen alten Charme durch die ehemaligen kirchlichen und landwirtschaftlich geprägten Umgangsformen gebildet hat und in welchem das Leben eigentlich noch lebenswert ist.

Die Leute gehen überwiegend zum Daimler oder in die Nachbarstädte zum Schaffen. Kleinere Handwerkliche Betriebe sind vorhanden. Im ehemaligen Steinbruch wurde über 70 Jahre lang Stein abgebaut, doch seit 2004 ist auch dies Geschichte. Ja, seit 2006 ist der Steinbruch geschlossen und die Renaturierung abgeschlossen. Ein zwischen dem Steinbruchbesitzer und der Stadt Horb grundbuchrechtlich eingetragener Vertrag regelt, dass hier weder ein LKW mit Schottermaterial heraus oder gar nochmals ein LKW mit irgendwelchem Auffüllmaterial hier eingefahren werden darf.

Zwischenzeitlich hat sich die Natur wieder zurückgeholt, was vom Menschen zerstört wurde. Seit mehreren Jahren haben wir in dem Steinbruch viele geschützte Tierarten. So lebt und brütet hier z.B. der Uhu und verschiedene Echsen und Vogelarten. Sogar als Biotop sind Teile des Geländes kartiert. Auf den ersten Blick Idylle und Lebensparadies.

Wäre da nicht die Baumaßnahme Stuttgart 21. Ein Bauprojekt, welches alle bisherigen Sicherheiten durch den Vertrag sowie alle Versprechen vom ehemaligen Betreiber plötzlich nicht mehr gelten lässt. Eine Baumaßnahme, welche die Ruhe und die Lebensqualität in unserem Dorf ebenso zerstört, wie auch in Stuttgart oder anderen Gemeinden in Baden-Württemberg. Eine Maßnahme welche gravierende Veränderungen für Menschen, Tiere sowie die Umwelt mit sich bringt:

• in Talheim durch die jetzt aktuell anstehende Baumaßnahme ‚Auffüllung des ehemaligen Steinbruches mit Aushubmaterial von S 21‘, über einen vorläufig geplanten Zeitraum von fünf Jahren mit von morgens bis spät abends schwer beladenen LKW`s,
• in Stuttgart mit noch größeren Problemen nicht nur durch die Abfuhr, sondern durch die unsinnigen Tiefbaumaßnahmen selbst.

Ja, es ist richtig, dass die große Mehrheit der Bürger von Talheim bei der Abstimmung über den Bau von Stuttgart 21 für den Bau gestimmt hat. Aber es ist auch richtig dass die überwiegende Anzahl der Bürger gar nicht bei der Abstimmung war.

Und es ist doch sicherlich auch richtig, dass wir alle, ob die Bürger von Stuttgart oder von Talheim oder sonst woher auch immer, hier einer politischen Täuschung und einem Durchdrücken von Interessen, also nach dem Motto „Geld regiert die Welt“, aufgesessen sind.

Auch muss bei dieser Gelegenheit erwähnt werden, dass sich die politischen und kommunalen Entscheidungsträger Gedanken darüber machen sollten, ob es sich wirklich lohnt, dass Prestigeobjekte wie Stuttgart 21, koste es was es wolle, auch auf Kosten der Umwelt und zu Lasten von Gesundheit und Leben wirklich durchgedrückt werden müssen.

Was es bedeutet, dass Geld die Welt regiert, das bekommen wir jetzt sogar in Talheim zu spüren:

1. Die Bürgerinitiative wird gezielt verleumdet, es wird uns die Zerstechung von Reifen des ehemaligen Steinbruchbetreibers vorgeworfen, und es wird uns vorgeworfen, dass wir Mitglieder des Ortschaftsrates sowie sogar deren Kinder bedrohen würden. Dass das alles ausnahmslos Lügen sind, das ist sicher.
2. Unsere Mitglieder der Bürgerinitiative haben innerhalb einer starken Woche über 1.200 Unterschriften von den Bürgern, welche gegen die Auffüllung sind, gesammelt. Alles Unterschriften von wahlberechtigten, volljährigen Bürgern von Talheim.

Aber Geld regiert die Welt, und das Engagement von Mitgliedern der Entscheidungsgremien, sich zum Thema Informationen vor einer Abstimmung zu holen und sich über die Themen zu informieren, das haben wir gelernt, das ist nicht vorhanden. Was hier auch noch dazu kommt, das sind politische Bildungen. Fraktionszwang oder gezielte Beeinflussung. Auch über die räumliche Weite einer Bürgerabstimmung in Bezug auf tatsächliche Betroffenheit sollte mal eine Diskussion statt finden.

Jetzt aber zurück zum Talheimer Problem. Wie ich ihnen ja schon gesagt habe, Talheim liegt in einem Tal und der Steinbruch liegt inmitten des Dorfes, aber auf der ‚falschen‘ Seite. Alle LKW müssen, egal ob bei der An- oder Abfahrt zum Steinbruch, zuerst einen Berg hinunter und dann wieder rauf. Dazwischen liegt unser Dorf mit einer die Breite von ca. 200 Meter. Die Kinder müssen auf dem Weg zum Kindergarten sowie zur Grundschule die von den LKWs befahrene Straße queren, ebenso die Kinder, die zu den Schulbussen müssen. Bedingt durch die steilen Abfahrten und das enge Dorf müssen die Fahrzeuge auf jeder Seite zwei Serpentinen befahren. Innerhalb dieser Serpentinen ist ein Begegnungsverkehr nicht möglich. Die LKWs müssen bei Gegenverkehr jeweils vorher anhalten.

Hier ist also täglich Stress, Feinstaubbelastung und vor allem starker Krach und extreme Verschmutzung zu erwarten. An Ruhe und ein Leben in bisheriger Form ist nicht mehr zu denken. Aber das alles kennen Sie ja selbst in Stuttgart. Alles wurde vorher beschönigt und wenn man jetzt die aktuellen Werte ansieht, ich kann nur sagen, Geld regiert die Welt.

In unserem Dorf haben wir seit Jahren plötzliche Setzungen, also ein Absacken z.B. von Straßenteilen in der Schietinger Straße. Hinter vorgehaltener Hand spricht man von Veränderung von Wasserläufen, was durch den Steinbruch kommen soll. Es sind Ängste vorhanden, was noch alles passieren wird. Was vielleicht passiert, wenn mit Gipskeuper versetztes Material eingebaut wird. Die Häuser im Ortskern von Talheim sind praktisch unverkaufbar geworden. Aber diese Probleme kennen Sie auch schon in Stuttgart. Wir Talheimer hoffen und beten darauf, dass wir es noch schaffen, dieses wahnsinnige Projekt zu verhindern.

Wir hoffen darauf, dass sich die Entscheidungsträger, egal ob in Horb oder in Stuttgart, wirklich sich nochmals objektiv überlegen, ob es richtig ist, dieses Projekt in allen Formen und Varianten durchzudrücken, egal wie hoch die Schäden für Mensch und Umwelt sind und egal mit welchen Folgekosten die nächsten Generationen zu leben haben.

Über Talheim21 haben die Medien bereits mehrfach berichtet, hier zunächste einige dpa-Artikel:
Stuttgart 21 - Horb entscheidet über Anlieferung von Erde
Stuttgart 21 - Streit um Talheim 21 geht weiter
Talheim 21 bleibt aktuell - Patt im Gemeinderat Horb

SWR Zur Sache Baden-Württemberg:
Talheim 21

Schwarzwälder Bote:
Talheim 21: Rechtsanwalt hilft Bürgern
Talheim 21 geht vorerst weiter

Auch im badischen Bretten formiert sich Widerstand gegen S21-Aushubmaterial und die LKW-Fahrten:
Aktion: Kein S21-Bau-Aushub nach Baden – nirgendwo hin!
Kein S21-Bau-Aushub nach Baden – nirgendwo hin!

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7 Responses to Rede von Dietmar Meintel bei der 256. Montagsdemo

  1. Berufsdemonstrant sagt:

    Tja meine lieben Talheimer, damals hat euch Stuttgart 21 nicht interessiert, es ist ja weit weg von eurer Idylle. Jetzt bekommt ihr kalte Füße, weil ihr es damals verpennt habt euch zu informieren. Viel Spaß mit dem Abraum, ich gönne ihn euch von ganzem Herzen.

    • Gerechte sagt:

      der letzte Satz sagt genau das aus, was die S 21 Befürworter von uns hören wollen: Häme untereinander.
      finde ich sehr bedauerlich, dass ein Mit-Montags-Demonstrant so denkt!
      ich freue mich über jede Unterstützung gegen S 21, auch von denen, die damals für die Finanzierung gestimmt haben!

      • M.G.-B. sagt:

        Liebe „Gerechte“, das finde ich auch! Vielleicht hat es ja sein Gutes, nämlich den wichtigen Lernprozess: NIEMALS mehr blindlings glauben, was uns PolyTück und Wirtschaft weismachen wollen!
        Lernt daraus, liebe arme Talheimer! OBEN BLEIBEN! Kämpft weiter mit uns!!!

  2. martin sagt:

    Ja da wird wieder bewußt , das es sich um eine kriminelle Vereinigung handelt, in der Staatsanwälte , Richter , Beamte, Politiker , Wirtschaftsbosse verwickelt sind.Da gilt kein Naturschutz oder sonst ein Gebot oder gar Gesetz.

  3. Petra A sagt:

    Auch andere Orte sind betroffen zB die „Erweiterung des Golfplatzes Schloss Liebenstein in Neckarwestheim (Kreis Ludwigsburg) wird mit S21 Erdaushub auf den Weg gebracht“
    Mit dem vorhabenbezogenen Plan will die Kommune die Erweiterung des Golfplatzes auf den Weg bringen. Der Golfclub Schloss Liebenstein plant (wie berichtet) eine weitere Neun-Loch-Anlage. Das Gelände soll zuvor mit rund zwei Millionen Kubikmeter Erde aus dem Bahnprojekt Stuttgart 21 aufgefüllt werden. Siehe zB HIER
    2.000.000 Kubikmeter Erde (größter Lkw-Kipper fasst 20-21 Kubikmeter) wären ca. 100.000 Lkw-Fahrten hin – und 100.000 Lkw-Leer-Fahrten zurück, auf der immer dicht befahrenen A81

  4. Pingback: Bericht zur Aktion: Kein S21-Bau-Aushub nach Baden – nirgendwo hin! | Bei Abriss Aufstand

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