Morgens um 7 – Bericht vom „Frühstück am Bauzaun“

7:00 morgens am Stuttgarter Bahnhof, Südausgang, Baustellentor. Es schneit. Es regnet. Es ist kalt, sehr kalt. Die Füße eisig. Mit dem Hund vor die Tür gehen? Tierquälerei. Noch was? Ja, sie sind trotzdem da. Elf Demonstranten, mit Bannern, mit Protestschildern. Und guter Laune.

Am Baustellentor hängen an diesem Dienstag, 20. Januar 2015, zwei Banner. „Schluss mit Stadt- und Naturzerstörung“ steht auf dem einen, „Die Blockierer-Info – Ein kleiner Umweg bleibt Ihnen nicht erspart“ auf dem anderen Banner. Die Info gilt den LKW-Fahrern, die heute vor dem von Demonstranten versperrten Tor am Südflügel ankommen und einen Umweg machen müssen, um durch den zweiten Eingang von der Wolframstraße her auf die S21-Baustelle zu fahren. Auf der Südseite jedoch kann das Baupersonal nur zu Fuß auf die Brache im ehemaligen Mittleren Schlossgarten kommen. Am Dienstagmorgen wissen allerdings die meisten LKW-Fahrer, dass – „Frühstück am Bauzaun!“ - nur der hintere Eingang offen, das vordere Tor von Demonstranten verstellt ist.
Auch 100 m entfernt, an der Schillerstraße, stehen Demonstranten mit Schildern. Beim morgendlichen Verkehrsstau zwischen 7 und 8 Uhr denkt mancher Autofahrer, schon dies sei unerträglich. „Ach, süße Unschuld“, möchte man sagen. „wartet erst, bis S21 richtig gebaut wird. Was ihr bisher erlebt, ist nur das Vorgeplänkel. Wartet, bis für den Nesenbachdüker gegraben wird, die Schillerstraße gesperrt, Fahrspuren verengt.“

Beispiel: Talheim, ein fast schon romantisch zu bezeichnendes Dorf bei Horb, in das ein Strom von LKWs den S21-Erdaushub bringen soll. Talheim war Thema der Montagsdemo am Vorabend. Dieses Dorf wähnte sich weit weg von S21. Vielleicht freute man sich dort, nun schneller von Talheim nach Bratislava zu kommen, wenn S21 gebaut wird. Doch „Stuttgart 21 ist überall“, müssen die Talheimer bitter feststellen. So haben Intransparenz, Unwahrheiten und Verschleierung durch die Projektbetreiber bis tief ins Ländle hinein Wirkung gezeigt.

Nein, Häme ist nicht angebracht gegenüber den – wenn auch nur wenigen - Autofahrern, die am Dienstagmorgen den Demonstranten den Vogel zeigen. Warum auch? Ignoranz und Informationsdefizit sind allgegenwärtig. Doch leider hat dieses „Es-wird-schon-nicht-so-schlimm“ fatale Wirkung, denn die Projektbetreiber - die nur zu genau wissen, dass sie S21 nicht aus bahntechnischen Gründen und auch nicht zum Wohle der Bahnreisenden bauen – kennen das psychologische Phänomen der Anpassung von Menschen an unerträgliche Gegebenheiten.
Frustration empfinden die Demonstranten am Bautor nicht. Sie sehen es als ihre Aufgabe an, neben dem Hochhalten von Schildern auch die Menschen, die zur Baustelle kommen, darüber zu informieren, warum die Gruppe von Protestierenden hier steht. (Einige von ihnen sind an jedem Werktag des Jahres da, andere kommen nur dienstags.) So erhält jeder, der die Baustelle betritt, eine aktuelle Infobroschüre angeboten. „Hab´ ich schon,“ wehrte ein Bauarbeiter am Dienstag ab. „Aber auch lesen“, war die Antwort der Demonstranten. Lesen und begreifen, was für ein Unrecht geschieht.

Ist es irrational, wenn elf Menschen - von denen sechs, weil sie Rentner sind und eigentlich bis um 10 Uhr in der warmen Koje liegen bleiben könnten und fünf weitere einen 8-stündigen Vollzeitjob mit hohen Anforderungen haben – morgens um 7 Uhr den Autofahrern ihre Protestschilder entgegenhalten? Mag sein. Aber nicht weniger irrational ist es, am S21-Projekt festzuhalten, 10 Mrd. und mehr Euro an Steuergeldern zu verbauen für einen Bahnhof, der weniger Kapazität haben wird als der bestehende, gut funktionierende. Einen S21-Bahnof, der nur den Projektbetreibern zu ihrem eigenen Vorteil gereicht. Gigantische Steuermittelverschwendung, Gefährdung von Menschenleben und Reduzierung der Bahnkapazität - schon dies allein müsste das Projekt juristisch zum Kippen bringen. Müsste. Juristisch.
All die Gründe, S21 zu bauen, folgen nicht der Ratio (Vernunft), sondern dem Zeitgeist „Gier frisst Hirn“. Dieser Spruch steht seit mehr als zwei Jahren riesengroß auf dem Bauzaun gleich neben den Demonstranten; ein Beispiel von staatlich sanktionierter Meinungsfreiheit. Ist es das neue Logo der Stadt? Wird der Wider-Spruch zum politisch-humanitären Handeln („zum Wohle des Volkes“) nicht erkannt? In einer Zeit, wo Shopping Center und hellbraune, prall mit „Klamotten“ gefüllte Papiertüten zum leuchtenden Aushängeschild einer Stadt gehören, erlangt „Gier frisst Hirn“ schon Kult-Status.

Zurück zum Anfang. Es regnet immer noch. Um 8 Uhr verlassen die Demonstranten ihren Platz. Es wird Kaffee getrunken, leidenschaftlich diskutiert. Bis nächsten Dienstag dann.

(Text und Fotos: P. Brixel)

 

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Ein Kommentar zu Morgens um 7 – Bericht vom „Frühstück am Bauzaun“

  1. Rainer sagt:

    Der Protest muss ins Parlament getragen werden. Ich wünsche mir für die nächste Landtagswahl ein Parteienbündnis zwischen der Partei „Die Linke“ und der Partei „K21“.

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