Ein Aktivist verlässt Stuttgart

                                   Karl (links) bei einer Montagsdemo

Manch einer wird Karl Braig beneiden, diesen Aktivisten und nimmermüden Kämpfer für eine lebenswerte Stadt – denn Karl wird Stuttgart verlassen. Vor einigen Jahren war er von Calw in die Landeshauptstadt gezogen, nun aber sagt er: „Ich habe gemerkt, dass die Stadt nichts für mich ist. Hier kann ich nicht so naturverbunden leben, wie ich es mir wünsche. Meine konkrete Vision ist eine andere. Eine Umwelt  für Menschen, für Tiere und Pflanzen zu schaffen bzw. zu bewahren, die allen eine lebenswerte Zukunft ermöglicht. “ So wird er in wenigen Wochen ins Allgäu ziehen, was tatsächlich ein bemerkenswerter Kontrast zu dieser feinstaubverseuchten und von Baustellen zerstörten Stadt Stuttgart ist.

Deshalb sind alle, die sich von Karl verabschieden wollen, die noch einmal solidarisch mit ihm am Bautor stehen wollen, die sich erinnern wollen an gemeinsame Blockaden und Erlebnisse, an durchwachte Nächte am Südflügel und im Park, an gemeinsame Prozesse am Amtsgericht und an Gespräche und Diskussionen über eine bessere, gerechtere Welt … alle sind eingeladen, am Dienstag , 11. Juli 2017, ab 7:00 Uhr (bis 9:00) von und mit ihm Abschied zu nehmen bei Sekt, Saft und Selters, Kuchen und Frühstücksbrötchen.

Karl ist seit Anfang 2010 beim Widerstand gegen S21. Er hat nichts ausgelassen, was man als Aktivist machen kann. Er hat dafür „büßen“ müssen, indem er immer wieder vor Gericht stand und immer  wieder in seinen engagierten, berührenden, appellierenden Einlassungen seine politischen und humanistischen Ideale dargelegt hat. Er hätte durch das Bezahlen seiner Strafen die Prozesse abwenden können; aber er wollte vor Gericht sagen, was zu sagen war. Eindringlich. Er hatte die Hoffnung, dass ihm irgendwann einmal  ein Richter oder eine Richterin zuhört, auf seine Argumente eingeht; aber sie taten es nie. Sie haben ihn nicht begriffen, weil zivile Ungehorsame in Stuttgart den Stempel von Kriminellen tragen und dem Gericht lästig sind.

Karl hätte resignieren können, aufgeben, er tat es nicht. Sein vorletzter Prozess war am 6. Oktober 2016 am Landgericht. Da sagte er in seinem Schlusswort: „Eine andere Welt ist möglich. Die Ingenieure und Architekten für K21 haben es in ihrem Konzept Umstieg 21 gezeigt. Wir haben die Vision, dass es möglich ist umzusteigen.“ Er übergab dem Richter die Umstiegsbroschüre und sagte: „Ich lade Sie ein, in diese Richtung mitzudenken.“  Dies ist seine Art eines Vermächtnisses: Der Appell an die Vernunft, an den Weg der Menschlichkeit. „Ich lade Sie ein umzudenken!“  Worte eines Aktivisten in Stuttgart, der Bäume, Gelände, Bahn-Gebäude und Rathaus besetzt hat, aber immer mit beeindruckender Freundlichkeit bei aller Hartnäckigkeit.

Karl ist ungebrochen ins Gefängnis gegangen, um seine Geldstrafe abzusitzen. Er ist ungebrochen herausgekommen - das verdient Hochachtung vor seiner Aufrichtigkeit.  Karl vor Gericht: „Die Repressionen sollen uns brechen, damit wir aufhören, Störer dieses zerstörerischen Systems zu sein. Das werden Sie aber nicht schaffen.“  Ein "leuchtendes Vorbild" wollte er nie sein, er ist nur seinen Weg gegangen. Gradlinig. Bescheiden. Leise. In der Hoffnung, dass er Seelenverwandte trifft. Viele von uns hat er so beeindruckt, dass er zu einem der Motoren des zivilen Ungehorsams wurde. Wer kann das von sich sagen? Der Stuttgarter Widerstand gegen S21 verdankt auch ihm, dass es den Widerstand immer noch gibt. Respekt!

Dies soll keinesfalls ein Nachruf sein, eher eine wehmütige Erinnerung. Aber es tut auch gut, sich von Zeit zu Zeit einmal der ersten Jahre im Kampf gegen S21 zu erinnern, in denen Karl immer zur Stelle war, wenn es um kreative Aktionen ging. Dies soll am Dienstag, 11. Juli, noch einmal aufflackern. Für Karl und auch für uns. Denn Karl sagte stets: „Ich bin nichts ohne die Solidarität.“ Die soll er am Dienstag spüren.

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3 Kommentare zu Ein Aktivist verlässt Stuttgart

  1. behrendt sagt:

    es macht schon ein bischen wehmütig das ein grosser kämpfer das feld reumt.
    karl war immer ein ruhepol bei den demos.
    nun ist bei ihm auch die puste raus.ein ende ist ein neur anfang ich wüsche ihm alles gute.
    die jugendoffensive, laufdemo,holger isabell,die demosanitäter
    all die gruppen sind von der bildfläche verschwunden.
    auch der parkschützerrat hat sich aufgelöst und so weiter und so vort man könnte lustig weiter machen. aber auch diese gruppen waren ehrwürdige kämpfer. die demonstierenden sind noch im tiefschlaf und wachen auf wenn es zu spät ist das ist so gewollt.

    • Lea sagt:

      Die Demonstrierenden sind nicht im Tiefschlaf, die auf dem Sofa sind es.

      DANKE für alles Karl! Hab es gut im schönen Allgäu!

  2. behrendt sagt:

    lieber karl
    ich wünsche dir einen guten neuanfang in deinem neuen zuhause.
    nun hoffe ich das zuhause ist von sauberer luft umgeben und nicht so dreckig wie in stuttgart in den letzten jahren.
    genieße die natur um dein neues zuhause.

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