Stuttgart 21, der Aufsichtsrat der DB und der geplante Fernbahnhof am Flughafen

Rede von Steffen Siegel, Schutzgemeinschaft Filder, auf der 402. Montagsdemo am 29.1.2018

Liebe Freunde,

die Chaostruppe der Bahn schlägt in immer kürzeren Abständen mit immer abstruseren Ideen zu. Dem S21-Komplott steht das Wasser offensichtlich bis zum Hals. Selbst die bislang bis auf wenige Ausnahmen doch sehr bahnkonforme Presse findet für dieses Chaos Worte, wie ich sie kaum schöner formulieren könnte. Z.B.:

  • Sicherheitsrisiko, Wortbruch, Vertrauensbruch
  • Flughafengesellschaft und Landtag sind über neue Pläne geschockt
  • S21 ist rational nicht mehr erklärbar (genialer Stern-Artikel von Arno Luik)
  • S21 ist eine kapitale und folgenschwere Fehlentscheidung (Minister Hermann)

usw. usw.

Da bekommt selbst der bornierteste Proler Schwitzehändchen. Doch sogleich kann er in seiner Borniertheit wieder aufatmen: Hat doch ein bahnfreundlicher Gutachter der Bahn bestätigt, dass die nun gehandelten 8,2 Milliarden für das Projekt nun aber wirklich ganz, ganz seriös gerechnet sind. Wie blöd muss man eigentlich sein, um denen schon wieder auf den Leim zu gehen?

Pofalla brüstet sich absurderweise damit, dass dadurch, dass er jetzt nicht mehr von 7,9 Mrd. spricht, wie noch vorletzte Woche, sondern jetzt von 8,2 Mrd., das Ganze noch viel seriöser ist, schließlich habe er sich jetzt ehrlich gemacht. Ja und bisher, frage ich, war er da unehrlich?? Ich bin sicher, auch mit dieser 8,2 Mrd.-Aussage wird Pofalla auf den Po fallen.

Dabei kann sich niemand die 8,2 Milliarden wirklich vorstellen. Angenommen, jemand legte jeden Tag – auch sonntags – 100 000 Euro zurück. Wann hätte er beginnen müssen, um 8,2 Milliarden beieinander zu haben? Nun ich sag‘s euch: Vor genau 225 Jahren, also 1793, 4 Jahre nach der Französischen Revolution – Goethe war damals noch ein junger Mann – damals hätte man beginnen müssen, täglich 100 000 € zu sparen.

Andererseits, stellt euch vor, wir hätten noch die herrlichen Bäume im Park und einen intakten Kopfbahnhof mit dem bundesweit einzigartigen, genialen Tunnelgebirge und wir würden einfach einen gigantischen Berg Banknoten im Wert von 8,2 Milliarden auf dem Schillerplatz vor dem noch nicht geschändeten Bonatzbau öffentlich verbrennen, wären wir trotz dieser abstrusen Geld-Hinrichtung nicht immer noch viel besser dran? Viel besser als mit der ewigen, verheerenden Baugrube im Herzen Stuttgarts, die ich, um mit Donald Trump zu sprechen, nur als „Shithole“ bezeichnen kann!

Flughafen – Filder

Seit 2002 gab es fertige Filderpläne, diese waren aber nicht genehmigungsfähig, da sie der Rechtslage (insbesondere beim Mischverkehr) widersprachen. Aber dann kam nach 8 Jahren Stillstand ein Herr Ramsauer und erließ eine Ausnahmegenehmigung. Was ist das für ein Rechtssystem, wenn ein einfältiger Minister das Recht im Handstreich außer Kraft setzen kann? Dann wieder langer Stillstand. Aus Rechtfertigungsgründen inszenierte man eine windige Bürgerbeteiligung, den Filderdialog, der überraschenderweise das Projekt gegen alle Bahnvoraussagen ausbremste. Also holt man die Keule heraus, stößt die engagierten Bürger vor den Kopf und behauptet, sie hätten Prämissen verletzt, und zieht die unsinnige Antragstrasse wieder aus der Tasche. Ein Planfeststellungsverfahren für diese konnte selbst das willfährige EBA nicht genehmigen und in der Not teilt man den Filderabschnitt in zwei Teile a und b und genehmigt im Handstreich, ohne öffentliche Beteiligung den Abschnitt a. Auch dies ist ungesetzlich und wir klagen dagegen, mit eurer Hilfe!!

Wieder passiert fast 2 Jahre lang nichts. Weder die Klage noch der Bau gehen voran, noch wird ein Planfeststellungsverfahren für Teil b auch nur begonnen. Personen kommen und gehen. Irgendwann kam irgendwer auf die Idee eines dritten Gleises am Terminal und alle jubeln, dass man jetzt alles für immer im Griff habe usw. usw.

Wer allerdings dachte, es könne doch nicht noch abstruser kommen, wurde in den letzten Wochen eines Besseren belehrt. Wie schlimm muss es um dieses Projekt stehen, wenn plötzlich alles, was sie uns bisher mit brachialer Unfähigkeit vorgesetzt haben, auf den Kopf gestellt wird:

  1. Der Tiefbahnhof unter der Messe soll plötzlich oberirdisch an der Durchlaustrecke liegen. (Dies wurde von Bahn und Politik im Filderdialog und im PFV 1.3 noch empört abgelehnt).
  2. Der dritte Gleis-Halt wird aufgegeben, vermutlich wegen Brandschutzproblemen.
  3. Für den dann veränderten Gäubahnhalt am neuen Bahnhof beim Messeparkhaus werden verschiedene, völlig unausgegorene Vorschläge mit z.T. 3 km langen Tunneln unter der Startbahn kolportiert.
  4. Am Flughafen sollen statt bisher täglich ca.100 Fernzüge jetzt nur noch 6 halten. Ein Sturm der Entrüstung schwappt durchs Lager der S21- Freunde, ja sogar Kommunen, Stadt, Region und Land sind empört. Erinnert euch, wie man all unsere guten Ideen damit abgespeist hat, dass angeblich Prämissen verletzt worden seien, jetzt kümmern sie sich selbst nur noch einen Dreck um diese sog. Prämissen.
  5. Die Bahn rudert prompt, nicht sehr überzeugend ein wenig zurück.
  6. Der Ausstieg käme teurer als der Weiterbau. Pofalla sagt, die Ausstiegskosten betrügen 4,8 Mrd. Wie komme ich nur auf betrügen. Bisher sprach er noch von 7 Mrd. Das ist echte Ehrlichkeit, wenn sich etwas in Wochenfrist um mehrere Milliarden ändert, oder?
  7. Der Aufsichtsrat ergibt sich am Freitag unterwürfig den Vorgaben von Pofalla (8,2 Mrd. und Fertigstellung 2025).

Die Filderpläne müssen jetzt völlig neu konzipiert werden – man könnte sich ja vielleicht beim Berliner Flughafen BER Rat holen – man bräuchte neue Pläne, neue Genehmigungsverfahren und Anhörungen usw. Das hieße, es wäre erst viele Jahre später fertig als die Neubaustrecke Ulm – Wendlingen. Müssten die Züge von Ulm dann in Wendlingen Kopf machen? Nun, die Ulmer S21-Freunde können darüber gar nicht lachen.

Unsere Fachleute, insbesondere unser großartiger Klaus Gebhard, schlagen eine Einschleifung ins Neckartal und dann über Esslingen in den Stuttgarter Kopfbahnhof vor.

Und noch etwas:

Stellen wir uns das Bisherige vor, der ICE nach Ulm startet im Stuttgarter Kellerbahnhof und beschleunigt mühsam im steilen Fildertunnel aufwärts, um dann am Echterdinger Ei schließlich ans Tageslicht zu kommen. Unmittelbar drauf schleift er sich abbremsend in einen Tunnel unter der Messe ein, um dort in einem neuen ICE-Tiefbahnhof zu halten. Das gibt es in ganz Deutschland nicht noch mal, dass der ICE innerhalb von 8 Minuten zweimal hält. Das ist Schwachsinn auf Schienen!  S21 erlaubt keinen Integralen Taktfahrplan, das ist Schwachsinn auf Schienen! S21 erlaubt im Tiefbahnhof sogar Doppelbelegungen auf extrem schiefen Ebenen, das ist Schwachsinn auf Schienen! Durch S21 wird der Güterverkehr auf die Straße verlagert, das ist Schwachsinn auf Schienen! Das Tunnelgedärm unter Stuttgart ist extrem gefährdungsanfällig. Wenn es irgendwo quillt, haben wir einen Darmverschluss (Shithole) und das System bricht zusammen, das ist unterirdischer Schwachsinn auf Schienen! Usw. usw.

Wie ist all dies nur möglich? Bei den Machern, bei der Bahn, der Politik, der Justiz usw., d.h. bei hunderten von ausgewachsenen, studierten, z.T. klugen Leuten, ja Fachleuten, geht kein Aufschrei durch die Reihen. Es können doch nicht alles Dummköpfe oder Unfähige oder ängstliche Mitläufer sein. Vielleicht ist es wie bei kleinen Kindern, dass sie sich, einmal in eine Lüge verstrickt, unentrinnbar immer weiter in Widersprüche verwickeln und verdrängen – aber hier, bei Erwachsenen? Wie ist das möglich?

Nur ganz wenige, wie z.B. Hany Azer oder Frei Otto oder auch der Bundesrechnungshof wagten den Aufstand, wurden aber gleich rüde angegangen oder zum Schweigen verdonnert. Die Schuld an Terminproblemen und Kostensteigerungen werden Eidechsen, Juchtenkäfern und auch unserer Klage zugeschrieben. Wir leben in einer total verrückten Welt!

Bei all den Auseinandersetzungen wundert man sich über den Dilettantismus derer, die das Projekt vorantreiben wollen. Was unterscheidet die von uns?

Wir haben keine teuren Zuarbeiter, wir erarbeiten unsere Alternativen selbst, wir machen unsere Flugblätter selbst, wir verteilen sie selbst, wir nehmen unsere Freizeit und unser persönliches Geld in Anspruch. Die andere Seite schwimmt im Geld, lässt wahnwitzig teure Gutachten erstellen, hat Heerscharen von Juristen und Werbeleuten, lässt sich herumchauffieren, lässt drucken und verteilen und alles auf Kosten der Steuerzahler, das heißt, wir zahlen nicht nur unseren Widerstand, wir zahlen auch noch deren miserable Arbeit!  Ein Wunder, dass wir die trotz allem in so große Schwierigkeiten bringen.

Wir haben eben einfach die besseren Leute und damit die besseren Argumente! Wir fühlen uns der Wahrheit mehr verpflichtet als irgendwelchen windigen Mehrheiten und wir beherrschen – im Gegensatz zu denen – sogar die Grundrechenarten!

Lasst uns in Wendlingen ins Neckartal einschwenken, lasst uns einen S-Bahnringschluss bauen, lasst uns die Gäubahn über Vaihingen erhalten, mindestens dies müssten jetzt alle Proler fordern und lasst uns Umstieg 21 angehen und lasst uns stolz und mit erhobenem Haupt oben bleiben!

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Ein Kommentar zu Stuttgart 21, der Aufsichtsrat der DB und der geplante Fernbahnhof am Flughafen

  1. F. Staerke sagt:

    Bravo!

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