Stuttgart 31 und Denkmalschutz, jetzt schon? Gedanken zu Stuttgarts Kollateralkathedrale

Rede von Dr. Norbert Bongartz, Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, auf der 812. Montagsdemo am 6.7.2026

Im Satire-Magazin „Der Postillon“ war es vor Kurzem schwarz auf weiß zu lesen: S21 sei unter Denkmalschutz gestellt worden! Die mitgelieferte Begründung, formuliert in einer gut verständlichen Amtssprache, war in meinen Augen als erfahrener Denkmalpfleger durchaus plausibel. Und doch fand ich diese Nachricht unerhört: Wie kann man ein – zugegeben spektakuläres – Bauwerk noch vor seiner Eröffnung unter Schutz stellen? Und: Beträgt der üblicherweise respektierte zeitliche Abstand zwischen dem Bau und der Unterschutzstellung eines Kulturdenkmals nicht mindestens 30 Jahre?

Ich stürzte mich in eine tiefe Nachdenklichkeit… und fand bald ein prominentes Beispiel für eine vergleichsweise kurze Zeitspanne zwischen dem Bau und seiner Unterschutzstellung, hier in Stuttgart: Die 1927 (nach nur eineinhalb Jahren!) fertig gestellte Weißenhofsiedlung am Killesberg wurde 1958, nach nur 31 Jahren, unter Denkmalschutz gestellt! Also können wir uns fragen: Warum jetzt nicht auch S21?

Ich muss zugeben, dass mich der Postillon-Luftballon auch geärgert hat: Warum war ich nicht selber schon auf diese pfundige Idee gekommen… Andererseits fand ich die Idee absurd, sich den Schutz für eine Dauerbaustelle auszudenken, einschließlich der falsch verlegten Kabel!

Der Plot des „Postillons“ ist, den Denkmalschutz nach den ersten 16 Jahren Bauzeit zu reklamieren, also lange, bevor das Mega-Projekt überhaupt fertig ist! Die Bauzeit, soweit das bislang zugegeben worden ist, wird im Fall von Stuttgart 31 ja mindestens 21 Jahre betragen, kaum ein Bauvorhaben dauert heute so viele Jahre. Aber wie wars in früheren Jahrhunderten?

Den Schlüssel zu einem weiteren Gedanken hat mir eines der den Tiefbahnhof adelnden Gleichnisse geliefert: Die neue Bahnhofshalle ist schon wiederholt als „Kathedrale“ bejubelt worden.

Mein Wissen um die Baugeschichte vieler gotischer Kathedralen hilft mir, den Kathedral-Vergleich in einem Aspekt zu akzeptieren: So wie bei Stuttgart 21 auch, hat sich ihre Bauzeit bei den meisten von ihnen über mehr als eine Generation erstreckt, mit der Folge, dass die meisten gotischen Kathedralen im Laufe ihrer Bauzeit einen Wechsel ihrer Baumeister erlebten, was oft zu Planänderungen führte. Doch die zentralen Räume der mächtigen Kathedralbauten in Laon, Chartres, Bourges, Reims und Amiens sind in durchschnittlich 25 Jahren erbaut worden – zugegeben: noch ganz ohne Kanäle für Elektrokabel.

Mit dem Kathedralvergleich assoziieren wir in unseren Köpfen hoch aufragende, lichte und vielschiffige gotische Bischofskirchen in Nordfrankreich und England. Für mich mutet dieser Vergleich mit dem Tiefbahnhof geradezu grotesk an, denn die niedrige unterirdische Halle gleicht eher einer breiten Grotte mit Oberlicht-Fenstern. Den von Klaus Gebhard erfundenen Vergleich der Kelchstützen mit Urinalen will ich hier nicht weiter strapazieren, ebenso wenig wie meine eigene Bezeichnung der Kelchstützen als „Pfifferling-Stützen“...

Mit seiner Deckenhöhe von nur 13 Metern plus Lichtaugenhöhe von bis zu 7 Metern lässt sich der Tiefbahnhof überhaupt nicht mit einer Kathedrale vergleichen, eher mit einer monumentalen Krypta, wie man die niedrigen Unterkirchen romanischer Abteien oder Wallfahrtskirchen nennt.

Die um 1200 herum erbauten gotischen Kathedralen weisen im Durchschnitt eine Gewölbe-Höhe von über 30 Metern auf; im Kölner Dom erreichten die Gewölbe sogar die Höhe von 43,30 und in der Kathedrale von Beauvais aufgrund eines Planwechsels sogar die gewagte Rekordhöhe von 48 Metern. Der ehrgeizige, aber tragische Baumeister der zweiten Baukampagne hat 1284 vielleicht noch den Einsturz von Teilen des Chorbaus in Beauvais erleben müssen... Die Kathedrale wurde zwar wieder repariert, aber nie fertiggestellt, auch die in Le Mans blieb unvollendet. Und die in Clermont-Ferrand und in Köln sind erst im Lauf des 19. Jahrhunderts vollendet worden.

Einen Einsturz der Halle des neuen Tiefbahnhofs in Stuttgart wird man wohl nicht zu befürchten haben, wohl aber erleben wir mit der weiteren Verzögerung seiner Eröffnung gerade das Scheitern auch dieses zu ehrgeizigen, überzüchteten, letztlich tragischen Projekts, noch bevor es in Betrieb genommen werden kann.

Der neueste Gag des Postillions, in China sei ein Nachbau von Stuttgart 21 eröffnet worden, nach einer Bauzeit von nur 8 Monaten, ist ja wirklich unglaubhaft... Ebenso unglaubhaft wie die Behauptung, zu der sich Claus Schmiedel 2011 verstiegen hatte: Gottes Segen ruhe auf Stuttgart 21. Das hat sich hienieden bisher nicht bestätigt.

Die Projektpartner von S21 stehen, jeder wie der Zauberlehrling in Goethes gleichnamiger Ballade, zunehmend hilflos vor dem Misserfolg ihrer selbstverantworteten Gruppenträume, immer noch auf der vergeblichen Suche nach dem Notausgang. Immer noch verschließen sie ihre Ohren vor unserem traditionellen Weckruf: OBEN BLEIBEN! (So langsam können die uns leid tun…)

Nein, stopp, noch sind wir nicht am Ende, da kommt noch was: Im Konzept von S21 fehlen, so wie sich das Projekt seither fehlentwickelt hat, mehr als drei Bauteile:

  1. Es sollte noch eine Agentur geplant werden, in der Wetten auf das fahrplangerechte Zustandekommen von Fahrten mit der Deutschen Bahn abgeschlossen werden können.
  2. Was auch noch fehlt: ausgedehnte Aufenthaltsräume für wartende, gestrandete oder depressiv gewordene Reisende.
  3. fehlt eine Kapelle, in der die Reisenden entweder ein Dankgebet für eine überraschend ohne Abenteuer gelungene Reise sprechen oder um den Segen für ihre bevorstehende, hoffentlich gelingende Reise bitten und eine Kerze aufstellen können. Diese drei zusätzlichen Module ergäben mit dem neuerdings geforderten neuen Technikgebäude vielleicht einen zweiten Bahnhofsturm für die noch unvollendete Grottenkathedrale.

Und viertens fehlt mir auch noch ein großer öffentlicher Beichtstuhl, in dem die so vielen Verantwortlichen und an dem tragischen Irrtum aller Projektpartner von S21 immer noch Mitverantwortlichen ihre Sünden, Lügen und sonstigen Verfehlungen beichten können, ja sollen!

Für den wüsste ich eine passende Lösung, angeregt durch die ziemlich mutige Rede von Hartmut Bäumer vor zwei Wochen: Solange wir noch genügend Gründe haben, für den Kopfbahnhof und gegen S21 zu demonstrieren, stellen wir gerne diese Bühne für weitere Schuld-Bekenntnisse zur Verfügung, von Menschen, die endlich den Mut aufbringen, ihr Gewissen zu entlasten. Ob wir bereit wären, ihre Bitte um Vergebung anzunehmen?

Rede von Norbert Bongartz als pdf-Datei

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