Rede von Andreas Schwab, Parkschützer, auf der 821. Montagsdemo am 7.9.2026
Wer bundesweit und darüber hinaus an Stuttgart denkt, spricht über das Milliardenloch Stuttgart 21, falsche Versprechen und 1000 Lügen über eine goldene Zukunft. S21 ist das herausragendste Beispiel für Größenwahn, die Gier nach Abriss von Bewährtem, Betonorgien, die wenige bereichern und viele ärmer machen.
Der Blick auf Stuttgart ist geprägt von Arbeitsplatzabbau, Abstieg und rückwärtsgewandter Stadtentwicklung, die jede noch so kleine Parzelle zur Versiegelung freigibt, als träfe die Klimakatastrophe den Stuttgarter Kessel nicht ganz besonders hart.
Ich lade Sie und Euch zu einem Spaziergang zu einigen der Stuttgarter Löcher ein – aber keine Angst, nach einem kleinen Horrortrip durch die Stadt gibt es eine gewagt optimistische Aussicht, denn wir wissen, tiefe Krisen ermöglichen auch große Chancen.
Hat Mann oder Frau, wie im Juni bei 41 Grad in praller Sonne, den Fernwanderweg vom Kopfbahnhof zur Königstraße geschafft – im wörtlichen Sinn – stehen wir vor dem ersten, sich im Abriss befindenden Komplex: das ehemalige Hotel am Schlossgarten mit dem gesamten Umfeld. Als ankommende Reisende wollen wir unseren Rundgang bei der Stadtinformation beginnen, aber wir stehen vor einem entkernten Geisterhaus, die Stadtinfo ist jetzt einen Kilometer Fußweg entfernt am Marktplatz. Eine Stadt, die sich immer wieder selbst als Leuchtturm berauscht, hat keine Stadtinfo im Umfeld des Hauptbahnhofs!
Will man weiter zur Oper, sind die Wege durch die bisherigen Galerien durch den Abriss schon gesperrt. Durch einen engen, von Bretterwänden eingehausten Durchlass, in dem sich Fußgänger und Radfahrer gegenseitig behindern, kommt man in den Oberen Schlossgarten. Um den Mittleren Schlossgarten haben wir mit allem, was wir geben konnten, gekämpft, und nun stehen wir im von Baustraßen durchfurchten Oberen Schlossgarten. Ein weiterer massiver Eingriff und Angriff auf den innerstädtischen Park, halb zu asphaltiert, obwohl wir so dringend mehr Schatten und Kühlung schaffende Bäume brauchen.
Weiter gehts zur Eberhardtstraße gegenüber vom Breuninger, der erste Komplex des gerade vor 40 Jahren in massiver Bauweise errichteten Schwabenzentrums ist abgerissen. Der amerikanische Investor gibt sich als ökologisch vorbildlich aus, er habe Teile des Fundaments erhalten, und im Betrieb werde es das erste CO2-neutrale Gebäude der Stuttgarter Innenstadt sein. Mehr Greenwashing geht nicht, denn das Schwabenzentrum hätte in seiner Massivität und der in ihr gespeicherten Bauenergie noch eine sehr, sehr lange Lebensdauer gehabt.
Ich bin weder Stadtplaner noch Architekt und kann somit keine tiefgründige Analyse der einzelnen Projekte abgeben. Als Bürger gehe ich einfach mit offenen Augen durch unsere Stadt, die sich in einer von der Stadtverwaltung in engster Union mit der Investoren- und Betonlobby betriebenen Abrissorgie befindet. Selbst auf den windigen Betrüger René Benko hat sich die Stadt noch eingelassen, als gegen ihn schon längst ermittelt wurde, und dessen kriminelle Energie für jeden, der hinschauen wollte, sichtbar war. Ihr Vorkaufsrecht hat die Stadt auch beim sich abzeichnenden legendären Benko-Loch an der Königstraße nicht genutzt.
Die Stuttgarter Zeitung berichtet am 26. August von der „Insolvenz in Eigenverantwortung“ des Investors Pandion AG, der am Diakonissenplatz Wohnungen „im gehobenen Preissegment“ bauen will. Eine kleine 2-Zimmer-Wohnung wäre ab 420.000 Euro zu haben gewesen!
Ein ebenfalls von Pandion verantwortetes Projekt am Budapester Platz, am Rand des völlig versiegelten Europaviertels – unserer Stuttgarter Bratpfanne – steht mit der Insolvenz in den Sternen, was angesichts der bisher erfolgten extrem dichten Bebauung so bleiben sollte!
OB Nopper meinte kürzlich, „mit dem heutigen Wissensstand wäre das Europaviertel so nicht gebaut worden“. Diese identische Wortwahl haben wir doch von einem Bahnchef nach dem anderen zu S21 gehört, um dann die falsche Weichenstellung unbeirrt und finster entschlossen weiterzuführen und das jeweilige Desaster zu vergrößern.
Sie wissen, was sie tun und handeln nach der Devise: „Ist der Ruft erst ruiniert, reißt`s sich völlig ungeniert – ab!“
Um das anerkanntermaßen für Wohnungsbau und Stadtentwicklung bestens geeignete Eiermannareal – die frühere IBM-Hauptverwaltung in Vaihingen – ist es erstaunlich ruhig geworden. Daher lohnt sich ein Blick auf die Geschichte des Areals, auf dem längst so dringend benötigter erschwinglicher Wohn- und Lebensraum stehen könnte, würde die Stadt ihre Gestaltungskompetenz nutzen.
Der Eiermann-Campus wurde von 1972 bis 2009 von der IBM Deutschland als Hauptverwaltung genutzt. Der Großteil der Gebäude wurde als hervorragendes Beispiel der Nachkriegsmoderne zum Kulturdenkmal erklärt. Im Jahr 2000 verkaufte die IBM den Komplex an die HIH Hamburgische Immobilien Handlung, nutzte ihn aber noch bis 2009. Dann sollte das Areal unter dem Namen Carré 5 vermarktet werden, die Projektgesellschaft meldete aber bereits 2011 Insolvenz an, und der Insolvenzverwalter stellte 2013 angesichts des sich verschlechternden Zustands der Gebäude einen Abrissantrag. Ein vom damaligen OB Kuhn einberufenes „Eiermann Kolloquium“ sollte die als Kulturdenkmal deklarierten Gebäude des Areals dauerhaft erhalten, blieb aber letztlich ergebnislos.
2015 kaufte der Investor Gerchgroup AG das gesamte Areal. Der Gemeinderat fasste einen Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan, der eine erhebliche Nachverdichtung zur Wohnraumbebauung ermöglichen sollte. Nun wurde es Garden Campus Vaihingen genannt, die Gerchgroup wurde von einer Ssn Group AG übernommen, diese ging in der Consus Real Estate AG auf, die wiederum 2020 von der Adler Group übernommen wurde. Bekanntlich ist die Adler Group in erheblicher finanzieller Schieflage und versucht bundesweit, wesentliche ihrer Projekte abzustoßen.
Ihr seht, wie mit möglicher Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum umgegangen wird: es wird spekuliert und wie im Casino hochriskant gezockt, um mit dem Verfall eigentlich hochwertiger Substanz durch Abriss statt Erhaltung Rendite gemacht werden soll.
Seit 2020 „erwägt“ die Stadt, das Areal zu übernehmen, entschieden ist weiterhin nichts. Meine Frage an unsere Fraktionen im Gemeinderat: arbeitet auch die Stadtverwaltung klammheimlich am Verfall, um das Areal für den nächsten Spekulanten attraktiv zu machen?
Zum Schoettle-Areal in Heslach, dem Gebäude des früheren Statistischen Landesamtes: Hier kämpft seit Jahren eine bunte Heslacher Stadtgesellschaft darum, das seit Jahren leerstehende Gebäude mit Wohnen, Arbeit und Kultur zu beleben und nutzbar zu erhalten. Die Stadt lehnte es ab, das Gebäude vom Land zu erwerben und die fachkompetente Stadtteilgesellschaft einzubinden. Zuerst wurde Hoffnung verbreitet, um die Initiativen dann auszuhungern. Auch hier ist die Stadt aktiv, Wohn- und Kreativräume zu vernichten.
Der ehemalige Kaufhof am Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt ging 1976 in Betrieb, und das Gebäude wurde 2022 nach einer Lebensdauer von 46 Jahren abgerissen. Der Wilhelmsplatz gilt ja als hässlichster Platz Stuttgarts, seit 2022 hat man nun durch die Baulücke sogar von der Stadtbahn aus freien Blick auf die Cannstatter Altstadt. Es wäre ein Traum an Lebensqualität für die Cannstatter, entstünde statt des geplanten gesichtslosen „Neubaus für Handel und Büros“ ein begrünter Platz mit Café und Spielplatz. 2023 erwarb die LBBW das Grundstück, hat sogar Baurecht, stellt aber keinen Bauantrag. Dämmert es der LBBW vielleicht, dass das gut 200 Meter entfernte und hochfrequentierte Cannstatt Carré den Bedarf an Einkauf und Konsum völlig abdeckt, und Stuttgart wie andernorts einen sehr hohen Büro-Leerstand aufweist? Es wäre ja nicht das erste Immobilienprojekt, aus dem sich die LBBW in Stuttgart wegen fehlender Rendite verabschiedet.
Das Trauerspiel um die Villa Berg: sie wurde um 1850 im Stil der italienischen Hochrenaissance errichtet und steht seit 21 Jahren leer! 2007 wurde sie vom SWR an die dann 2010 insolvent gegangene Häussler Group verkauft, ging weiter an die PDI Property Development Investors GmbH, bis sie 2015 nach Bürgerprotesten völlig heruntergekommen für 300.000 Euro von der Stadt gekauft wurde. Da inzwischen marode, muss sie für 110 Mio. saniert werden. Durch die schon damals geforderte, viel frühere Übernahme durch die Stadt hätten sich die Sanierungskosten enorm reduziert.
Aber die Stadtspitze hält der Beton- und Investorenlobby ihren Treueschwur, bis diese ihr den übriggebliebenen, nicht mehr verwertbaren Schrott vor die Füße kippt.
Zurück in die Innenstadt: der gesamte Komplex an der Haltestelle Liederhalle/Hohe Straße ist entmietet und steht leer, und die Auflistung von organisiertem Verfall könnte unendlich fortgesetzt werden.
Ich danke euch, dass ihr diesen groben Überblick begleitet habt. Man könnte weitermachen mit den vehement betriebenen Abrissplänen der Schleyerhalle, dem Wittwer oder dem Verfall der früheren Reichsbahndirektion, aber die werden von dieser Bühne weiterhin öffentlich gemacht.
Die ganz großen Fässer ohne Boden, S21, das Rosensteinviertel und die Opernsanierung wurden heute nicht berührt, hierzu wissen wir hier auf der Montagsdemo umfassend Bescheid.
Und wo bleibt der Optimismus?
Die Krise von S21, die milliardenteure Opernsanierung, die dauerhafte Hochverschuldung der Stadt und Investorenpleiten sind zu viele Löcher, die nicht mehr gestopft werden können. Wie die entstehenden „Brachen“, das Schreckgespenst im Gemeinderat, genutzt werden, liegt nicht zuletzt an uns als Stadtgesellschaft. Wir schauen hin und stellen Forderungen an eine Stadt, die auf ihre auch hausgemachte Klimakatastrophe reagiert, deren Leuchttürme Kopenhagen, Wien oder Paris heißen und nicht rückwärtsgewandte Konzepte aus dem vorigen Jahrtausend.
Angela Merkel war nicht unsere Freundin, aber in einem hatte sie recht:
Wir schaffen das!
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