Schönen guten Abend an diesem 30. September,
verehrte Stuttgarter Protest-Gesellschaft. Ich grüße Euch vor unserem zerfallenden Denkmal der mutwilligen Zerstörung.
Die Kunst hat uns gelehrt, dass auch Steine sprechen können. Und wenn die Steine genug gesprochen und die meisten Menschen nicht zugehört haben, dann fallen sie eben aus der Wand. Immerhin waren die Muschelkalkbrocken dieser Ruine hier so freundlich, bei ihrem Sturz aus der Fassade niemanden zu erschlagen. Es waren solidarische Steine. Sie haben lediglich ein hässliches Loch in der Wand hinterlassen, und hässliche Löcher sind symbolisch für Stuttgart 21 und den Umgang mit einer Stadt, deren Politik die Stadtplanung den Immobilien-Spekulanten zugeschanzt hat.
Der Name „Schwarzer Donnerstag“ steht ja auch für ein großes schwarzes Loch – für die dunklen politischen Machenschaften, die das Lügen als legales Propagandamittel betrachten. Natürlich nennt man Vertuschen, Lügen und Verharmlosen nicht Propaganda, sondern Kommunikation. Und die allermeisten fallen darauf rein.
Neulich war ich wieder in dieser Stuttgarter Bahnhofsruine, um eine Freundin an einem Bahnsteig irgendwo im Nirwana abzuholen. Der Zug hatte Verspätung, ich stand eine Weile herum, ehe mich eine junge Frau ansprach: „Suchen Sie Hilfe?“ – „Nein“, sagte ich, „auf diesem Bahnhof kommt jede Hilfe zu spät.“ Dann sah ich das Shirt der jungen Frau mit der Aufschrift: „Baustellen-Buddy“. BB. Ich muss jetzt bei dieser ach so originellen Bezeichnung aus der Stabreim-Abteilung des Propaganda-Büros auf die präzise Aussprache achten: Es heißt „Buddy“, hart und schnell mit einem A-Laut gesprochen. Also nicht etwa „Body“, weich mit einem angedeuteten O-Laut. „Buddy“ bedeutet „Kumpel“. „Body“ heißt Leiche.
Ich wäre keinesfalls überrascht gewesen, auf dieser Stuttgarter Chaos-Station einer Baustellen-Leiche zu begegnen. Vielleicht war sie gerade aus einem zum Himmel stinkenden Milliardengrab namens Stuttgart 21 geflüchtet. weiterlesen






